Leben in einer Konsumgesellschaft – Vom Verbrauch bis zum Zwang

Eine Tätigkeit begleitet uns fast Tag und Nacht: das Konsumieren. Die verschiedenen Aspekte dieses Handelns machen uns zur Konsumgesellschaft. Wissen wir eigentlich, was wir in dieser Gemeinschaft tun? Gedanken dazu von André Galli.

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Komsum

Eine Tätigkeit begleitet uns fast Tag und Nacht: das Konsumieren. Die verschiedenen Aspekte dieses Handelns machen uns zur Konsumgesellschaft. Wissen wir eigentlich, was wir in dieser Gemeinschaft tun? Gedanken dazu von André Galli.

Konsumieren leitet sich aus dem Lateinischen «consumere» ab und heisst
zuerst einmal verbrauchen oder, im Falle von Lebensmitteln, verzehren.
Das Wort «Konsum» wird, ausser wenn damit einer der orangen
Grossverteiler gemeint ist, meist als wirtschaftlicher Fachbegriff
verwendet. Aber beim Blick auf die Wortbedeutung tauchen
untergeordnete Begriffe und häufig verwendete Substantive auf, in denen
der Begriff Konsum enthalten ist. Das gibt ein breiteres, erleuchtendes
Bild: Dauerkonsum, Drogenkonsum, Nachrichtenkonsum, Konsument,
Konsumgenossenschaft, Konsumgesellschaft, Konsumismus, Konsumrausch,
Konsumsteuer, Konsumterror, Konsumverweigerer, Konsumverzicht...

Disco mit Konsumzwang

Mir fällt beim Stichwort Konsum eine weitere Wortzusammensetzung ein, die mit einem Erlebnis verbunden ist. Als ich vor vielen Jahren eine Kollegin in ein Lokal zwecks Musikgenuss begleitete, machten wir es uns nach dem Entrichten des Eintrittsobolus erst einmal auf den Sesseln bei der Lounge gemütlich, um den Discobeginn abzuwarten. Unverzüglich tauchte eine schwarz gekleidete Kellnerin auf und wollte unsere Bestellung aufnehmen. «Ein Bier oder ein Panache», bestellte meine Kollegin. «S' isch no guet für mi» (Für mich noch nichts), gab ich zu Protokoll. Darauf lächelte mich die Kellnerin adrett an und sagte ein einziges Wort: «Konsumationszwang». Ich schluckte leer und wechselte einen Blick mit meiner Kollegin. Dann stand ich auf und verliess das Lokal noch vor Beginn des Konzertes. Noch heute muss ich der adretten Kellnerin Respekt für ihre Geradlinigkeit zollen. Denn nur selten fällt einem der Entscheid zwischen Konsum und Konsumverzicht so leicht.    

Insel mit Konsumvielfalt

Zurück in die Gegenwart. Diesen Sommer verbrachte ich mit einer Freundin nach einer einwöchigen Konferenzveranstaltung in Athen eine Woche Ferien auf der Insel Santorini in der Ägäis. Als wir unser Reiseziel im Vorfeld erwähnt hatten, schwärmten manche von der Schönheit dieses Ortes. Andere sprachen düstere Warnungen aus: die Insel sei in der Hochsaison hoffnungslos überlaufen. Kurz: Übertourismus und Konsumterror. Nach einer Woche Santorini kann ich urteilen: Beide Stimmen hatten Recht. Ja, es ist wunderschön dort: Da gibt es schneeweisse Häuser und Kirchen über schwarzen vulkanischen Felsen und Klippen und dem tiefblauen Meer. Und ja, der Verkehr mit Mopeds, Cars, Vans und den unsäglichen Quads, aber auch die Touristenströme zur Mittagszeit in Fira und Oia (sprich «í-a») von freigelassenen Kreuzfahrtschiffshorden waren ein Schauspiel der anderen Art. Im Vergleich zu meinem ersten Erlebnis fiel hier der Entscheid schwerer, da es ein unüberschaubares Konsumangebot, aber keinen offensichtlichen Konsumationszwang oder einen Konsumverzichtszwang gab. Was also sollten wir konsumieren? Auswärts essen? Ein Ausflug zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte? Einen Tag am Strand... mit oder ohne Sonnenschirm, mit oder ohne Drink, mit oder ohne Zusatzmassage? Ein Ausflug zu den vulkanischen Inseln mit Segelschiff, inklusive Bordgrillade und Shuttleservice vom Hotel zum Hafen? Wasserjetskifahren?

Es geht nicht ohne Abwägen

Ähnliche Fragen stellen sich uns auch in unserem Alltag. Man spricht nicht umsonst von der Konsumgesellschaft und ihrer Krise. Konsumgesellschaft bedeutet unter anderem «die Anbindung der Identität der Menschen an ihren Besitz und ihre Konsumpraktiken», «die Entstehung der Kategorie Konsument» und «eine veränderte Einstellung zum Verbrauch, die den Übergang von der Reparatur- zur Wegwerfgesellschaft kennzeichnete». Ein gewisses Mass an Konsum ist natürlich unverzichtbar. Wir müssen Getränke, Nahrung, Bildung und vieles mehr konsumieren, um überhaupt leben zu können. Aber wann wird es zu viel? Hier hilft das Frau Moser-Prinzip weiter, das da lautet: «We da jede wett.» Will heissen: Wenn sich jeder so verhält wie ich, wenn jeder der acht Milliarden Menschen auf der Erde so konsumiert, wie ich das tue, ist das längerfristig verkraftbar oder führt es zum sozialen oder ökologischen Kollaps? Ein bisschen akademischer formuliert landet man von da direkt beim kategorischen Imperativ von Kant: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Oder man erinnert sich an den Spruch, der gemeinhin Mahatma Gandhi zugeschrieben wird: «Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.» Dieses ständige Abwägen zwischen Konsum und Konsumverzicht ist nicht abstrakt. Es fordert uns direkt heraus, theologisch und ökologisch.

