Verborgene Talente – Neurodiverse Mitarbeitende sind ein Gewinn für die Firma

Markus Mäder ist selbst ADHSler, ebenso der Sohn von Nathan Keiser. Die beiden ermutigen Arbeitgeber, neurodiverse Menschen anzustellen. Diese bringen besondere Fähigkeiten mit - ihre Talente zu entdecken und einzusetzen lohne sich.
Livenet / Mirjam Fisch-Köhler
Nathan Keiser (links) und Markus Mäder am Forum christlicher Führungskräfte

«Da ist Super-Innovation vorhanden», erklärt Markus Mäder, Inhaber einer HR-Firma. Neurodiverse Menschen gehörten ins erweiterte Spektrum des Normalen, sie seien nicht krank. Ihre Talente seien oft nicht gleich ersichtlich, aber es sei grosses Potential vorhanden. «Neurotypie und Neurodiversität bewegen sich innerhalb eines Spektrums – es ist nicht das eine richtig oder falsch. Beide Typen befinden sich irgendwo zwischen zwei Polen und ergänzten sich eigentlich gut», erklärt Nathan Keiser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. «Nervenzellen kommunizieren miteinander. Bei ADHS ist die Signalübertragung geschwächt, weil zu wenige Neurotransmitter vorhanden sind, um die Signale zum Denkhirn (frontaler Cortex) zu transportieren», schildert Markus Mäder anschaulich. «Die zu vielen Reize, die wegen einem geschwächten Reizfilter auf Betroffene einstürmen, überlasten das System.»

Andererseits nähmen diese Mitarbeiter Stimmungen und Signale wahr, die andere nicht erkennen und der Firma Informationen liefern können. Markus Mäder und Nathan Keiser liessen die Teilnehmenden am Forum christlicher Führungskräfte an ihren Erfahrungen mit Neurodiversität teilhaben.

Am falschen Platz

Als Sekundarlehrer war Markus Mäder immer mehr herausgefordert. Er wechselte in die Wirtschaft, wurde HR-Leiter. Mit 46 Jahren wurde beim innovativen Querdenker ADHS diagnostiziert. Er vertiefte sich ins Thema und gründete die Firma HR FIRST Consulting für Laufbahn- und ADHS-Beratung. Nun begleitet er erwachsene ADHS-Betroffene auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen beruflichen Lösung. Dabei nimmt er verschiedene Partner mit ins Boot.

Die Aufforderung Jesu in der Bergpredigt motiviert ihn: «Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.» Er habe in der Bibel etwa 70 Personen entdeckt, die nach heutigen diagnostischen Kriterien von ADS oder ADHS geprägt sein könnten, hält Mäder fest. «Zum Beispiel Petrus, der sich schnell begeistern lässt und ebenso schnell übers Ziel hinausschiesst. Er versichert Jesus seine Liebe – dann verrät er ihn. Er bereut umgehend und erfährt Vergebung!» Mäder führt Seminare und Referate über diese durch, um andere Betroffene zu ihren besonderen Fähigkeiten zu ermutigen.

Grosses Herz als Ressource

Fynn, der Sohn von Nathan Keiser, CEO und Ärztlicher Direktor der Klinik SGM, ist ein ADHSler. «Er durchlief eine schwierige Schulzeit», hält sein Vater fest. Doch er fiel auch durch seine Fröhlichkeit und Grosszügigkeit auf. «Er hat ein grosses Herz», erklärt Keiser. Der Jugendpsychiater habe damals betont: «Das ist eine besondere Ressource!» Die Lehre als Landschaftsgärtner, während der er 300 lateinische Pflanzennamen lernen musste, forderte den jungen Burschen heraus. «Er muss Fertigkeiten zehnmal wiederholen, braucht also viel mehr Zeit», erklärt Keiser. «Es war für alle, die mit ihm zusammenarbeiteten, eine Herausforderung. Doch er schaffte den Abschluss, durfte bleiben und ist sehr beliebt in seinem Geschäft.» Wenn also die Talente von neurodiversen Menschen entdeckt und gefördert würden, könnten sie wertvolle Mitarbeiter werden. 

Teil von Gottes Plan

«Wir gehören alle zu Gottes Plan», bekräftigt Markus Mäder. Er habe es erlebt: «Als ich mit dem Kopf durch die Wand wollte, bin ich zerbrochen. Als ich die Scherben in Gottes Hand legte, entstand daraus ein neues Bild.» Gott habe alle Menschen geschaffen, die Neurotypischen und die Neurodiversen. Beim herrschenden Fachkräftemangel könne kein Arbeitgeber auf Personen verzichten, die etwas Unterstützung bräuchten, dafür besondere Fähigkeiten einbringen. «Etwa 30 Prozent aller Arbeitnehmenden sind neurodivers», stellt er klar. «Inklusion ist eine Chance, sie kann zu mehr Profit fürs Unternehmen führen.»

Aktiv werden

Neurodiverse bräuchten eine reizarme Umgebung. Spielregeln sollten mit den Mitarbeitenden abgesprochen werden. Wenn es die Firmenkultur zulässt, dann lohne es sich, über die Diagnose ADHS zu informieren. «ADHSler ohne Behandlung bewegen sich auf sandigem Grund – eine multimodale Behandlung erzeugt ein felsiges Fundament, auf dem sie ihre Talente entfalten können.» Dazu gehören Aufklärung und Sensibilisierung bei Betroffenen, ihren Familien und Arbeitgebern. Medikamente helfen heutzutage sehr gut, die Symptome zu stabilisieren (Konzentration, Stimmung, Emotionen, Energie). Psychologische Unterstützung wie Schematherapie zeigen dann gute Erfolge. Ergotherapie fördert die Methodenkompetenzen. «Der Fokus muss aufs Potential gerichtet werden, nicht auf die Defizite», betonen die Referenten. So liessen sich auch Krankheitskosten senken.

Gewinn für die Gesellschaft

Es gibt ADHS-günstigere Kulturen als die Schweiz. «Unsere Gesellschaft und Berufswelt muss den Wert der Neurodiversen mehr erkennen – dann können ADHSler im Arbeitsmarkt einen wertvolleren Beitrag leisten als heute», so Mäder. In einem passenden Umfeld könnten sie ihr Potential entfalten. «Die Reizoffenheit einer jungen Lernenden hat einer Bewohnerin eines Altersheims das Leben gerettet», erzählt er. «Sie nahm eine verdächtige Veränderung wahr und meldete das ihrer Vorgesetzen.» Diese habe den Hinweis ernst genommen, die akute Lebensgefahr erkannt und gehandelt. Er bekräftigt, die Gesellschaft könnte von Neurodiversen noch viel mehr profitieren. Es lohne sich, auch wenn die Interaktion mit ihnen etwas aufwändiger sei. «Es macht Sinn, dass es sie gibt – so werden gewohnte Abläufe hinterfragt und allenfalls verbessert.» Mäder und Keiser sind überzeugt: «Die Wirtschaft kann von neurodiversen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern profitieren. Sie sind wertvoll.»

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