Giorgio Agamben – Der Kapitalismus als Parasit des Christentums

«Der Kapitalismus ist eine Religion, in welcher der Glaube – der Kredit – an die Stelle Gottes getreten ist.» Dies sagt einer der berühmtesten Philosophen der Gegenwart. Und das erst noch in der wirtschaftsnahen NZZ.
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Geld

«Der Kapitalismus ist eine Religion, in welcher der Glaube – der Kredit – an die Stelle Gottes getreten ist.» Dies sagt einer der berühmtesten Philosophen der Gegenwart. Und das erst noch in der wirtschaftsnahen NZZ.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben ist nicht nur bibelfest, sondern auch ein versierter Theologe. Seine prägnante Kritik am Wesen des Kapitalismus ist nicht populistisch motiviert, sondern theologisch durchdacht bis hin zu reflektierten Gedanken über den Arianismus im frühen Mittelalter.

In der Wochenendbeilage der NZZ vom 20. Juni steht sein Essay, das von der Fribourger Theologieprofessorin Barbara Hallensleben auf Deutsch übersetzt wurde. Darin finden sich so fundamentale Aussagen wie: «Geld ist ein Kredit, der nur auf sich selbst beruht und nichts anderem als sich selbst entspricht.» Die Geldwirtschaft funktioniere nur, weil sie auf Glauben beruhe. Schliesslich stamme auch das Wort «Kredit» vom lateinischen «credere» (glauben) ab.

Ein historischer Beschluss und ein Zeichen der Zeit

Als ein «Zeichen der Zeit» gemäss Matthäus Kapitel 16, Verse 2 bis 4 sieht Agamben den Beschluss von US-Präsident Richard Nixon vom 15. August 1971, die Golddeckung des Dollars aufzuheben. Bis dahin war der Wert des Dollars – und auch weiterer Währungen – theoretisch durch Gold gedeckt. Seither vertraut jeder, der Geld in der Tasche hat, darauf, dass ein anderer ihm dafür einen Gegenwert in Form von Waren oder Dienstleistungen gibt. In der Konsequenz bedeute dies: «Die kapitalistische Religion lebt von einer ständigen Verschuldung, die nicht getilgt werden kann und darf.»

Keine Erlösung

Dies sei auch der Unterschied zum Christentum, das eine Erlösung von Schuld kenne. Der kapitalistische Kult sei jedoch auf Schuld selbst aufgebaut. Es handle sich hier um die wohl extremste und absoluteste Kultreligion, die es je gegeben habe. Eine Religion ohne Rast und ohne Gnade, ein «ununterbrochener Fest- und Arbeitstag, an dem die Arbeit mit der Feier des Kultus zusammenfällt». Und später hält Agamben fest: «Der Kapitalismus ... glaubt an die reine Tatsache des Glaubens an den reinen Kredit, besser gesagt, an das Geld. Der Kapitalismus ist also eine Religion, in welcher der Glaube – der Kredit – an die Stelle Gottes getreten ist.»

Der drohende Zusammenbruch

Die Konsequenz daraus wäre dann: «Sobald die Leute ihren Glauben an den Kredit einstellten und aufhörten, auf Kredit zu leben, würde der Kapitalismus zusammenbrechen.» Agamben sieht den Kapitalismus sogar in einer «parasitären Abhängigkeit von der christlichen Theologie». Dies gelte auch für die biblischen Aussagen zur Endzeit, die ein Ende und einen Neubeginn ankündigen, die aber vom Kapitalismus abermals pervertiert werden zu einer Krise ohne Ende.

Die Wurzel dieser Fehlentwicklung sieht Agamben darin, dass die kapitalistische Wirtschaft auf Wille und Freiheit angewiesen ist. Das bedeute aber auch, dass in unserer Zeit «Sein und Handeln, Ontologie und Praxis» nicht mehr miteinander verbunden sind wie in der klassischen Zeit. Das menschliche Handeln sei nicht mehr im Sein begründet. «Deshalb ist es frei, das heisst verurteilt zum Zufall und zur Beliebigkeit.»

Eine Aufgabe der Christenheit

Giorgio Agamben spricht nicht von einer «Überwindung des Kapitalismus». Er macht aber verständlich, wie es zu dieser Forderung kommen kann, die in der Mehrheitsgesellschaft nur ein Kopfschütteln auslöst. Aus christlicher Sicht lohnt es sich aber, die Gedanken Agambens weiter zu denken und auch darüber zu sinnieren, ob sich die Kirche dem Geist des Kapitalismus und des Marktes ergeben hat oder ob sie in der Lage ist, die Botschaft von Erlösung und Gnade in diese Zeit hineinzutragen.

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