Die biblische Herausforderung

Ich bin kein Theologe, bloss ein interessierter Laie, möchte aber zwei Dinge zu bedenken geben. Einmal die bekannte Stelle mit dem Kamel, das nicht durchs Nadelöhr passt. Das Nadelöhr als blosse Metapher für ein Törchen in der Jerusalemer Stadtmauer hat sich als theologisch unhaltbare aber weit verbreitete Wohlfühlexegese etabliert, mit der die radikale Aussage Jesu abgeschwächt worden ist. Ein Kamel passt einfach nicht durch ein Nadelöhr. Deshalb braucht es ein göttliches Eingreifen, damit ein Reicher ins Reich Gottes kommt! Dann die Bergpredigt, in deren Zentrum Jesus die Wahl zwischen den beiden Herren stellt: Den einen wird man lieben, den anderen hassen. Wir müssen uns also entscheiden. Der eine Herr ist Gott. Der andere Herr ist der Mammon. Mammon, das bedeutet für mich Reichtum und die Sorge um den Reichtum, die den Menschen zum masslosen, nie zufriedenen Dauerkonsumenten reduziert.

Die ökologische Grenze

Ökologisch ist die Sache klar: Wir leben auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen. Wenn wir mehr verbrauchen als uns zusteht, wenn wir Luft, Wasser, Ackerland und vieles mehr verschwenden, und wenn wir mehr konsumieren als nachwachsen kann, verlieren ärmere Menschen, unsere Nachkommen und andere Geschöpfe ihre Lebensgrundlage. Unserem Konsum sind natürliche Grenzen gesetzt. Daraus leitet sich das Konzept der planetaren Grenzen oder ökologischen Belastungsgrenzen ab: Wenn wir zum Beispiel die globalen Stoffflüsse von CO2 oder Stickstoff zu stark aus ihren natürlichen Grenzen bringen, kann das System Erde nicht mehr sicher funktionieren – mit verheerenden Folgen für alle. Einige dieser planetaren Grenzen haben wir mit grosser Wahrscheinlichkeit bereits überschritten, wir bewegen uns in der Gefahrenzone. Und ausserirdische Ressourcen werden diese drohenden Gefahren in diesem Jahrhundert nicht bannen, egal wie sehr einige Multimilliardäre solche Ideen verbreiten.

Wir müssen unser Zuhause ordnen

Ich bin Weltraumphysiker und würde auch gerne mal zum Mars fliegen oder die Ringe des Saturns von nahem sehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir als Menschen und Geschöpfe Gottes zuerst einmal auf unserem Planeten durch dieses Jahrhundert kommen müssen, um eine interplanetare und überhaupt irgendeine Zukunft zu haben. Dazu müssen wir uns besinnen, welchem der beiden Herren wir dienen wollen. Das heisst auch ein Stück weit Konsumverzicht. Wir müssen unsere Wirtschaft und Gesellschaft so gestalten, dass Dauerkonsum nicht mehr das alleinige Ziel ist. Und wir müssen uns politisch engagieren, um den Umbau zu einer gerechten und ökologisch verkraftbaren Gesellschaft umzusetzen. Dazu gehört es, dass wir uns eingestehen: Neue Technologien sind unabdingbar zum Bewältigen der vielfachen ökologischen und sozialen Herausforderungen, aber ohne einen gewissen Verzicht wird es nicht gehen. Die Alternative zu Konsumverzicht kann Verzicht auf Zukunft oder Verzicht auf Gerechtigkeit heissen.

Sehen statt konsumieren

Und wie war das nun auf Santorini? Wir verzichteten auf das Wasserjetskiangebot und auf die Bootstouren und stiessen dafür auf andere, wenig erwähnte Wege, Quellen und Kirchlein. Der vermutlich schönste Ort auf der Hauptinsel wird kaum von Touristen heimgesucht, vermutlich weil es dort kein Restaurant gibt und der Pfad nicht Quad-gängig ist: Verlässt man beim höchsten Punkt der Hauptsiedlung die Touristenpromenade, führt ein Pfad auf einen riesigen Felsvorsprung des Vulkangesteins hinaus; er ist von drei Seiten vom Meer umgeben. In der Ferne sieht man die anderen Inseln der Zykladen jenseits von Santorini und Thirasia, hinter sich die schneeweissen Häuser am Kraterrand oben und auf der von Fira abgewandten Seite eine einsame weiss-blaue Kirche im Felsen über dem Meer.

Zum Original-Artikel auf Forum Integriertes Christsein

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