Sprache verändert Sichtweisen – Mit Luther «das Herz ausschütten»

Wer das Denken verändern will, muss die Sprache beherrschen und verändern. Das haben nicht nur Diktatoren und Ideologen gemerkt. Viel nachhaltiger und kreativer hat dies der Reformator Martin Luther getan.
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Martin Luther

Wer das Denken verändern will, muss die Sprache beherrschen und verändern. Das haben nicht nur Diktatoren und Ideologen gemerkt. Viel nachhaltiger und kreativer hat dies der Reformator Martin Luther getan.

Wer heute lutherische Redewendungen braucht, wenn er etwa erzählt, dass er sein «Herz auschütten» wollte, denkt kaum, dass die Redewendung auf Luther zurückgeht. Es ist auch noch lange nicht die einzige, wie kürzlich Max Dohner, ein Altmeister des Schweizer Journalismus, in der Aargauer Zeitung festgestellt hat. Er hat sich die Mühe genommen, einige lutherische Sprach-Stilblüten zu sammeln, die noch heute gang und gäbe sind.

Ob wir bei einer schwierigen Begegnung «die Zähne zusammenbeissen» müssen oder sogar «einen Denkzettel verpasst» bekommen. Diese bildhaften Redewendungen beschreiben präzis, was wir dabei empfunden haben, und sie stammen vom grossen Sprachkünstler des Mittelalters, als den Luther nebst den 95 Thesen für eine Reformation der Kirche und seine Bibelübersetzung im Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation auch noch gewürdigt werden kann.

Mit «Feuereifer» gegen «Bluthunde»

Dass Luther die grosse theologische Erkenntnis der Rechtfertigung des Sünders durch Glauben allein so wirksam unters Volk bringen konnte, hängt nicht allein mit dem Bedürfnis der damaligen Menschen zusammen, einen gnädigen Gott zu bekommen, bei dem man seine Sünde nicht abbezahlen musste. Es war auch sein Talent, anschauliche und einprägsame Sprachbilder zu kreieren, welche die theologische Erkenntnis transportieren konnten. Mit einem «Feuereifer» gelang es Luther, den Ablasshandel, einen eigentlichen «Schandfleck» der damaligen Kirche, zu bodigen, ohne dazu einen «Lockvogel» zu erfinden (alles Begriffe von Luther). Die damaligen Menschen waren «friedfertig», aber auch «kleingläubig», wie der Reformator oft erfahren musste. Und sie wurden von «Gewissensbissen» geplagt. Da können wir heute von Glück reden, dass Luther sein «Licht nicht unter den Scheffel stellte» (auch das eine Sprachschöpfung in seiner Bibelübersetzung). 

Ausdruck der Entschlossenheit

«Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen». – Mit diesem berühmten Wort soll Luther auf das Ultimatum von Kaiser und Kirchengewaltigen in Worms getrotzt haben, als er ultimativ aufgefordert wurde, seine Thesen zurückzunehmen. Das Zitat ist nicht definitiv belegt. Und doch drückt es in wenigen Worten eine kaum zu überbietende Entschlossenheit bis hin zur Bereitschaft, den Tod auf sich zu nehmen, aus. Luthers Worte hatten einen durschlagenden Erfolg, weil sie dermassen ausdrucksstark waren, dass sie einschlugen. Als seien sie durch einen genialen PR-Berater entwickelt worden.

Wes das Herz voll ist ...

Luther war kein «Wolf im Schafspelz» (auch dies seine Wortschöpfung), sondern sprach klar aus, was er wollte. Sein Werk zielte darauf, dass die Bibel «kein Buch mit sieben Siegeln» blieb. Max Dohner dazu: «Seine Bibelübersetzung packte, schockierte die Leute. Gleichwohl wurde sie zum Mega-Bestseller.» Und Luther musste einfach von der Erkenntnis reden, die er selbst daraus gewonnen hatte. Denn «wes das Herz voll ist, des geht der Mund über» (O-Ton Luther).

Dazu nochmals ein Dohner-Zitat mit eingestreuten Luther-Sprachbildern: «In Zeiten politisch korrekter Korsetts, mit tausend 'Feigenblättern' und ständig wechselnden 'Sündenböcken' wären seine Wutpredigen heute wie 'Perlen vor die Serie geworfen'».

Da könnte man sich nur noch wünschen, dass die lutherische Sprachgewalt so ansteckend wie eine Epidemie wird.

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