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Werner Roth

Werner Roth – «Ich fühlte mich invalid – nichts wert!»

Mit 18 erhält er eine Auszeichnung als Scharfschütze. In der Rekrutenschule stellt sich heraus, dass er an einer unheilbaren Augenkrankheit leidet. Schrittweise erblindet Werner Roth und verliert dabei fast alles, was ihm lieb ist.

Mit 18 erhält er eine Auszeichnung als Scharfschütze. In der Rekrutenschule stellt sich heraus, dass er an einer unheilbaren Augenkrankheit leidet. Schrittweise erblindet Werner Roth und verliert dabei fast alles, was ihm lieb ist. Irene Eichenberger hat ihn getroffen.

Stolz nimmt Werner Roth als 18-Jähriger die Auszeichnung als Scharfschütze entgegen. Er ist talentiert – immer wieder trifft er auf der 300 Meter entfernten Zielscheibe mitten ins Schwarze. Dass er in der Dämmerung nicht mehr gut sieht, macht ihm
keine Sorgen. Erst als in der Rekrutenschule seine Augen genauer untersucht werden, entdecken Spezialisten einen Defekt in der Netzhaut. Werner Roth wird per sofort für dienstuntauglich erklärt. Heute ist er seinem Arzt dankbar, dass er ihm damals das Schlimmste verschwiegen hat. «Ich hätte mich umgebracht, wenn ich gehört hätte, dass ich blind werde», sagt er geradeheraus. Doch so macht er unbeschwert ein Studium zum Maschineningenieur und heiratet. Sein erstes Kind ist gerade ein Jahr alt, als dem jungen Vater ein Flyer über seine Augenkrankheit in die Hände fällt. Er ist schockiert von dem, was er liest. Und leider erfüllt sich die Beschreibung: Mit 44 Jahren muss Werner Roth seine geliebte Arbeit als Ingenieur aufgeben.

Eine harte Zeit

Heute ist Werner 64 Jahre alt. Auf dem Schreibtisch in seiner Wohnung in Wetzikon ZH liegt eine Brille mit milchig-weissen Gläsern. Gerne bittet er neue Besucher, diese aufzusetzen. Wenn sie sich dann durch den Flur tasten und nur noch Unterschiede in der Helligkeit wahrnehmen, verstehen sie ein bisschen, mit welchen Herausforderungen der Erblindete täglich kämpft. «Mein Selbstwertgefühl nahm parallel zum Verlust meiner Arbeit ab», erinnert er sich. «Invalid, also wörtlich, nichts wert, so fühlte ich mich», erzählt er. Es fiel ihm sehr schwer, seine Situation anzunehmen. Immer wieder musste er Dinge aufgeben, die ihm viel bedeuteten: Pläne zeichnen, Fotografieren oder Orientierungslauf zum Beispiel. «Im Gegenzug musste ich mich motivieren, Dinge zu lernen, die mir zuwider waren», sagt Werner Roth nachdenklich. Die Punktschrift zum Beispiel. Oder das Ertasten von Hindernissen mit dem Blindenstock.

Sich den Tatsachen stellen

Mehrere Jahre brauchte er, um ehrlich hinzuschauen und seine Sehbehinderung nicht mehr zu verdrängen. «Ein Riesenprozess», fasst der 64-Jährige die Zeit zusammen. Dieses Ehrlichwerden hat Entspannung in sein Leben gebracht. Heute steht Werner Roth dazu, dass sein Leben nicht so ist, wie er es gerne hätte. Dass er bei vielen Tätigkeiten Unterstützung benötigt, fordert ihn täglich heraus. Dennoch – die schwierigen Jahre haben ihn auch näher zu Gott gebracht. Vor ihm kann Werner heute ehrlich sein: «Wenn einem danach ist, darf man klagen wie Hiob und seine Enttäuschung Jesus sagen. Er versteht es.»

Schritte im Glauben, Ablöscher bleiben

Immer wieder hat Werner Roth erlebt, wie Gott ihn versorgte. Zum Beispiel, als er nach der Umschulung arbeitslos war und ein Berater ihm empfahl, eine eigene Firma zu gründen. «Es war ein Glaubensschritt», erinnert er sich. Und dieser lohnte sich: Als Kursleiter für Sehbehinderte und mit dem Verkauf von speziellen IT-Hilfsmitteln für Blinde verdiente er so viel, dass er nie eine IV-Rente beantragen musste. Unterdessen beschäftigt Werner Roth drei bis fünf Angestellte auf Abruf. Seine Firma heisst «Visus plus» – mehr sehen. Einiges ist für ihn heute einfacher als zu Beginn seiner Krankheit, anderes bleibt herausfordernd. Zum Beispiel, wenn er wieder einmal gegen einen Pfosten läuft und der Schmerz ihn überrollt. Werner Roth sagt dazu unumwunden: «Dann löscht es mir ab.»

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin von IDEA Schweiz

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