Mai Thi Nguyem-Kim – Die veröffentlichte Meinung steht oft auf wackeligem Grund

Unsere Gesellschaft und ihre Medienwelt behandeln Streitfragen oft so, als wäre scheinbar alles klar. Andere Themen werden kontrovers behandelt, und es scheint keine Lösung zu geben.
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Mai Thi Nguyen-Kim

Unsere Gesellschaft und ihre Medienwelt behandeln Streitfragen oft so, als wäre scheinbar alles klar. Andere Themen werden kontrovers behandelt, und es scheint keine Lösung zu geben. Zur Frage der Lohngleichheit kommt eine preisgekrönte Wirtschaftsjournalistin zu einem unkonventionellen aber plausiblen Ergebnis.

Die in Deutschland aufgewachsene Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hatte den Ehrgeiz, in das Dickicht von Meinungen, Fakten, Fakes und Ideologien Licht zu bringen. Ihr Buch «Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit / Wahr, falsch, plausibel» dokumentiert sie ihre Erkenntnisse, die sie aus ihren Analysen zieht.

Sie bearbeitet heisse Themen wie die Legalisierung von Drogen, Videospiele und Gewalt, Schulmedizin versus Alternativmedizin oder die aktuelle Impffrage. Spannend ist ihre Auseinandersetzung mit der Gendergerechtigkeit, speziell mit dem Gender Pay Gap. Stimmt es, dass Frauen bei ihrer Entlöhnung massiv schlechter gestellt sind, wie immer wieder herumgeboten wird? Sie behandelt diese Frage notabene als Frau, die einen längeren beruflichen Hintergrund hat.

Bereinigter Gender Pay Gap

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Buch «Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit»

Sie unterscheidet dabei zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gender Pay Gap in Deutschland. Die unbereinigte Lohndifferenz betrug dort 2019 19 Prozent. Wenn alle Faktoren einbezogen werden, die den Lohnunterschied ausmachen, zum Beispiel unterschiedliche Arbeit, Branchenwahl, Qualifizierung, Berufsstatus etc., kommt man auf den bereinigten Gender Pay Gap. Die unbereinigte Lücke reduziert sich auf 6 Prozent.

Das ist natürlich immer noch ungerecht, doch die Autorin argumentiert, dass auch diese Differenz nicht automatisch eine «Diskriminierungslücke» sei. Sie zitiert dazu die drei Gründe, die vom Statistischen Bundesamt genannt werden. Erstens arbeiten Frauen öfter in Teilzeit und unterbrechen ihre Arbeit länger. Zweitens arbeiten sie häufiger in niedrig bezahlten Berufen, und drittens arbeiten sie häufiger als Männer in niedriger bezahlten Positionen.

Berufswahl mit Konsequenzen

Die Autorin liefert dazu ihre eigene Erklärung und lehnt sich dabei mutig aus dem Fenster, wie sie festhält: «Dem allen liegt zugrunde, dass Frauen mehr Zeit mit der Familie verbringen, insbesondere bei der Erziehung der Kinder, aber auch bei der Pflege der Eltern im Alter. Sie treffen berufliche Entscheidungen, die diese Familienzeit erlauben. Sie unterbrechen ihre Arbeit nicht nur öfter für Elternzeit oder begeben sich in Teilzeit, sondern wählen auch häufiger typische Frauenberufe, wie Kindergärtnerin oder Grundschullehrerin, die aber nicht gerade reich machen.»

Ungleichheit muss nicht Ungerechtigkeit sein

Das ist gerade für Deutschland einigermassen einleuchtend, da dort 64 Prozent der Mütter zehn bis zwölf Monate Mütterurlaub beziehen, 23 Prozent sogar 15 bis 23 Monate. Dafür spricht auch, dass die «Lohnlücke» sehr dynamisch verläuft und zwischen 25 und 40 Jahren ein regelrechter Absturz geschieht und sich bis 60 im Vergleich zu den Männern beinahe wieder ausgleicht. Die Väter arbeiten nach der Geburt des ersten Kindes häufig mehr und steigen die Karriereleiter hinauf, während die Mütter länger ganz aussteigen oder noch Teilzeit arbeiten. Dass Frauen mehr Zeit für die Familie aufbringen, sei somit einer der wichtigsten Gründe für die Gender Pay Gap.

Doch die Frage stellt sich: «Haben wir es hier wirklich mit einer Ungerechtigkeit zu tun oder lediglich mit einer Ungleichheit? Das Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten, heisst nicht, dass sie gleich sein müssen», so das mutige Fazit der Autorin, die 2020 zur Journalistin des Jahres gekürt und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. «Und ist es nicht die persönliche, freie Entscheidung von Frauen wie auch von Männern, Lohn gegen Zeit mit der Familie abzuwägen? Warum sollte man Frauen davon abhalten, wenn sie mehr Zeit mit der Familie verbringen möchten?»

Eine Ungerechtigkeit bleibt

Das hält allerdings Mai Thi Nguyem-Kim nicht von einer Gesellschaftskritik zurück, die sie mit der doppelsinnigen Frage «Who cares» (Anm. d. Red.: Im Englischen Doppelbedeutung «Wen interessiert's?» und «Wer kümmert sich darum?») überschreibt. «Denn es muss Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedenklich stimmen, dass die mehrheitlich von Frauen geleistete Care-Arbeit entweder gratis geleistet werden muss oder schlecht bezahlt wird.» Es handle sich bei der Betreuung von Kindern, alten Menschen und Kranken jedoch um eine «systemrelevante Arbeit». «Hier fällt es mir persönlich schwer, diesen Lohnunterschied nicht als ungerecht zu empfinden... Unser Gerechtigkeitssinn sollte auch verletzt werden, wenn gesellschaftliche Relevanz nicht wertgeschätzt wird... Gerade hier müsse sich die Frage der Lohngerechtigkeit stellen!»

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