Ein «leidiges» Thema – Warum Gott mich nicht besonders bewahrt

Gott bewahrt seine Kinder. So lautet ein weit verbreiteter Gedanke. Das ist an sich nicht verkehrt. Aber oft wird er sehr absolut vorgebracht und sogar noch an geistliche Bedingungen geknüpft. Das ist allerdings nicht haltbar – findet Hauke Burgarth.
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Zerstörtes Haus

Gott bewahrt seine Kinder. So lautet ein weit verbreiteter Gedanke. Das ist an sich nicht verkehrt. Aber oft wird er sehr absolut vorgebracht und sogar noch an geistliche Bedingungen geknüpft. Das ist allerdings nicht haltbar – findet Hauke Burgarth.

Ich bin immerhin 57 Jahre alt. Wenn ich das aus der Perspektive «Bewahrung» sehe, bedeutet das: Ich habe bereits jede Menge Beinahe-Unfälle er- und überlebt. Und ich bin Gott dankbar, dass nichts Dramatisches passiert ist und ich noch auf meinen beiden Beinen stehen kann. Doch lässt sich daraus ein Muster erstellen? Vielleicht gar, weil ich als Christ lebe? Ich denke nicht. Und ich fürchte, dass uns die Bibel bei einer realistischen Sicht zum Thema Bewahrung sogar im Weg stehen kann.

Schlechte Nachrichten

«Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten», lautet ein journalistisches Motto. Es zeigt, dass vieles, das wir im Internet, in den Fernsehnachrichten oder im Radio mitbekommen, nicht das vollständige Bild ist: Dabei gibt es sie – die guten Nachrichten. Aber selbst, wenn die Berichte über Katastrophen, Kriminalität und Chaos nicht alles sind, sind sie ein deutlicher Bestandteil unserer Realität. Schlechte Nachrichten kommen eben nicht nur vor, wenn ich ihnen Raum gebe, sondern sie sind da. Und sie betreffen jede Menge Menschen: In Afghanistan wie in Moldawien, in weiter Ferne wie in direkter Nachbarschaft, bei Christen wie bei Andersgläubigen. Und manchmal betreffen sie mich persönlich.

Abrahams Gebet

Und was tue ich als Christ, wenn Leid, Angst und Tod mir (zu) nahe kommen? Dann erinnere ich mich an Bibelverse wie den in 1. Petrus Kapitel 5, Vers 7: «Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.» Eine tröstliche Zusage des Apostels, der … selbst hingerichtet wurde. Oder ich denke an Abraham, der engagiert für Sodom betete. Wenn sich zehn Gerechte darin fänden, wollte Gott die Stadt verschonen. Das Ergebnis ist bekannt. Es waren nicht genug Gerechte da und Gott zerstörte die Stadt (vgl. 1. Mose 1Kapitel 18, ab Vers 16). Im Hinterkopf mag nach dieser Geschichte ein Gedanke hängenbleiben: Wenn genug Christen genug beten, dann verhindern sie drohendes Unglück. Nun finde ich persönlich es gut, Christ zu sein, und ich bete auch. Aber ich denke nicht, dass die Schlussfolgerung legitim ist, dass die Kombination rettet. Dieser Gedanke lässt sich weder auf heute noch auf andere Katastrophen übertragen. Wer es dennoch tut, tritt meiner Meinung nach noch hinterher, wo jemand anderes schon am Boden liegt. Nach dem grossen Tsunami in Asien 2004 waren viele Christen weltweit bei den Helfenden. Gut so! Manche allerdings schwadronierten von Gottes Gericht über Menschen, die ihn abgelehnt hätten. Es lebten wohl nicht genug Gerechte in Myanmar …

Blick in die Geschichte

Dabei zeigt nicht nur ein ehrlicher Blick in die Bibel sondern auch einer in die Geschichte, dass Unheil, Leid und Tod, Menschen unabhängig von ihrem Glauben treffen. Ich freue mich, wenn mir jemand erzählt, dass er Gott dankbar ist, weil sein Haus bei einer Überschwemmung stehengeblieben ist. Und es gruselt mich, wenn jemand im Brustton der Überzeugung sagt: «ICH habe eben gebetet. Deshalb ist MEIN Haus auch stehengeblieben.» In Klammern: Schade, dass die Nachbarn, die dem Unwetter zum Opfer gefallen sind, nicht so gläubig waren wie ich.

