Gehorsam war nie das Ziel – Römer 13 und die Unterordnung der Christen

Die Bibel spricht von Unterordnung unter Autoritäten. Paulus betont in Römer, Kapitel 13: «Jedermann ordne sich den Obrigkeiten unter». Petrus bestätigt das Ganze. Christliche Freiheit finde im Innern statt. Stimmt das so?
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Proteste gegen die Diktatur in der Ukraine

Die Bibel spricht von Unterordnung unter Autoritäten. Paulus betont in Römer, Kapitel 13: «Jedermann ordne sich den Obrigkeiten unter». Petrus bestätigt das Ganze. Christliche Freiheit finde im Innern statt. Stimmt das so?

Im scheinbaren Kontrast zur biblischen Idee der Unterordnung unter Autoritäten hält der jüdische US-Historiker Howard Zinn fest: «Unser Problem ist nicht der zivile Ungehorsam. Es ist der zivile Gehorsam. Unser Problem ist, dass Menschen auf der ganzen Welt den Befehlen ihrer Führer gehorchen… und Millionen wurden durch diesen Gehorsam getötet.» Die unrühmliche Rolle vieler Christen während der NS-Zeit scheint ihm recht zu geben. Doch was bedeuten dann die biblischen Aussagen zur Unterordnung wirklich?

Paulus, Petrus und die Unterordnung

Was sagen die biblischen Autoren eigentlich genau? Paulus betont: «Jedermann ordne sich den Obrigkeiten unter, die über ihn gesetzt sind; denn es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre; die bestehenden Obrigkeiten aber sind von Gott eingesetzt. Wer sich also gegen die Obrigkeit auflehnt, der widersetzt sich der Ordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst die Verurteilung zu» (Römer, Kapitel 13, Vers 1-2). Sein apostolischer Kollege Petrus sekundiert: «Ordnet euch deshalb aller menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen» (1. Petrus, Kapitel 2, Vers 13).

Das sind klare Worte. Zumindest scheinen es klare Worte zu sein. Sie werden in dem Moment schwierig zu begreifen, wo wir sie nicht als Christen in einem freien Land lesen, sondern wo unser Oberhaupt Putin, Erdoğan oder Duterte heisst. Sie werden in dem Moment problematisch, wo wir uns in einem freien Land demokratisch engagieren und Demonstrationen oder abweichende Meinungen plötzlich zu «fehlender Unterordnung» werden.

Herodes, Engel und der Ungehorsam

Spannenderweise zeigen Petrus und Paulus in ihrer Biografie, dass hier keinesfalls von einem Kadavergehorsam die Rede sein kann. Derselbe Petrus, der hier Unterordnung predigt, ergreift die Gelegenheit beim Schopf, als seine Gefängnistüren sich wunderbarerweise öffnen, und flieht. Er ordnet sich eben nicht unter Herodes Unrechtsurteil unter (Apostelgeschichte, Kapitel 12).

Derselbe Paulus, der hier Unterordnung predigt, erfährt in Damaskus, dass er verurteilt oder gar getötet werden soll. Aber so lange wartet er nicht. In einem Korb lässt er sich bei Nacht und Nebel über die Stadtmauer in Sicherheit bringen. Auch er ordnet sich nicht unter (Apostelgeschichte, Kapitel 9).

Haben die beiden Apostel nun Wasser gepredigt und Wein getrunken? Haben sie von anderen erwartet, was sie selbst nicht leisten wollten? Das könnte man meinen. Oder wir verstehen den Begriff «Unterordnung» falsch.

Ordnung statt Unterordnung

Der Schlüssel liegt offensichtlich in dem verwendeten Begriff, der in deutschen Übersetzungen meist mit Unterordnung wiedergegeben wird. Tatsächlich gibt es ein griechisches Wort für Unterordnung im Sinne von Gehorsam: hypakouo. Dieses Wort betont die Hierarchie, den Gehorsam, das Unterordnen. Die Bibel verwendet es für Kinder, Diener und Soldaten (z.B. Epheser, Kapitel 6, Vers 1). Sie verwendet es auch für Christen gegenüber Christus, aber nicht gegenüber der Obrigkeit. In unseren Textstellen wird ein anderer Begriff verwendet: hypotasso. Anders als beim vorigen Begriff liegt hier die Betonung auf einer natürlichen Ordnung, nicht auf dem Gehorsam.

Plötzlich macht das Ganze Sinn: Es geht Paulus und Petrus gar nicht um einen unbedingten Gehorsam gegenüber staatlichem Unrecht. Es geht ihnen vielmehr darum, dass absolut jeder Staat in gewisser Weise das Zusammenleben seiner Bürger regelt. Und diese gesellschaftliche Ordnung ist erst einmal in Ordnung. Christen sollten den Staat an sich also nicht ablehnen. Doch natürlich können (und sollen!) sie sich seinen ungerechten und zerstörerischen Ambitionen entgegenstellen.

Damals und heute

In der Geschichte begann diese Auflehnung bei den hebräischen Hebammen Schiphra und Pua, die sich einfach weigerten, die neugeborenen Jungen der israelitischen Mütter zu töten. «Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, was ihnen der König von Ägypten befohlen hatte, sondern sie liessen die Knaben leben» (2. Mose, Kapitel 1, Vers 17). Und es hörte beim zivilen Ungehorsam des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer noch lange nicht auf. Dieser betonte die Pflicht einzugreifen mit den bekannten Worten, dass Christen «nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen» hätten.

Ungehorsam darf nicht dazu dienen, die eigene kleine Weltsicht in den Mittelpunkt zu rücken. Doch Gehorsam darf auch nie dazu führen, staatliches Unrecht zu zementieren. Howard Zinn unterstreicht zu recht: «Historisch gesehen resultierten die schrecklichsten Dinge – Krieg, Völkermord und Sklaverei – nicht aus dem Ungehorsam, sondern aus dem Gehorsam.»

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