Christsein ohne Zugeständnisse? – Ein Kompromiss muss nicht faul sein

Werte wie Menschenwürde oder Lebensrecht sind nicht verhandelbar. Gleichzeitig lebt jede Beziehung von Zugeständnissen. Zeigt die Bibel, wie gesunder Umgang miteinander durch sinnvolle Kompromisse möglich ist?
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Jugendliche in einer Austauschrunde

«No Compromise» hiess eine Schallplatte des Sängers Keith Green. Darauf war eine königliche Prozession abgebildet, vor der viele Menschen auf die Knie gingen. Alle, bis auf eine Person, die kompromisslos dastand und sich nicht vor Unrecht, Macht und Götzendienst beugte. Für viele Menschen erscheint solch eine Kompromisslosigkeit ein elementarer Teil ihres Glaubens zu sein – und in gewisser Weise stimmt das auch. Allerdings betrifft diese Kompromisslosigkeit in der Bibel eher Gott selbst als seine Menschen.

Immer wieder ist die Rede davon, dass Gott Menschen aus ihrer Verlorenheit herausholt und ihnen neues Leben schenkt. Das geschieht nicht als Teillösung in einem Kompromiss, sondern vollständig. Problematisch wird es, wenn man der Kompromisslosigkeit an sich einen Wert zuschreibt, denn sie kann sowohl ein Ausdruck von Charakterstärke als auch von egoistischer Dickköpfigkeit sein. Für das theologische Feuilleton «feinschwarz» untersuchte Markus Lau die «Kulturen des Kompromisses im frühen Christentum».

Notwendige Kompromisse

Im Sprachgebrauch klingt beim Wort Kompromiss oft der «faule Kompromiss» mit. Dabei ist ein echter Kompromiss im Miteinander eine wunderbare Sache: «Dieses Jahr fahre ich mit dir in die Berge und nächstes Jahr fährst du mit mir ans Meer.» Zugeständnisse wie dieses mögen banal klingen, sind es aber nicht. Deshalb bezeichnet der Soziologe Georg Simmel sie als «eine der grössten Erfindungen der Menschheit».

Solch ein Aufeinander-Zubewegen funktioniert nicht automatisch – weder in der Familie noch am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde –, aber es ist lernbar und «ohne Kompromisse funktioniert das Zusammenleben von Menschen schlechterdings nicht». Diese Zusammenhänge untersuchte Markus Lau zusammen mit Studierenden unterschiedlicher Fachbereiche. Er wollte im Neuen Testament nach Kulturen des Kompromisses suchen, wie sie unter anderem am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen erforscht werden.

Neutestamentliche Kompromisse

Es wäre überraschend, wenn im Neuen Testament keine Kompromisse zu finden wären, denn das darin beschriebene verbindliche Zusammenleben ist ohne sie nicht vorstellbar. Sowohl die Evangelien als auch die Paulusbriefe enthalten einige Situationen, in denen um ein neues Verständnis gerungen wird. Besonders deutlich wird dies in der Apostelgeschichte. Die junge Kirche orientiert sich an Aussagen von Jesus genauso wie an jüdischen Gesetzen und Bräuchen – da beides keine vollständige Anleitung ergibt, müssen in Einzelfällen Kompromisse gefunden werden. Das wird deutlich, als es bei der Versorgung von Witwen in Jerusalem (Apostelgeschichte, Kapitel 6) zu Streitigkeiten kommt.

Markus Lau hält fest, dass «die Apostel nämlich einen kompromisshaften Verfahrensvorschlag machen, der Gemeinde zur Abstimmung unterbreiten, die Auswahl von Amtsträgern durch die Gemeinde akzeptieren und letztlich auf Macht verzichten». Ähnliches geschieht beim Apostelkonzil in Apostelgeschichte, Kapitel 15. Die Gemeinde debattiert hier, ob Heiden einfach an den jüdischen Messias glauben können, ohne sich beschneiden zu lassen. Welche Regeln sollen in Zukunft gelten? Spannenderweise setzt sich keine Extremposition völlig durch, sondern es gibt einen Kompromiss, der «nicht nur von Einzelnen, sondern von der Gesamtgemeinde und damit auch von den anwesenden Konfliktparteien getragen» wird (Lau). Gleichzeitig ist es mehr als eine Abstimmung, denn die Gemeinde nimmt das Ergebnis auch als ein Reden des Heiligen Geistes wahr.

Das Christliche bei Kompromissen

Als Fazit hält Markus Lau fest, dass «die Bereitschaft, auch dann einen Kompromiss zu suchen und zu schliessen, wenn etwa Amts- und Wahrheitsfragen betroffen sind, von Anfang an zum Traditionsschatz der Jesusbewegung und des sich bildenden Christentums gehört». Kompromisslosigkeit kann eben nicht nur in einer gewissen Härte gedacht werden, sondern auch als kompromisslose Liebe, die Wege zu anderen Menschen findet. Dabei geht es immer darum, faule Kompromisse zu vermeiden, bei denen eine Partei vereinnahmt wird. Es geht darum, zu fundamentalen Werten zu stehen. Und es geht darum, sich nicht ausschliesslich auf Ideale zu fokussieren, wie Avishai Margalit nach Lau betont: «Ideale sagen etwas darüber aus, wie wir sein möchten. Kompromisse zeigen, wer wir sind.» In diesem Sinne sind Kompromisse ein spannendes Arbeitsfeld für christliches Leben im Hier und Jetzt.

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