Autorin Kerstin Wendel – Hoffnung finden trotz chronischer Krankheit

Seit vielen Jahren ist Kerstin Wendel chronisch krank und leidet unter starken Schmerzen. Trotzdem sagt sie: «Ich bin chronisch hoffnungsvoll.» Wie man trotz Krankheit und Einschränkungen Hoffnung finden kann, erzählt die Autorin hier.

Seit vielen Jahren ist Kerstin Wendel chronisch krank und leidet unter starken Schmerzen. Trotzdem sagt sie: «Ich bin chronisch hoffnungsvoll.» Wie man trotz Krankheit und Einschränkungen Hoffnung finden kann, erzählt die Autorin hier.Seit ihrem 21. Lebensjahr leidet die Autorin und Referentin Kerstin Wendel unter chronischen Schmerzen, die ihr Leben und ihre Leistungsfähigkeit stark einschränken. Trotzdem ist sie glücklich, dankbar und – wie sie sagt – «chronisch hoffnungsvoll». Über den Umgang mit Krankheit hat sie ein Buch geschrieben 'Chronisch Hoffnungsvoll – Stärke finden in einem Leben mit Krankheit'. Jesus.ch hat sie zum Interview getroffen.

Jesus.ch: Frau Wendel, wie würden Sie Ihren Schmerz bildlich darstellen?
Kerstin Wendel: Ich würde das Bild schwerer Steine wählen, die auf meinen Schultern lasteten. Ein Bild kann ein wichtiger Wegweiser für einen Menschen sein, sich selbst auf die Spur zu kommen. Oft verbirgt sich hinter einer Erkrankung noch mehr als ein schmerzendes Organ. Vielleicht hat die Krankheit mit dem Lebensstil zu tun? Oder mit der eigenen Vergangenheit? Es gibt viele Erkrankungen, die auch psychosomatische Anteile verbergen. Auch bei mir ist das so. In meinem Fall kann ich fragen: Wem habe ich dazu die Erlaubnis gegeben, dort Steine zu positionieren? Welche Last verbirgt sich hinter den Steinen? Im Rahmen einer Psychotherapie habe ich darauf viele Antworten gefunden. Noch bevor ich den Schmerz verbildlichen konnte, hat es mir geholfen, Tagebuch zu schreiben. Das war ein Ventil für mich, durch das sich ganz viel gelöst hat. Ich bin so an Dinge herangekommen, die ich tief in mir verbuddelt hatte. Das hat mir viele Erkenntnisse geschenkt und meinen Umgang mit meinen Schmerzen krass verändert.

Wie gehen Sie heute mit den Schmerzen um?
Zuallererst: Ich nehme Rücksicht auf mich! Ich habe gelernt, mich zu lieben. In den letzten Jahren habe ich mir ein «neues Leben» erarbeitet: Wie kann ich als chronisch Kranke erfüllt und glücklich leben? Herausgekommen sind die vielen positiven Dinge, die ich im Schmerzfall tue. Dazu gehört: mich während einer Schmerzattacke pflegen, Termine absagen, Stossgebete an Gott richten, meine Gedanken mit Positivem füllen. Ausserdem habe ich meinen Alltag so eingerichtet, dass er einen Wechsel von Anspannung und Entspannung bietet. Für Schmerzpatienten ist es wichtig, sich nicht «nur» zu pflegen, sondern auch die eigenen Begabungen zu leben. Natürlich in dem Masse, wie der Körper die Kraft dazu hat.

Was hilft gegen den Frust, der bei chronischen Krankheiten oft mitschwingt?
Ich selbst hatte erst gar nicht direkt Zugang zu meinen negativen Gefühlen und habe versucht, alles tapfer zu ertragen. Das hat nach 15 Schmerzjahren nicht mehr funktioniert und irgendwann kam alles hoch. Die Psalmen der Bibel sind für mich eine Einladung, ganz ehrlich vor Gott weinen, klagen, schreien zu dürfen. Bei mir hat das erst «geklappt», nachdem ich meine Psychotherapie begonnen habe und Zugang zu meinen Gefühlen bekam. Dann habe ich Gott mein Leben mit allem Frust vor die Füsse geknallt. Ich war einfach am Ende. Dadurch wurde die Bahn frei, alles Negative auch zu ihm hin dringen zu lassen. Und was geschah dann? Gott hat mich mit seiner grossen, echt barmherzigen Liebe mehrfach besucht, getröstet, aufgerichtet, angesprochen, aufgebaut. Er tut es heute noch. Das hat mich immer wieder tief berührt. So ist es im Laufe der letzten 16 Jahre zu sehr intensiven Gotteserfahrungen gekommen, die für mich vorher unvorstellbar gewesen wären. Ich sage immer: Wie Gott auf solch einen Gefühlsschub von Menschen antwortet, weiss ich nicht. Aber dass er es tut, das weiss ich und habe es selbst erlebt.

Wie hat Gott ihre Situation verändert?
Ich bin immer noch krank, aber Gott hat mein Herz verändert. Immer dann, wenn ich wirklich tief verzweifelt war oder bin, kann ich einen festen Anker in mir spüren: Eine gute Quelle der Liebe Gottes, die mir immer und immer wieder auf die Beine hilft. Das liegt nicht an mir, sondern an der Power, die in Gott steckt.

Was hilft im Alltag?
Ich rate dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sprich: einen Psychotherapeuten oder ein Heilpraktiker mit psychotherapeutischer Ausbildung. Dadurch kann man die Belastung chronischer Krankheit auf Dauer besser ertragen. Ausserdem helfen eine unterstützende Familie, ein verständnisvoller Freundeskreis, eine Ortsgemeinde, Hobbys, Entspannung, aber auch ehrenamtliche oder berufliche Aufgaben – je nach den Möglichkeiten. Mir ist wichtig, dass chronisch Kranke sich ermutigt fühlen, trotz allem Pläne zu schmieden und nicht passiv zu werden. Und dass sie die eigene Gedankenwelt mit Gutem füttern. Ein Vers aus den Psalmen kann Balsam sein...

Ihr Buch heisst «Chronisch hoffnungsvoll», ein spannender Titel!
Ich möchte deutlich machen, dass es jenseits von Arztbesuchen viele Handlungsspielräume für Patienten gibt. Man kann sich das eigene Leben so einrichten, dass man besser mit seiner Erkrankung klarkommt. Dadurch entsteht automatisch Hoffnung. Darüber hinaus habe ich selbst eine lange, persönliche Geschichte mit den Schmerzen und einige Hinweise von Gott. So wie ich ihn verstanden habe, muss ich die Hoffnung auf Verbesserung nicht aufgeben. Das ist also meine ganz individuelle Hoffnung im Herzen.

Hoffnung kann man aber auch finden, indem man sich von dem Gedanken verabschiedet: Leben ist nur dann schön, sinnvoll und lohnenswert, wenn man gesund und 100 Prozent leistungsfähig ist. Chronisch Kranke können so nicht leben, aber dennoch ein Geschenk für diese Welt sein.

Kerstin Wendel ist Referentin und Autorin aus Wetter/Ruhr. Verheiratet ist sie mit Dr. Ulrich Wendel und ist Mama und Schwiegermama.

Zum Buch:
Kerstin Wendel, «Chronisch hoffnungsvoll – Stärke finden in einem Leben mit Krankheit»
SCM Hänssler, 14,95 Euro, ISBN 9783775157841

Zur Webseite:
Kerstin Wendel

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