Langzeitstudie stört Vorstellung – Macht Religion nun glücklicher oder nicht?

Um die Weihnachtstage geisterte sie durch die Medien: die Frage, ob Religion womöglich gar nicht so glücklich macht, wie immer behauptet. Was gilt denn nun?
Unsplash / Joel Mott
Macht Glaube glücklich?

«Macht Religion womöglich gar nicht glücklich?» titelte etwa der Tagesanzeiger pünktlich am 23. Dezember. Eine Langzeitstudie der Universität Bologna mit Datensätzen von insgesamt rund 700`000 Probanden aus 115 Ländern weist nach, dass es zwar einen Zusammenhang zwischen Religiosität und genereller Lebenszufriedenheit gibt, dass dieser Zusammenhang aber winzig und praktisch irrelevant sei. Das Einkommen etwa spiele für das Glücksgefühl eine um 150 Prozent wichtigere Rolle als die Religiosität.

Was ist nun mit den vielen Untersuchungen, die bestätigen, dass der Glaube gesunder und glücklicher macht und dass Religion einen positiven Effekt hat? Gerade von überzeugten Christen wird gern auf solche Untersuchungen hingewiesen – sind sie schlussendlich nichts anderes als ein «uneingelöstes Werbeversprechen des Christentums» (Manuel Schmid in «reflab»)?

Etwas tiefer denken

Spoiler: Wir werden hier nicht die endgültige Antwort geben. Aber es lohnt sich, ein wenig genauer hinzuschauen. Stichwortartig: Was fällt aus evangelikaler Sicht auf?

  • In vielen Medienberichten – wie etwa dem oben zitierten Tagesanzeiger – wird «Religion» und «Glaube» auswechselbar gebraucht. Die wissenschaftliche Sicht interessiert nur die «Religiosität», die freilich weltweit unzählige Formen annehmen kann – und auch negative Elemente enthält, die die positiven statistisch aufwiegen können. Um gültige Aussagen über «Glauben und persönliche Beziehung zu Jesus» zu machen, müsste man diese Art von Glauben auch in Untersuchungen zugrunde legen. Sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen. Livenet hat hier auf diesen Unterschied hingewiesen.
  • Weiter: «Glück», «Lebenszufriedenheit» und ähnliche grosse Worte sind eigentlich «Unschärfebegriffe». Wer ist schon immer glücklich oder zufrieden? Es sind problematische Kategorien, erst recht, wenn sie noch durch die journalistische Mühle gehen. Präziser wäre es, nach konkreteren Erfahrungen wie «Dankbarkeit» oder «Heilung» zu fragen.
  • Achtung bei Pauschalaussagen: «Warum wenden sich dann so viele Menschen weltweit von der organisierten Religion ab?», fragt der Tagesanzeiger. Der verlinkte Artikel, der diese globale (!) Pauschalaussage stützen soll, bezieht sich allerdings nur auf die Zunahme der Religionslosen in der Schweiz. Gibt es wirklich einen weltweiten (nicht nur westlichen) Trend zur Abkehr von der Religion? So viel ich weiss, sind Religionen – auch gerade das Christentum – weltweit am Wachsen, allerdings vor allem auf der Südhalbkugel der Erde; eine Tatsache, die vielen westlichen Beobachtern viel zu wenig bekannt ist.

Man merkt: Es lohnt sich unbedingt, kritisch zurückzufragen. Nicht nur der Teufel, sondern auch ein Stück Wahrheit steckt oft im Detail.

Die ganz andere Frage

Vom Standpunkt des christlichen Glaubens her gesehen, gibt es natürlich die radikale Frage: «Ist der Glaube überhaupt da, um mich glücklich zu machen?» Ketzerisch, wenn man die gegenwärtige Lobpreiskultur anschaut, die zu einem rechten Teil auf westlichem Wohlstandsgefühl aufbaut. Sicher: Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Millionen von Menschen durch eine Beziehung zu Jesus heil und neu geworden sind und immer wieder werden. Aber soll dieser Segen das ultimative Motiv für den Glauben sein? Dahinter steht die grössere Frage: Müssen, sollen wir eigentlich ständig glücklich sein? Manuel Schmid ist nicht der einzige, der das «spätmoderne Mantra» hinterfragt, dass nur ein glückliches Leben ein lebenswertes, sinnerfülltes Leben sein kann.

Was ist etwa mit den sehr klaren Aussagen von Jesus, dass auf seine Nachfolger Verfolgung, Not, Druck, Widerstand warten, so etwa wie «Blut, Schweiss und Tränen», mit denen Churchill seine Landsleute auf den Krieg einschwor? Wann haben Sie die letzte Predigt über solche Verse gehört?

Wie so oft hilft C.S. Lewis, tiefer über dieses Paradox des Glaubens nachzudenken: «Ich bin nicht religiös geworden, damit ich glücklich werde. Ich wusste immer, dass eine Flasche Portwein das schafft. Wenn Sie eine Religion suchen, in der Sie sich wirklich wohlfühlen (feel really comfortable), empfehle ich Ihnen sicher nicht das Christentum.»

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