Jesus und die Macht – Die diesseitige Botschaft des Evangeliums

Ist die Botschaft des Evangeliums jenseitig und auf die Ewigkeit bezogen? Oder ist sie diesseitig und hat eine starke politische Dimension? Tatsächlich lässt sich bei Jesus beides finden.

Ist die Botschaft des Evangeliums jenseitig und auf die Ewigkeit bezogen? Oder ist sie diesseitig und hat eine starke politische Dimension? Tatsächlich lässt sich bei Jesus beides finden. Hier soll es schwerpunktmässig um die politischen Aspekte gehen – eine Seite, die gerade von evangelikalen Christen gern übersehen wird.Viele Zeitgenossen von Jesus erwarteten, dass er mit den römischen Besatzern im eigenen Land aufräumen und Davids Thron wieder besteigen würde. Jesus jedoch erklärte Pilatus vor seiner Verurteilung: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Johannes, Kapitel 18, Vers 36). Viele Christen haben daraus allerdings gemacht: Glaube hat nichts mit der Welt zu tun, in der wir leben. Es geht in erster Linie darum, selbst in den Himmel zu kommen und andere dorthin einzuladen. Die Begriffe, die Jesus verwendet, wenn er über Gottes Welt redet, sprechen allerdings eine andere Sprache.

Herausfordernde Begriffe

Wer heute Begriffe wie «Arbeiterklasse» oder «Blut und Boden» in den Mund nimmt, der verwendet sie nicht wertneutral. Das geht nicht mehr. Sie sind durch die Vergangenheit politisch besetzt. Man kann sie sicher ein Stück weit neu füllen, ihren Kontext werden sie allerdings nicht verlieren.

Als Jesus im besetzten Israel zu den Menschen sprach und als seine Nachfolger seine Botschaft weitergaben und aufschrieben, verwendeten sie auch solche besetzten Begriffe.

«Evangelium» ist einer davon.Das war ein Begriff aus dem Nachrichtenwesen. Evangelium war die gute Nachricht, die verkündet wurde, wenn das Militär einen Sieg errungen hatte. Es war die gute Nachricht, dass ein Herrscher Nachwuchs bekommen hatte. In jedem Fall ging es darum, dass die Herrschaftsverhältnisse (neu) sortiert wurden. Wenn das Neue Testament die Botschaft von Jesus als Evangelium bezeichnete, war das damit eine klare Provokation der Machthaber.

«Reich Gottes» ist auch solch ein Begriff. Wenn wir heute Königreich hören, dann denken wir eher an Prinzessinnen, Drachen und Grimms Märchen. Doch für die Zeitgenossen von Jesus klang sein Reden von der Herrschaft Gottes, seinem Königreich, weder nach Märchen noch nach einem himmlischen Jenseits. Jesus sagte: «Tut Busse, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!» (Matthäus, Kapitel 4, Vers 17). Er unterstrich durchaus, dass dieses Reich mehr war, als nur eine sichtbare Herrschaft, doch gleichzeitig widersetzte sich Jesus damit offen dem repressiven politischen Regime seiner Zeit. Er lehrte die Menschen eine bessere Art, in dieser Welt zu leben, die in den Augen der damaligen Herrscher durchaus als Bedrohung verstanden werden musste. Nicht umsonst folgt im Matthäusevangelium übrigens auf diese Ankündigung Jesu die Bergpredigt – seine «Thronrede».

«Gottes Sohn» ist ein Titel, den Jesus sich nur zurückhaltend gab, praktisch immer wurde er ihm zugesprochen. Für die Juden untermauerte Jesus seinen Anspruch eher mit Begriffen wie «Menschensohn». Doch in der römischen Welt war der «Sohn Gottes» gleichbedeutend mit dem Kaiser. Durch diese Behauptung seiner Göttlichkeit zementierte der jeweilige Caesar seine absolute Autorität. Dadurch wurde er zum «Herrn» – ein Titel von Jesus, der sich auch auf vielen römischen Münzen in der Form von «Caesar ist Herr» wiederfindet. Indem Jesus diese Titel für sich beanspruchte, stellte er direkt die Autorität des Kaisers und des gesamten römischen Reichs infrage.

«Das Kreuz» fällt völlig aus der Reihe dieser Begriffe – und gehört doch mitten hinein. Denn diese römische (nicht jüdische!) Hinrichtungsart sollte jeden auslöschen, der als politische Bedrohung galt. Gekreuzigt wurden aufständische Sklaven, politische Gegner und Feinde des Imperiums. Sie sollten so schmerzhaft und für eventuelle Nachahmer so abschreckend wie möglich hingerichtet werden. Die Kreuzigung war das ultimative Symbol der römischen Machtvollkommenheit. Jesus wusste, was auf ihn zukam. Er hatte Rom politisch provoziert – ein rein religiöses Predigen hätte die Machthaber nicht interessiert. Er starb mit dem gleichzeitigen Anspruch und der Anklage: «Dies ist Jesus, der König der Juden» (Matthäus, Kapitel 27, Vers 37). Doch seine Auferstehung zeigte, dass die Abschreckung der römischen Folter nicht mehr funktionierte: Das Leben hat den Tod besiegt.

Mehr als Opposition

All diese Begriffe unterstreichen zusammen mit vielen anderen Äusserungen von Jesus, dass er durchaus eine sehr politische Botschaft hatte (und hat). Er stellte sich klar gegen das damalige Unrechtsregime der Römer, aber er kämpfte nicht mit Gewalt dagegen an. Stattdessen stellte er die Macht der Machthaber selbst infrage. Jesus stellte soziale Ungerechtigkeiten an den Pranger, er begegnete Armen und Unterdrückten mit Achtung und Liebe und konfrontierte diejenigen mit ihrem Handeln, die ihre Macht zur Ausbeutung missbrauchten. Seine Waffen dabei waren allerdings gewaltlose Mittel. Mit seinen klaren Worten und seiner Bereitschaft, die Folgen bis hin zum eigenen Tod zu tragen, überwand Jesus nicht nur Sünde und Tod, sondern auch das übermächtige römische Imperium.

Nachfolge heute

Auch heute geschieht Nachfolge in der Spannung zwischen Hier und Himmel, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen «bald» und «noch nicht». Es geht nicht darum, die Ewigkeit zu verkleinern, sondern darum, dass sie jetzt und heute bereits Auswirkungen hat – und haben soll! Wer Jesus heute nachfolgen will, der ist nicht daran zu erkennen, dass er sich aus dieser Welt zurückzieht, «weil sie ja sowieso vergeht», oder eine der C-Parteien wählt. Wer Jesus heute nachfolgt, der wird sich gesellschaftlich einmischen, wenn Arme und Schwache an den Rand gedrückt werden. Der wird Machtstrukturen aufdecken, die Liebe, Gerechtigkeit und Gleichheit verhindern. Und der wird immer wieder seine Stimme erheben für diejenigen, die keine Stimme haben.

Das klingt komplex. Ist es auch. Aber es gehört zu einer Nachfolge dazu, die sich nicht mit einem «Ticket in den Himmel» zufriedengibt.

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