Apokalypse aus anderer Sicht – «Den Frühling der Welt ankündigen»

Die Offenbarung des Johannes enthält verstörende Texte, die viele Christen irritieren. Für sie eröffnet der mennonitische Theologe Claude Baecher eine neue Perspektive.
Imported Image
kleine Kirche hinter einem gelben Feld, mit einem Regenbogen (Plateau de Valensole, Provence, Frankreich; Bigstock: 59983520)

Die Offenbarung des Johannes enthält verstörende Texte, die viele Christen irritieren. Für sie eröffnet der mennonitische Theologe Claude Baecher eine neue Perspektive.

Claude Baecher war bis 2011 Leiter der französischen Abteilung des Theologischen Seminars Bienenberg. In jüngeren Jahren hat er eine Doktorarbeit zur biblischen Eschatologie geschrieben. Am TSB unterrichtete er auch «Biblische Eschatologie». Im Buch «Fit für die Welt!?», der Festschrift zum 65. Geburtstag des Theologen Bernhard Ott, fasst Baecher seine Sicht zusammen, die gerade solchen Christen einen neuen Zugang zur Offenbarung des Johannes verschafft, die davon irritiert sind. 

Eine neue Weltordnung

Zentraler Gedanke dabei ist eine Reich-Gottes-Theologie, die bezeugt, dass mit Jesus Christus und seiner Auferstehung Gottes Welt auch in diese Welt gekommen ist und sich in der christlichen Kirche manifestiert, die wiederum ein Zeugnis für diese Welt ist und eine neue Weltordnung predigt. Sie stellt Reich Gottes zwar nicht vollkommen dar, sondern ist sich bewusst, dass sich ihre Hoffnung erst mit dem zweiten Kommen Christi vollkommen erfüllt. Dennoch ist sie Teil der neuen Schöpfung, die mit der Auferstehung angebrochen ist. Sie steht für eine Hoffnung, die «den Frühling der Welt ankündigt», so Baecher.

Der Himmel unter uns

Imported Image
Claude Baecher

Auch bei der Offenbarung des Johannes geht es um den Anbruch der neuen Schöpfung, die geheilt werden muss, bis die neue Welt Gottes wirklich für alle sichtbar wird. Denn die Täufer warten laut Baecher nicht auf einen Himmel, der an einem andern Ort ist, sondern darauf, dass das «Lamm Gottes über das Böse triumphiert». Die Gemeinde sei berufen, zu vollenden, was mit der Auferstehung Christi begonnen habe.

Eine andere Sichtweise

Diese andere Sicht der Apokalypse unterscheidet sich zum Beispiel von derjenigen der Dispensationalisten, die noch eine Zeit grosser Katastrophen erwarten, bevor Christus wieder kommen kann. Bei den Texten in der Apokalypse gehe es vielmehr um wiederkehrende Ereignisse, so Baecher: «Die Offenbarung schildert Verhaltensweisen, die in menschlichen Gesellschaften zu allen Zeiten und an allen Orten sich stets neu wiederholen. Und sie stehen für eine bestimmte Weise, das Böse, aber auch den Sieg Christi zu benennen, der in die menschliche Geschichte eingreift und eine umfassende Antwort auf alle Not verspricht.»

Kritische Distanz zu Obrigkeiten

Die Offenbarung zeichnet sich laut Baecher durch eine kritische Distanz zu den Obrigkeiten ihrer Zeit aus: «Oft werden diese aufgrund ihres Verhaltens als Monster und Bestien bezeichnet: Sie verlangen die Anbetung ihrer Person, sie verfolgen Minderheiten und die Jünger Jesu. Und sie belohnen diejenigen, die ihnen zu Willen sind. Dieses Verhalten ist in der Menschheitsgeschichte wohlbekannt.»

Der Auftrag der Christen

Claude Baecher wendet sich daher gegen alle Versuche, die Offenbarung spekulativ zu deuten und kommende Katastrophen daraus abzuleiten und Termine zu berechnen. Der Auftrag der Kirche und der Christen sei ein anderer: «Nicht zu wissen, ist uns aufgetragen, sondern zu lieben, dem Bösen und der Ungerechtigkeit zu widerstehen und das Gute zu tun.»

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
Früher waren einige Christen der Meinung, dass Muammar al-Gaddafi der Antichrist sei

Der Bad Boy der Endzeit – Wer bitte ist der Antichrist?

Ist der Antichrist ein zukünftiger Kämpfer gegen Gott und seinen Plan der Rettung? Ist er ein Horrorkind wie Damien im ...

Thema
Die Offenbarung ist kein apokalyptischer Countdown

Kein grosser Knall? – Zwischen «Stranger Things» und Offenbarung

Viele Menschen begeistern sich für Endzeitfilme und -bücher. Oft suchen sie dabei einen besonderen Kick. Auch die ...

Thema
Wir dürfen darauf hoffen, dass Jesus auf die Erde zurückkehren wird (Symbolbild)

Advent mal anders – Warten, dass Jesus wiederkommt

Während viele in der Weihnachtszeit auf das schauen, was vor 2000 Jahren passiert ist, hat der Advent noch eine andere ...

Thema
Die heutige Zeit ähnelt in vielem den Zeiten von Noah

Von Noah lernen – Wie man in der heutigen Zeit gottgefällig leben kann

Manchmal ist es nicht einfach, als Christ in dieser Welt gottgefällig zu leben. Dass es möglich ist, zeigt Noah, denn ...

Thema
Sonnenstrahlen im Himmel

Was kommt auf uns zu? – Achtung: Jesus kommt einmal wieder

Es ist ein Eckstein christlichen Glaubens: Jesus kommt wieder, und wir werden ihm begegnen. Aber das wird womöglich ...

Thema
Schöne Aussicht mit Wolken und Sonne

Am Ende der Zeit – Warum Jesus wiederkommt

In diesem Punkt sind sich Christen und Muslime einig: Jesus wird noch einmal auf die Erde kommen. Was fast ein bisschen ...

Thema
Gipfelkreuz

Das Ende ist nah?! – Petrus: Tipps für die Endzeit

Die Zeiten waren noch nie so schlimm wie heute – behaupten jedenfalls manche Menschen. Gern verweisen sie dabei auf ...

Thema
Die vier apokalyptischen Reiter von Viktor Vasnetsov

Starke biblische Bilder – Die apokalyptischen Reiter

Die Bibel enthält zahlreiche starke Bilder. Bilder, die trösten und warnen, Bilder, die sogar Menschen kennen, die mit ...

Thema
Richter

Selten so gedacht – Hoffentlich ist bald Jüngstes Gericht

Der Gedanke an das Jüngste Gericht macht vielen Menschen Angst. Die Vorstellung, dass da am Ende der Zeit ein alter ...