Weisheiten aus Schweden – Tomas Sjödin: «Es gibt so viel, was man nicht muss»

Tomas Sjödin ist ein schwedischer Pastor und Schriftsteller. Seit 30 Jahren verfasst er Kolumnen für Zeitungen wie den Göteborgs-Posten, die er in seinem neuen Buch zusammengestellt hat.

«Von der Einfachheit des Lebens, des Glaubens und der Liebe» lautet der Untertitel des neuen Buchs von Tomas Sjödin. Ich habe es gelesen, weil mir ein Freund sagte: «Wenn du mal ein Buch von Sjödin bekommst, dann lies es. Es lohnt sich.» Was soll ich sagen? Er hat recht behalten. Tomas Sjödin ist ein schwedischer Pastor und Schriftsteller. Seit über 30 Jahren verfasst er regelmässig Kolumnen für Zeitungen wie den Göteborgs-Posten. 77 davon hat er jetzt zusammengefasst. Das entstandene Buch ist dabei viel mehr als eine willkommene Zweitverwertung seiner Texte. Die Zusammenstellung offenbart vielmehr so etwas wie Lebensthemen, rote Fäden, die sich durch das gesamte Schaffen des Schweden ziehen. Unter anderem sind dies sein Fokus auf Liebe, sein Erleben, dass der Glaube an Gott trägt, und sein Kampf gegen all das, was wir scheinbar «müssen».

Jemand, dem man zuhören kann

Ich lese gern, und ich lese viel. Doch es gibt diese Bücher, bei denen ich nach 45 Seiten «verhungere», weil sie vielleicht einen wichtigen Inhalt haben, aber sprachlich so schlecht sind, dass das Lesen eine Qual ist. Oder weil ihr Thema eben nicht mein Thema ist. Das ist bei Sjödin anders. Hier habe ich beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass wir bei einer Tasse Kaffee zusammen in seinem Wohnzimmer sitzen und plaudern. Nicht belanglos daherreden, sondern interessant, relevant und humorvoll über etwas sprechen, was uns beide gleichermassen betrifft.

Tomas Sjödin hat einen wachen Blick für alltägliche Dinge, für Hintergründe und Zusammenhänge und wenn er vom Innehalten redet, tut er das als aktiver Mensch: «Wenn man zu der Sorte Menschen gehört, die ein aktives Leben führt, dann ist das Nichtstun nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit.» Last but not least tut es gut, einmal keinem amerikanischen Christen zuzuhören, der sein Thema durch Wiederholungen umkreist und erschliesst. Sjödins Kurztexte drehen sich zwar um wenige Themen, sind aber nicht so penetrant redundant wie viele seiner US-Kollegen.

Jemand, der etwas zu sagen hat

«Es gibt so viel, was man nicht muss» ist im besten Sinne ein Andachtsbuch. Die einzelnen Kolumnen darin lassen sich unabhängig voneinander ohne grossen Zeitaufwand lesen – jedes Kapitel ist etwa zweieinhalb Seiten kurz. Aber sie treffen jeweils den Nagel auf den Kopf. Jedes einzelne lässt mich als Leser mit dem Gedanken zurück: «Stimmt, genau so ist es». Und Sjödin schafft es, diesen Eindruck ohne übertriebene Simplifizierung zu erreichen. Im Gegenteil: er vereinfacht keine komplexen Zusammenhänge, lässt das Leben so kompliziert und unerklärlich, wie es nun einmal ist. Und trotzdem entsteht durch seine Gedanken eine neue Perspektive auf Trauer, Freundschaft, Gebet und nicht zuletzt auf meinen Alltag.

Kurz, tief und nah

Wenn ich Tomas Sjödins Buch mit drei Begriffen zusammenfassen sollte, würde ich mich für «kurz, tief und nah» entscheiden. Seine präzise Kürze ist ein wichtiges Merkmal. Eine alte Rhetorikregel lautet: «Reden heisst, seine Zuhörer zu informieren, zu unterhalten – und sich kurz zu fassen.» Alles drei zusammen bedeutet Arbeit. Sjödin hat sie investiert und damit prägnante Lesbarkeit erreicht.

Die einzelnen Abschnitte sind gleichzeitig philosophisch und glaubensmässig tief – sie sind nicht nur «ins Unreine gesprochen», sondern bis zum Ende durchdacht, ohne dass diese Tiefe mir als To-Do-Liste das eigene Denken abnehmen würde.

Und der für mich wichtigste Punkt: Sjödin schreibt sehr persönlich und nah. Er formuliert keine theologischen Richtigkeiten, sondern spricht zum Beispiel als Vater, der zwei seiner Söhne zu Grabe tragen musste über Trauer, Prioritäten oder Gebet. Und damit werden diese Themen greifbar und persönlich.

Es gibt so viel, was man nicht muss

Ich habe das Buch von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Das werden Sie auch, wenn Sie nach intelligenten, persönlichen, ermutigenden Gedanken für Ihren Alltag suchen. Durch die Kürze der Abschnitte eignet sich das Buch sogar für Nicht-so-gern-Leser. Nur die Bereitschaft, sich hinterfragen zu lassen, sollten Sie mitbringen. Sie durchdringt das gesamte Buch – wie in der ersten Geschichte, in der ein gestresster Geschäftsmann ein Kloster aufsuchte, um sich auszuruhen. «Im Kloster angekommen, zeigte man ihm das Gästehaus und den kahlen Raum, der ihm zugewiesen worden war. Der freundliche Mönch, der ihn begleitete, nannte die Essenszeiten und die Gebetszeiten und betonte, dass alles freiwillig sei. Dann wandte er sich zur Tür, um zu gehen, drehte sich aber noch einmal um. 'Übrigens: Wenn Sie noch irgendetwas brauchen, sagen Sie es uns! Dann zeigen wir Ihnen, wie man darauf verzichtet'.»

Tomas Sjödin: Es gibt so viel, was man nicht muss. Von der Einfachheit des Lebens, des Glaubens und der Liebe. 256 Seiten, gebunden.

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