Wie Oasen in der Wüste – Warum jede Kirche einen Wald braucht

Gemäss der äthiopisch-orthodoxen Lehre sollte eine Kirche, um eine «richtige» Kirche zu sein, von einem Wald umgeben sein. Er sollte dem Garten Eden ähneln. Dadurch ist die Kirche in Äthiopien zum grössten Naturschützer geworden.
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Kirche umringt von einem Wald in Äthiopien

Gemäss der äthiopisch-orthodoxen Lehre sollte eine Kirche, um eine «richtige» Kirche zu sein, von einem Wald umgeben sein. Er sollte dem Garten Eden ähneln. Dadurch ist die Kirche in Äthiopien zum grössten Naturschützer geworden.  Vor hundert Jahren war das äthiopische Hochland ein grosser, zusammenhängender Wald. Heute haben Landwirtschaft, Zerstörung und Dürre ihre Spuren hinterlassen und von dem einst riesigen Waldgebiet ist kaum mehr etwas übrig. Einige wenige kleine Waldflächen gibt es jedoch noch, dank der Kirche, die sie beschützt und vor Zerstörung bewahrt hat.

«Wir verdanken es der Schutzherrschaft und dem Segen der Kirche, dass diese Waldflächen heute noch existieren», bestätigt der Waldökologe Alemayehu Wassie. Die «Kirchenwälder» sind Oasen des Friedens und Lebens mitten in der Wüste. «Hier besteht ein tiefer geistlicher Zusammenhang – Gott schenkt Gnade, wenn man hier betet. Je mehr ich Bäume studiere, umso mehr verstehe ich sie. Je mehr ich ihre Bedeutung sehe, desto faszinierter bin ich.»

Verbindung zwischen Wald und Kirche

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Dr. Alemayehu Wassie

Seit 1992 arbeitet Dr. Wassie mit Priestern und deren Gemeinden zusammen, um Äthiopiens gefährdete Kirchenwälder und ihre Artenvielfalt zu erhalten. «In jeder Pflanze liegt Gottes Kraft, Gottes Schatz, Gottes Segen. Wenn also jemand einen Baum pflanzt, dann betet der Baum mit jeder seiner Bewegungen, dass diese Person länger leben möge», erklärt Aba Gebre Mariam Alene, ein äthiopisch-orthodoxer Priester. «Wir müssen unseren Wald ebenso kultivieren und fördern wie unsere nachwachsende Generation. Wenn wir die neuen Triebe weiterhin zerstören und die alten Bäume irgendwann abgestorben sind, werden wir sie durch nichts ersetzen können. Wenn die Kirche ihren Wald verliert, wird sie auch sich selbst verlieren.»

Seit Jahrhunderten beschützt die Kirche die Waldgebiete, und umgekehrt waren diese Wälder ein Segen für die Kirche. Es war sozusagen ein beidseitiger Gewinn. «Die Kirche selbst entstand aus diesen Waldflächen», sagt Alene. «Alle Wandgemälde und Bibelverse auf der Innenwand wurden mit Hilfe von Blättern, Wurzeln, Rinde und Blumen hergestellt, und zwar bereits vor 1'000 Jahren. Sie leben voneinander, sind ineinander verflochten. Die Kirche lebt im Wald, der Wald lebt in der Kirche.»

Hoffnung auf Wiederherstellung

«Ökologisch ausgedrückt ist das Ganze grösser als die Summe seiner Teile», erklärt Dr. Wassie. «Im Wald gibt es Tausende von Lebewesen. Das Ökosystem ist unglaublich komplex, es ist ein Mysterium.» Er beschreibt weiterhin, wie die Kirchenwälder als Vorbild für den Rest des Landes dienen können. «Wir müssen lernen, mit den Wäldern zu leben. Solange es diese Kirchenwälder gibt, können wir die Landschaft wiederherstellen. Das ist meine Hoffnung und meine Vision.»

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