Biblisches Missverständnis: abgesegnete Faulheit

Einige Bibelverse haben sich bis heute als Redewendungen erhalten, wie zum Beispiel: «Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.» Dabei hat sich die ursprüngliche Bedeutung oft verändert, denn im zitierten Psalm geht es gar nicht um Faulheit.

Unsplash / Adrian Swancar
Manche Redewendungen werden falsch interpretiert.

Wenn Salomo in Psalm 127 behauptet, dass manche Menschen scheinbar alles im Schlaf erreichen, während andere umsonst früh aufstehen und schuften, geht er von einer typischen Lebenserfahrung aus. Manche rackern von früh bis spät, kommen aber auf keinen grünen Zweig. Anderen scheint dagegen alles zuzufallen. Wer wäre da nicht gern auf der Seite dieses «Zufalls»? Doch an dieser Stelle vorschnell ein Loblied auf den Schlaf zu singen und passives Dasein als biblisch zu bezeichnen, greift offensichtlich zu kurz. Aber was sagt der sprichwörtlich gewordene Gedanke Salomos aus? Ist es tatsächlich ein Plädoyer für Gelassenheit oder gar Faulheit?

Das Original wiegt schwerer

Zunächst einmal muss man festhalten, dass sich die Bedeutungen von Redensarten ändern können. Ein typisches Beispiel ist es, wenn man heute davon spricht, dass jemand «mit Kind und Kegel» unterwegs ist – dann hat diese Person die ganze Familie und vielleicht noch Hund und Katze und den halben Hausstand dabei. Negativ ist daran nichts. Die ursprüngliche Bedeutung ist wesentlich abfälliger, denn eigentlich wurden damit im Mittelalter «Kind» (die anerkannten Kinder) und «Kekel» (die unehelichen Kinder) angesprochen. Man muss heute keine Bedenken haben, die Redewendung zu benutzen, aber man sollte auch nicht meinen, dass der jetzige Sinn der eigentliche wäre. Das gilt auch für Aussagen wie: «Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.» Das biblische Original wiegt hier schwerer als die heutige Wahrnehmung.

Der Zusammenhang klärt’s

Wie so oft, hilft es auch hier, einmal zu schauen, was eigentlich dasteht. Was der Vers davor und dahinter sagen. Dieser elementare Blick auf den Zusammenhang klärt wahrscheinlich 90 Prozent aller biblischen Missverständnisse – und auch dieses hier. In Psalm 127, Vers 1-3 schreibt Salomo: «Wenn der Herr nicht das Haus baut, dann arbeiten umsonst, die daran bauen; wenn der Herr nicht die Stadt behütet, dann wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und spät aufbleibt und sauer erworbenes Brot esst; solches gibt er seinem Geliebten im Schlaf! Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, die Leibesfrucht ist eine Belohnung.»

Der Psalm gehört zu den Wallfahrtsliedern der Bibel, die auf dem Weg zu den grossen Festen in Jerusalem gesungen wurden. In ihnen erinnerte sich das Volk immer wieder an Gottes Segen. So beginnt es folgerichtig mit Blick auf den frisch erbauten Tempel. So prächtig er geworden ist, es wäre umsonst, wenn Gott nicht seinen Segen dazugegeben hätte. Und genau dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Psalm: Nie geht es darum, nichts zu tun. Die Steine des Tempels hätten sich nicht von selbst aufgebaut. Aber ohne Gottes Segen wäre das Ergebnis trotzdem dürftig.

Ähnliches gilt für Gottes Schutz, der den Stadtwächter unterstützt, und eben seinen Segen, der aus der selbstverständlich geleisteten Arbeit etwas Besonderes macht. Am deutlichsten wird es vielleicht beim letzten Beispiel: den eigenen Kindern. Dass sie nicht nur das Ergebnis unserer Fortpflanzung sind, sondern Geschenke Gottes, können wohl die meisten Eltern unterstreichen.

Es geht also nicht um den Sieg der Faulheit und Gottes Segen fürs Nichtstun, sondern im Gegenteil darum zu handeln, aber dabei zu wissen: Wie erfolgreich, gut oder gesegnet das Ergebnis wird, liegt letztlich in Gottes Hand.

Ist das überhaupt ein Missverständnis?

Eines ist noch typisch bei einem Bibelvers wie diesem: Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, die sich damit beschäftigen, und ihn gründlich missverstehen. Wer Gott als den grossen Aufrufer zur Passivität sehen möchte, braucht dazu eine gehörige Portion Fantasie. Tatsächlich ist es ein wichtiger Grund, warum Bibelverse missverstanden werden, dass man sie missverstehen möchte, weil sie so leichter ins eigene Konzept passen. Der Unterschied ist allerdings gewaltig, ob ich mich vor einer Aufgabe drücke und erwarte, «den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf», oder ob ich arbeite und mich einsetze und dabei auf Gottes Segen hoffe.

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