Licht und Finsternis – Gott, der im Dunkeln wohnt

Helligkeit steht für das Gute, Dunkelheit für das Böse. Das ist nicht falsch – genau dieser Vergleich wird in der Bibel und im Alltagsleben immer wieder gezogen. Es ist allerdings nur die halbe Wahrheit.
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Kerze im Dunkeln

An sehr präganten Stellen wird in der Bibel das Thema Licht angesprochen und immer wieder auch mit Gott verknüpft. Das beginnt ganz am Anfang, wo es heisst: «Am Anfang … Finsternis herrschte,… Da sprach Gott: 'Licht soll entstehen!', und sogleich strahlte Licht auf.» (1. Mose, Kapitel 1, Vers 1-3)

Dieses Vergleichen reicht bis ins Neue Testament, in dem Jesus Christus von sich selbst sagt: «Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Dunkelheit umherirren, sondern er hat das Licht, das ihn zum Leben führt.» (Johannes, Kapitel 8, Vers 12) Keine Frage: Licht ist eines der Attribute, die Gott und seinem Wesen immer wieder zugeordnet werden, genauso wie Klarheit und Reinheit, die irgendwie nur hell vorstellbar sind.

Nicht nur in der Bibel

Interessanterweise existiert dieselbe Wahrnehmung von Licht und Dunkelheit auch ohne Blick in die Bibel. 1832 soll Goethe auf dem Totenbett ausgerufen haben: «Mehr Licht!» Die Menschen der Neuzeit verstanden sich als Überwinder des «finsteren Mittelalters» und die der Aufklärung wählten als Symbol ihrer Zeit das Licht – es sollte ein «siècle des Lumières» (Jahrhundert der Lichter) bzw. des «enlightenment» (Erleuchtung) werden.

Auch Künstler thematisieren regelmässig den Gegensatz zwischen hell und dunkel – und längst nicht nur Maler. Pink Floyd brachte vor genau 50 Jahren ihr erstes Erfolgsalbum «The Dark Side of the Moon» (Die dunkle Seite des Mondes) heraus. Roger Waters wollte sich damit auseinandersetzen, was sensible Menschen in den Wahnsinn treiben kann – in die Dunkelheit. Aktuell ist gerade «Zukunft Pink» von Peter Fox in den Radiocharts (Video auf YouTube). Bildtechnisch ist es interessant, wann und wie in den düsteren Szenen des Clips die Sonne hereinscheint. Und auch die textliche Botschaft ist klar: «Alle mal'n schwarz, ich seh die Zukunft pink.» Auch hier geht es um die Befreiung von der Dunkelheit.

Das Aber der Bibel

In einem Artikel über die Dunkelheit, in der Gott wohnt, schreibt Vance Morgan auch von der anderen Seite in der Bibel. Natürlich heisst es dort, «Gott ist Licht. In ihm gibt es keine Finsternis.» (1. Johannes, Kapitel 1, Vers 5). Wer aber ein paar hundert Seiten zurückblättert stösst auf Verse wie diesen hier, als Mose nach dem Erhalt der Zehn Gebote wieder zu Gott auf den Berg Sinai steigt: «Das Volk blieb in einiger Entfernung vom Berg stehen. Nur Mose näherte sich der dunklen Wolke, in der Gott war.» (2. Mose, Kapitel 20, Vers 21)

Es ist keine Frage, dass das Licht in der Bibel einen breiteren Raum einnimmt als das Dunkel, aber in diesem Zusammenhang fällt es plötzlich auf, dass dieses auch immer da ist. Wie heisst es noch einmal in der Schöpfungserzählung nach jedem Abschnitt? «Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der [nächste] Tag.» Hier ist von Tag und Nacht die Rede, von Licht und Dunkelheit, die erst zusammen vollständig sind. Es gibt also das Gleichsetzen von finster mit böse, aber es ist nicht die einzige Aussage der Bibel dazu.

Die Dunkelheit umarmen

Die meisten Menschen sind lieber bei Tag im Licht unterwegs als nachts im Dunkeln, wenn sie kaum den Weg erkennen, auf dem sie gehen. Doch genau diese Einstellung zeigt die Schwierigkeit dabei, nur das Licht als geistlich, gut und tragfähig zu sehen: Wir wünschen uns ein Leben auf der Sonnenseite – doch das Leben sieht anders aus. Es kennt solche Highlights, aber es kennt auch die Schattenseiten, die genauso dazugehören, und nicht unbedingt mit Sünde oder Gottesferne gleichzusetzen sind.

Morgan meint: «Es mag viele Gründe geben, die Dunkelheit zu fürchten, aber Zeiten der Dunkelheit sind Teil des Menschseins, und die spirituelle Dunkelheit ist von zentraler Bedeutung für das Suchen nach dem Göttlichen.» Dunkelheit ist nicht nur böse, sie ist ein Bild für den geheimnisvollen Gott, den wir nie ganz durchschauen können; sie ist ein Bild für die menschliche Realität, dass wir unseren Weg nicht kennen; sie ist sogar eine Chance zu einer ganz besonderen Gottesbegegnung in Leid und Problemen.

Nicht umsonst nannte der Mystiker Johannes vom Kreuz sein bekanntestes Gedicht «Die dunkle Nacht der Seele». Noch einmal: Es geht nicht darum, die Abgründe der Finsternis schönzureden, aber offensichtlich sind Licht und Dunkelheit Teile des Ganzen, sowohl aus menschlicher als auch aus göttlicher Perspektive. Gott gebraucht beides, Abend und Morgen, um unsere Tage und unser Leben zu gestalten.

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