Im Tennis wie im Leben – Tennis-Coach Giacopelli: «Wer Kontrolle abgibt, spielt freier»

Pablo Giacopelli (46) ist Argentinier und lebt heute als Tennis-Coach mit seiner siebenköpfigen Familie in Israel. Vor kurzem erschien sein Buch «Matchball» im Fontis-Verlag. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Pablo Giacopelli (46) ist Argentinier und lebt heute als Tennis-Coach mit seiner siebenköpfigen Familie in Israel. Vor kurzem erschien sein Buch «Matchball» im Fontis-Verlag. Wir haben uns mit ihm unterhalten über die Wichtigkeit, im Wettkampf und im Leben die Kontrolle abzugeben, um «frei spielen» zu können.

Was waren rückblickend die richtungsweisenden Entscheidungen in Ihrem Leben als WTA Tennistrainer?
Pablo Giacopelli: «Lebe einen Tag nach dem anderen» – das ist eine meiner grössten Entdeckungen, die ich gemacht hatte. Sie führte dazu, dass ich mich dazu entschied, die Art und Weise, wie ich lebte und coachte, zu ändern. Als ich die Gnade dazu gefunden habe, mein Bedürfnis nach «gewinnen» und «erfolgreich sein» loslassen zu können, eröffnete sich mir ein neuer Raum, den man im Sport als «Die Zone» kennt. Ich konnte nun die kleinen Dinge sehen, die ausserhalb meiner Box existierten. Mit der Zeit schwappte dieser Lebenswandel auf meine Spielerinnen über, die dadurch auch neuen Schwung in ihrem Leben und ihren Karrieren erfuhren. Was dazu führte, dass sie alle in ihren Karrieren mehr erreichten als jemals zuvor.

Was hat Ihr Leben, insbesondere im Leistungssport, jahrelang geprägt?
Ich habe entdeckt, dass Tennis genau wie das Leben aus dem Herzen entspringt und nicht aus dem Verstand. Viele Menschen meinen, dass Tennis zu 95% etwas Mentales ist. Doch was sie dir nicht sagen: Das Geheimnis ist, den Verstand ruhig halten zu können, damit das Talent in dir ganz in das Spiel fliessen kann, wenn du spielst. Wir müssen aufhören, alles kontrollieren zu wollen. So können wir die Energie nutzen und uns voll auf das Spielen konzentrieren – statt auf das «Spielen um zu gewinnen» oder «um zu versuchen, nicht zu verlieren».

Welche Auswirkungen hatte diese Orientierung in Ihrem Leben (als Trainer)?
In der «Zone» habe ich grossen Frieden erfahren und den Glauben, dass alles irgendwie gut ausgehen wird. Die harte Arbeit musste zwar noch immer getan werden und der Druck war immer noch genauso hoch, aber trotzdem habe ich mit der Zeit bemerkt, dass keins von beiden mich und meine Fähigkeit, zu funktionieren, eingeschränkt hat. Das hat mir oft geholfen, ein beruhigender Faktor für meine Spielerinnen zu sein. Ich konnte ihnen meine eigenen Glaubensreserven weitergeben, die mir viel Zuversicht gaben, dass sie erfolgreich sein würden.

Was war der Auslöser, dass Sie nicht mehr so weiterfahren wollten/konnten?
Der grösste Feind, zu leben und zu funktionieren, ist die Angst zu versagen und das Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen. Mit der Zeit realisierte ich, dass ich am meisten die Kontrolle hatte, wenn es gerade nicht danach aussah. Das bedeutet: Je mehr ich den Gedanken losgelassen habe, ein bestimmtes Ergebnis erzielen zu müssen, desto selbstsicherer und fokussierter wurde ich – egal, was vor mir lag.

Was bezeichnen Sie als Meilensteine in Ihrer sportlichen Karriere?
Anderen dabei zu helfen, zu erkennen, was sie werden und erreichen können – und sie darin zu coachen, dies zu erreichen und weiter zu kommen.

Was dies auch mit seinem christlichen Glauben zu tun hat, erfahren Sie in seinem Buch «Matchball» (Fontis Verlag).

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