Feiern, statt im Alltag zu leiden – 3. März: «Internationaler Tag des freien Sonntags»

Seit knapp 1’700 Jahren steht der Sonntag als Ruhetag im Kalender. Doch die Erfindung von Kaiser Konstantin wirkt für viele nicht mehr zeitgemäss. Dabei spricht auch heute noch viel für einen freien Sonntag.

Seit knapp 1’700 Jahren steht der Sonntag als Ruhetag im Kalender. Doch die Erfindung von Kaiser Konstantin wirkt für viele nicht mehr zeitgemäss. Dabei spricht auch heute noch viel für einen freien Sonntag.Heute hätte Konstantin der Grosse (270?-337 n. Chr.) wahrscheinlich einen wirtschaftlichen Beraterstab. Und jeder Einzelne darin würde seine Stirn in Sorgenfalten legen und dem Monarchen erklären, dass so eine Sonntagsheiligung ja an sich eine nette Idee wäre: «Aber, Majestät, denken Sie doch mal an die Produktivität…»

Sonntag – freier Tag

Dabei war Konstantin bestimmt kein frommer Traumtänzer. Der römische Kaiser war ein cleverer Machtmensch. Er hatte den Aufstieg des Christentums verfolgt und wusste, dass man in Zukunft nicht an dieser neuen Religion und ihren Anhängern vorbeikam. So gab er den Christen etliche kalkulierte Zugeständnisse, unter anderem den arbeitsfreien Sonntag. Am 3. März 321 legte er fest: «Alle Richter, Stadtbewohner und Gewerbetreibende sollen am ehrwürdigen Tag der Sonne ruhen!» So verknüpfte er die neue Religion mit der alten Sonnenanbetung, half den Christen, sich weiter von den Juden abzugrenzen, die nach wie vor den Sabbat hielten, und sicherte sich gleichzeitig die Dankbarkeit der Kirche.

Bei allem politischen Kalkül hat sich der arbeitsfreie Sonntag über die Jahrhunderte jedoch als segensreiche Einrichtung bewährt. Und bis heute gebrauchen Verfechter der Sonntagsheiligung auch sehr profane Argumente. So zitiert Markus Springer im «Sonntagsblatt» den Leipziger Rechtsanwalt Friedrich Kühn, der sich im Auftrag von Kirchen und Gewerkschaften für freie Sonntage engagiert. «Seine ganz kurze Antwort auf die Frage, warum der Sonntag auch heute noch 'mit Recht' schützenswert ist: 'Weil es in der Verfassung steht'.»

Sonntagskultur

Natürlich muss es auch Menschen geben, die sonntags arbeiten. Laut «Welt am Sonntag» sind «93 Prozent der Geistlichen, 89 Prozent der Hoteliers und 59 Prozent der Polizisten Sonntagsarbeiter». Doch trotz einer Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten, der Einführung von verkaufsoffenen Sonntagen, Einkaufswelten in der Nähe von Bahnhöfen oder Tankstellen, die rund um die Uhr fast alles verkaufen, ist der Sonntag immer noch ein besonderer Tag. Das merkt jeder, der sonntagmorgens um acht auf der leeren Strasse steht und die Ruhe geniessen kann. «Der Sonntag habe neben seiner religiösen eine soziale Funktion, und die sei in den vergangenen Jahrzehnten wichtiger geworden. Es komme nämlich nicht darauf an, irgendeinen Tag in der Woche frei zu haben, sondern auf die ‚kollektive Unterbrechung der werktäglichen Geschäftigkeit‘», unterstreicht Markus Springer.

So schätzen viele Menschen am Sonntag die Zeit mit der Familie und das Durchatmen nach einer vollen Arbeitswoche. Sie hören Musik, treffen Freunde, unternehmen etwas, besuchen einen Gottesdienst, entspannen sich und erleben das, was Gott selbst bereits in der Schöpfung «vorlebte»: «Und Gott ruhte am siebten Tag von seinem ganzen Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von seinem ganzen Werk, das Gott schuf, als er es machte» (1. Mose, Kapitel 2, Verse 2-3). Dem kann der Freizeitforscher Horst Opaschowski nur zustimmen: «Der Sonntag ist – erlebnispsychologisch gesprochen – ein kleiner Kurzurlaub.»

Gute Gründe für einen freien Sonntag

Die Kirchen weisen immer wieder darauf hin, dass der Sonntag kein Auslaufmodell sei. Im Gegenteil, mit Slogans wie «Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage» und «Gott sei Dank, es ist Sonntag» unterstreichen Christen immer wieder die Bedeutung eines gemeinsamen freien Tages. Dieser kommt allerdings zu seiner vollen Entfaltung, wenn er sich nicht nur um Freizeit und Erholung dreht, sondern Gott selbst Raum bietet – das wäre «im Sinne des Erfinders».

Es folgen einige Argumente der Evangelischen Kirche in Deutschland für arbeitsfreie Sonntage. Nicht zum automatischen Ja-Sagen, sondern zum darüber Nachdenken:

Der Sonntag ist Ruhetag. Neben Zeiten der Arbeit brauchen wir auch Ruhepausen ohne Arbeit.
Der Sonntag gibt der Woche – dem ganzen Leben – einen Rhythmus. Solche wiederkehrenden Abläufe sind hilfreich für uns.
Der Sonntag ist Feiertag. Wir leben nicht nur für die Arbeit und brauchen Zeit zum Feiern, Zeit zur Begegnung mit Gott.
Der Sonntag ist ein Tag zum Nachdenken. Wir haben selbst eine Geschichte, genauso steht auch unser Glaube in der Tradition biblischer und nachbiblischer Vorbilder.
Der Sonntag ist ein freier Tag für alle. Wir haben auch frei, wenn wir keine Christen sind.
Der Sonntag stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Wir sind herausgenommen aus dem normalen Arbeitstakt. Dieser Tag ist für uns da – und nicht wir für ihn.
Der Sonntag rückt Werte ins rechte Licht. Wir müssen nicht immer alles sofort kaufen. Er bietet die Gelegenheit, uns auf das zu besinnen, was zählt.
Der Sonntag ist Familientag. Wir leben mit steigender Arbeitsbelastung und immer grösserer Flexibilität – da tut ein gemeinsamer freier Tag gut.
Der Sonntag gibt Kraft für die neue Woche. Wir tanken auf – ob durch den Gottesdienst, eine Wanderung, gemeinsames Spielen oder Zeit für ein Buch.
Der Sonntag ist auch nach 1’700 Jahren noch lebendig. Und dieses Kulturgut sollten wir nicht kurzsichtig opfern.

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