Wege in die Stille – Fünf traditionelle Methoden für Ruhe inmitten von Hektik

Auf dem Etikett der Adventszeit steht «Stille». Ganz gross. Doch die Realität sieht oft anders aus: Die Tage werden zwar kürzer, doch das Arbeitspensum wird eher grösser. So wächst der Wunsch nach Stille, aber gleichzeitig scheint sie unerreichbar.

Auf dem Etikett der Adventszeit steht «Stille». Ganz gross. Doch die Realität sieht oft anders aus: Die Tage werden zwar kürzer, doch das Arbeitspensum wird eher grösser. So wächst der Wunsch nach Stille, aber gleichzeitig scheint sie unerreichbar. Dabei gibt es bewährte Methoden, die Stille zu suchen.

Vorweg muss man sagen, dass die «gute alte Zeit» auch nicht unbedingt besinnlicher und stiller war als heute. Doch gerade dies lässt alte christliche Traditionen, die Stille zu suchen, in neuem Licht erscheinen. Wenn Christen früher schon um Stille kämpfen mussten, dann befinden wir uns in guter Gesellschaft. Dann haben uns ihre Versuche und Ansätze etwas zu sagen. Wie diese fünf Wege in die Stille.

Der Weg der Schöpfung

Ein paar Minuten in der freien Natur wirken Wunder – und wenn es nur der kleine Park um die Ecke ist. Dort finden wir Bäume mit ihren erhabenen und manchmal bizarren Formen, dort plätschert ein Bach, dort sind die Vögel auf der Suche nach Futter. Wenn wir uns ihnen und der Schöpfung zuwenden, dann ist das keine Weltflucht, im Gegenteil: Hier lernen wir Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Wir sehen wieder das, was tatsächlich da ist, nicht das, was wir uns wünschen. Und wir kommen dabei zur Ruhe.

Der Weg des Körpers

Die orthodoxen Mönche reden schon lange davon, «das Unkörperliche im Körperlichen zu fassen». So richten sie sich in Gebet und Meditation zunächst auf ihren Atem aus. Sie machen sich den Luftstrom bei der ständigen Folge des Ein- und Ausatmens bewusst. Wenn wir es ihnen nachtun, dann spüren wir dem Leben nach, das in uns eindringt und uns verlässt. Dann machen wir uns klar, dass unser Körper ein Zuhause des lebendigen Gottes ist. Dann erfüllt uns Gottes Friede, weil wir merken, dass Gott selbst uns erfüllt.

Der Weg des Wortes

Eng verwandt mit der vorigen Tradition ist die des Herzensgebets. Wieder waren es die Mönche der Ostkirche, die diese Art der Gottesbegegnung kultivierten. Nachdem sie jahrhundertelang nur noch vereinzelt hinter Klostermauern angewandt wurde, erfreut sich die Methode heute wieder grosser Beliebtheit. Während wir uns auf unseren Atem konzentrieren, können wir mit wenigen Worten beten. Beim Einatmen: «Jesus Christus», beim Ausatmen: «Erbarme dich meiner». Diese Art des Betens ohne Unterlass (1. Thessalonicherbrief, Kapitel 5, Vers 17) funktioniert mit einzelnen Worten, die eine Zeitlang wiederholt werden. Wer darin Übung hat, findet schnell auch inmitten von Anspannung und Hektik zur Ruhe. Das Herzensgebet sammelt unsere Gedanken bei Gott.

Der Weg der Bibel

Auch das Lesen der Bibel ist solch ein Weg in die Stille. Vor allem, wenn wir nicht schnell oder zielorientiert im Wort Gottes lesen, sondern langsam, wartend, mit offenen Augen. Wenn ein Satz in uns ein Echo auslöst, uns anspricht, dann können wir ihn wiederholen, quasi wiederkäuen. In der mönchischen Tradition heisst dieser Weg «Lectio Divina», göttliche Lesung. Klassisch gehören dazu Lesung, Meditation, Gebet und Kontemplation. Doch es geht weniger darum, dass wir alle vier Schritte nacheinander abarbeiten. Tatsächlich ist es das Ziel, vor der Bibel zur Ruhe zu kommen. Und inmitten der verschiedenen Stimmen, die uns umgeben – einschliesslich der eigenen –, Gottes Reden wahrzunehmen.

Der Weg der Kunst

Ähnlich wie das Hören auf Gott funktioniert auch das Sehen auf ihn. Dazu können wir uns ein Foto anschauen, ein Kirchenfenster, ein Gemälde, eine Skulptur oder sonst ein Kunstwerk. Einzige Bedingung ist wieder, dass dadurch etwas in unserem Inneren ausgelöst wird. Wenn wir unseren Blick darüber gleiten lassen, dann regt dies gleichzeitig unsere Gedanken an und bringt uns zur Ruhe vor Gott. Wir sind fokussiert auf ihn und werden mit offenen Augen still vor ihm.

Das Geschenk der Stille

Die oben beschriebenen Wege zur Stille haben eine lange Tradition. Und sie «funktionieren» tatsächlich. Allerdings ist wirkliche Stille trotzdem nie verfügbar, machbar, sie bleibt ein Geschenk. Selbst in der Adventszeit, wo sie quasi auf dem Programm steht. Umso schöner ist es, wenn wir sie immer wieder erleben – in den kleinen Pausen des Alltags, mit geschlossenen Augen am Arbeitsplatz, draussen an der frischen Luft oder vor unserer aufgeschlagenen Bibel. Daniel Sikinger, von dem diese Zusammenstellung der fünf Wege inspiriert ist, zitiert als Fazit die britische Mystikerin Evelyn Underhill. Sie sagt zur Wirksamkeit solcher Wege in die Stille: «Wir sind es, die unsere Seelenfenster säubern, aber Gott ist es, der sein wärmendes Licht hindurch scheinen lässt.»

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