Ich weiss, dass diese Sätze sehr spitz klingen und vielen Christinnen und Christen nicht gerecht werden. Aber sie kommen vor – und leider gar nicht so selten. Oft rühren solche Aussagen von einem Denken her, das die Theologie «Tun-Ergehens-Zusammenhang» nennt. Auf Deutsch: Wenn dir etwas passiert, dann muss das auch einen Grund haben – und zwar bei dir. Nun zeigt ein Blick in die Geschichte, dass bei der Pest früher genauso viele Christen wie Nichtchristen umkamen. Ganz aktuell: Covid-19 betrifft alle Menschen gleichermassen, unabhängig von ihrem Glauben. Kriege forderten ihre Opfer genauso gleichmässig wie Erdbeben und andere Naturkatastrophen.

Manchmal dreht sich das Unglück sogar gegen Christen. An Allerheiligen 1755 wurde Portugal von einem gewaltigen Erdbeben heimgesucht. Zehntausende Menschen starben – besonders diejenigen, die sich gerade in den Kirchen befanden.

Die Turmfrage

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Hauke Burgarth

Die Frage, ob Gott mich besonders bewahrt, wenn ich ihm besonders vertraue, wurde natürlich auch Jesus gestellt. Auch wenn sie manchmal andersherum formuliert wurde und nach der Schuld der Opfer fragte. Und Jesus antwortete darauf immer mit einem klaren Nein. Nach einem tödlichen Unfall, der damals die Nachrichten beherrschte, meinte Jesus zum Beispiel: «Oder jene achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und sie erschlug, meint ihr, dass diese schuldiger gewesen sind als alle anderen Leute, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch …» (Lukas Kapitel 13, Vers 4).

Bewahrung oder nicht?

Wenn ich im Regen nass werde, dann kann ich mich fragen, was Gott mir dadurch zu sagen hat. Ich kann allerdings auch schliessen, dass es an dem Platzregen liegt, in den ich wie viele andere auch geraten bin. Viele Dinge geschehen einfach, und es gibt keine Erklärung dafür. Auch Christen sterben an Krebs.

Manches Leid gehört eher zur Kategorie «selbst verursacht». Wenn ich bei Baumfällarbeiten im Wald spazieren gehe oder Medikamente zur Behandlung meiner Krankheit ablehne, dann bin ich persönlich davon überzeugt, dass ich dieses unkluge Verhalten nicht mit Gebet kompensieren kann. Dann steht Gott fragend neben mir und denkt sich: «Wofür habe ich ihm sein Hirn gegeben?»

Tatsache ist allerdings, dass sich die meisten Katastrophen nicht auf Schuld oder mangelndes Gebet zurückführen lassen. Und jeder Erklärungsversuch ist unpassend. Ich wurde bewahrt, weil ich gebetet habe oder gläubig bin? Mein Nachbar ist gestorben, weil … Das passt nicht. Weil es alltägliche und aussergewöhnliche Umstände in einen geistlichen Zusammenhang stellt, in den sie nicht gehören. Was sagte Jesus zu den Todesopfern in Siloah? Sie waren nicht schuldiger als andere. Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Eine wichtige Frage gehört noch an den Schluss: Kann Gott Menschen bewahren? Davon bin ich überzeugt. Aber er tut es nicht nach einem Schema, das für uns nachvollziehbar wäre. Gebet und Geistlichkeit sind Trümpfe, die hier nicht stechen. Denn Gott beantwortet die Frage des Leides nicht, er trägt aber hindurch.

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