Die Vergessenen? – «Gemeinden müssen mehr für Singles über 50 tun»

Die Britin Hatty Calbus berichtet, wie sie das Dasein als alleinstehende Christin sieht. Sie ermutigt Gemeindeleiter, sich mehr um unverheiratete Frauen mittleren Alters in den Gemeinden zu kümmern.
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«Hast du schon ewig auf einen christlichen Ehemann gewartet?», fragt Hatty Calbus. Sie bilanziert in einem Kommentar auf dem britischen Portal «Woman Alive»: «In den britischen Kirchen gibt es zwei zu eins mehr Frauen als Männer, und das Verhältnis von alleinstehenden Frauen zu alleinstehenden Männern wird auf acht zu eins geschätzt.»

Diese Statistiken seien schockierend, empfindet Calbus. Aber: «Wo sind die Schlagzeilen in der christlichen Presse?»

Gleich zu Beginn der Bibel sagt Gott: «Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist.» 1. Mose Kapitel 2, Vers 18. Hatty Calbus: «Gott will für die meisten Menschen kein lebenslanges Zölibat. Viele christliche Frauen wünschen sich einen christlichen Ehemann. Die Tatsache, dass so viele Männer Jesus ablehnen, ist an sich schon schwerwiegend und schadet den Frauen. Eine unverheiratete, vor allem ältere Frau zu sein, bedeutet ein Stigma in der breiteren Gesellschaft, aber in der Regel auch eine Herabstufung in der Kirche. Es bedeutet einen Mangel an Kameradschaft und Intimität.»

Verblassende Hoffnungen

Frauen in ihren Dreissigern haben oft zu kämpfen, können aber Positives darin finden, Single zu sein und Hoffnung auf Ehe und Kinder haben. «Die vierziger Jahre können dann eine schreckliche Erfahrung sein, in der man sich von Gott verlassen fühlt.»

Danach werde es noch schwieriger: «Alleinstehende christliche Frauen in ihren Fünfzigern und darüber hinaus könnten genauso gut nicht existieren, wenn man von ihnen hört. Sie passen nicht zu oberflächlichen Antworten (‘Gottes Timing!’), also lassen sie sich aussortieren.»

Im Schmerz alleingelassen

Die meisten Pastorinnen und Pastoren würden weibliche Singles mittleren Alters in ihrem Schmerz alleine lassen. «Obwohl sie sich stark auf die kostenlose oder schlecht bezahlte Arbeit verlassen, die alleinstehende Frauen leisten, um die Kirchen am Laufen zu halten.»

Würde das Thema angesprochen, würden die Betroffenen häufig nicht nur zum Schweigen gebracht, sondern das Schweigen würde auch als geistlicher Rat dargestellt. «Es muss Gottes Wille sein, dass du Single bist! Oder dass Paulus nicht heiratete. Oder dass man in der Ewigkeit glücklich sein wird.»

Unterdrückte Gefühle

«Anstatt verleugnet oder unterdrückt zu werden, müssen Gefühle der Angst, der Trauer, des Grolls, der Eifersucht, der Hoffnungslosigkeit in Gottes Licht gebracht werden – das haben die Psalmisten und Hiob getan. Und Hiob ist Gott am Ende näher als seine Freunde mit ihren leichteren Leben», bilanziert Hatty Calbus.

«Denken wir an all die Frauen in der Bibel, die sich zu Wort gemeldet haben. Gott kümmert sich darum, wenn seine Töchter nicht wertgeschätzt werden. Ein Ergebnis des Gemetzels des Ersten Weltkriegs waren die sogenannten ‘überschüssigen Frauen’. Die Pastoren müssen auf die ‘überschüssigen Frauen’ der Kirche antworten und zwar nicht mit Gleichgültigkeit. Es geht darum, das zahlenmässige Ungleichgewicht anzuerkennen.»

Mögliche Wege

Hatty Calbus erläutert weiter: «Mögliche Wege, dies anzugehen, sind Gebet, Gelegenheiten zur Geselligkeit und seelsorgeriche Unterstützung.» Anstatt ständig und gedankenlos – angesichts der Demografie der Gemeinden – Ehe und Ehepaare ins Zentrum zu rücken, könnten Pastoren die Gaben erkennen, die alleinstehende Frauen in eine Kirche einbringen. «Es gibt immer noch die Tendenz, dass hochqualifizierte Frauen Tee servieren und Blumen arrangieren – während der Pastor von Aufgaben, die er delegieren könnte, erschöpft ist.»

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