«Hier werden Sie geholfen!» – Kirchen gegen Hunger und Durst

Stellen Sie sich einmal vor, jedes Kirchengebäude und Gemeindehaus wäre dafür bekannt, dass man dort etwas zu essen und zu trinken bekommt. Immer. Tag und Nacht. Und überall. Das hätte wirklich Symbolkraft.
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Erik Flügge

Stellen Sie sich einmal vor, jedes Kirchengebäude und Gemeindehaus wäre dafür bekannt, dass man dort etwas zu essen und zu trinken bekommt. Immer. Tag und Nacht. Und überall. Das hätte wirklich Symbolkraft und würde für jedermann und jederfrau unterstreichen, wie lebensspendend Christen sein wollen.In den 1990er-Jahren warb Verona Pooth mit dem Spruch «Da werden Sie geholfen» für eine Telefonauskunft. Grammatikalisch ist der Satz eine Katastrophe. Aber hängengeblieben ist er … Ich habe die damit zusammenhängende Telefonnummer immer noch im Kopf, obwohl sie wahrscheinlich längst nicht mehr aktiv ist. Wer ruft heute noch eine Telefonauskunft an? Aber was mir daran deutlich wird, ist, wie gut die Information über eine mögliche Hilfe abgespeichert wird.

Quergedacht und hilfreich

So äusserte der Politikberater und Autor Erik Flügge vor ungefähr einem Jahr die Idee: «Bringen wir an jedem Gotteshaus aussen einen Wasserhahn und einen unverschlossenen Schrank mit Essen für jeden Menschen an, der es braucht.» Der Katholik beschränkte seine Idee zunächst auf alle katholischen Kirchen, doch der nächste Schritt liegt eigentlich auf der Hand: Wie wäre es, wenn an jeder Kirche und jedem Gemeindehaus ein Trinkwasserhahn frei zugänglich wäre? Wenn jedes Gotteshaus einen Schrank vor der Tür hätte, in dem Nudeln, Reis und mehr lagern?

Denn Tatsache ist: Auch in unseren Breiten gibt es Menschen, deren Geld bereits vor Monatsende aufgebraucht ist, und die sich dann irgendwie hinüberretten müssen. Die «Tafeln» in der Schweiz oder Deutschland tun hier schon einen wunderbaren Dienst, doch sie können nicht alles abdecken. Gerade im ländlichen Raum hat nicht jeder Bedürftige Zugang zu dieser Einrichtung. Aber auch hier gibt es Menschen, die hungern. Flügge: «Menschen, die hier illegal leben, Menschen, die sich schämen Sozialhilfe anzunehmen, Menschen, denen alle Leistungen nach Hartz 4 gestrichen wurden, manche Studierende hungern am Ende des Monats.»

Urbiblisch und symbolträchtig

In den ersten Gemeinden war der Gottesdienst oft mit einer gemeinsamen Mahlzeit verbunden. Davon übriggeblieben ist nur noch das Abendmahl, ein schönes Symbol für Insider, aber nicht geeignet, um regelmässig satt zu werden. Auch Jesus selbst kannte das Problem der knurrenden Mägen. Sein einziges Wunder, von dem alle vier Evangelisten berichten, ist daher … die Speisung der 5'000 (z.B. Markus-Evangelium, Kapitel 6, Verse 30–44). Natürlich hätte Jesus den Menschen erklären können, dass er nur für die Fülle des Geistes zuständig wäre, nicht für die des Bauches, aber essen und predigen gehörten auch damals schon zusammen.

Typisch ist auch die anschliessende Reaktion des Volkes. Als Jesus danach mit seinen Freunden über den See gefahren war, «erkannten die Leute ihn sogleich, durchliefen die ganze umliegende Gegend und fingen an, die Kranken auf den Liegematten dorthin zu tragen, wo sie hörten, dass er sei» (Markus-Evangelium, Kapitel 6, Verse 54–55). Sie wussten: Wer mir zu essen gibt, wird mich auch sonst nicht im Stich lassen.

Anfällig für Missbrauch, aber jesusmässig genial

Und wer soll das alles bezahlen? Das kostet doch sicher eine Menge Geld? Na ja, 500 Gramm Spaghetti kosten ab 49 Cent und ein Kilo Reis ungefähr 1,95 Schweizer Franken. Das ist schon Geld – aber das ist auch bezahlbar. Vor allem in Bezug auf so manche anderen kirchlichen Ausgaben. Da braucht man die 31 Millionen Euro Umbaukosten für den Wohnsitz des ehemaligen Limburger Bischofs gar nicht zu bemühen. Diese Kosten betrachtete er übrigens zunächst als vertretbar bzw. standesgemäss.

Und was ist, wenn jemand sich bei den Nudeln bedient, der sie eigentlich kaufen könnte? Hier gefällt mir die Antwort von Erik Flügge: «Dann ist es so.» Soll er gesegnet sein. Diese 49 Cent haben wir ihm als Gemeinde gern gegeben. Sicher gibt es noch etliche praktische Fragen zu bedenken und zu klären, aber der Traum ist so genial, dass er eigentlich keiner bleiben darf.

Wenn ich zum Wandern unterwegs bin, dann weiss ich, wo ich meine Trinkflasche auffüllen kann: Auf jedem Friedhof ist ein Wasserhahn. Stellen Sie sich einmal vor, wie genial es wäre, wenn alle wüssten: «Wenn ich Hunger habe, dann brauche ich nur zur nächsten Kirche zu gehen. Denn die Christen reden nicht nur von Nächstenliebe, sie leben sie auch.»

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