Storytelling und Glaube – Wo lohnt es sich zuzuhören?

Jesus erzählt im Neuen Testament Gleichnisse. Marketing und Kirche entdecken «Storytelling» als Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Was steckt hinter diesen Erzählbeispielen?

Jesus erzählt im Neuen Testament Gleichnisse. Marketing und Kirche entdecken «Storytelling» als Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Was steckt hinter diesen Erzählbeispielen? Lässt sich damit auch heute auf eine Weise vom Glauben reden, die für andere relevant ist?Christian Schröder schrieb zu diesem Spannungsfeld «spannend/langweilig: Storytelling im Netz» einen interessanten Beitrag im Sinnstiftermag. Der Theologe bricht darin eine Lanze für Kommunikation, die das Gegenüber interessiert, begeistert, mitnimmt.

Mehr als ein Trend

Der neudeutsche Marketingbegriff des «Storytelling» täuscht schnell darüber hinweg, dass es dabei um etwas sehr Altes geht: Schon in der Steinzeit hat man sich mit Höhlenmalereien gegenseitig Geschichten erzählt, nicht anders als heute im Internet per Facebook oder Snapchat. Tatsächlich arbeiten gerade die Plattformen der sozialen Medien vermehrt mit Story-Funktionen. Mit ein paar Klicks kann jeder User Fotos, Videos, Texte und Emoticons miteinander verbinden und seinen Followern damit mitteilen, was er so tut und wie er sich selbst sieht. Eigentlich ist das nichts anderes als die altbekannte Pärchenfrage: «Und, wie war dein Tag?»

Schröder zeigt in seinem Bericht, dass dieses Erzählen von Geschichten im Internet eine wichtige Funktion erfüllt: Wir wissen, «was ein Übermass an Fakten auslöst: Das Gefühl in Information zu ertrinken. Das Erzählen von Geschichten bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma: Es schafft emotionale Verbindung zu den transportierten Informationen». Durch das Weitergeben meiner persönlichen Geschichten mache ich mich als Erzähler verletzlich – aber meine Story gewinnt an Wert und wird gern gehört.

«Digitale Epiphanie»

Wie aber ist es möglich, als Christ Menschen etwas vom Glauben zu erzählen, sodass sie dabei tatsächlich Gott begegnen? Im Internet also so etwas wie eine «digitale Epiphanie» (Schröder) erleben? Tatsächlich treffen sich hier neue Ansätze und alte Traditionen: Viele klassische Formate funktionieren heute nicht mehr. Kaum jemand (niemand!) geht mit der Lutherfrage im Kopf zur Kirche: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Gleichzeitig macht ein Blick in Bibel und Kirchengeschichte auch Mut, denn beide haben eine lange Erzähltradition. Das beginnt bei Jesus und seinen Gleichnissen, geht über mittelalterliche Kirchenfenster mit ihren Erzählungen und alte Mysterienspiele hinweg und reicht bis hin zu heute erzählten Lebensberichten wie denen bei Livenet. Dabei haben sich die Medien deutlich gewandelt – von der Bleiglasscheibe zum Webtext. Aber Schröder zeigt, dass funktionierende Methoden zu allen Zeiten etwas gemeinsam hatten: «dass sie über Glauben so sprechen, dass sie Identifikation ermöglichen, aber nicht erzwingen. Geschichten sagen nicht: 'Es ist genau so und nicht anders'. Eher: 'So habe ich es erlebt'.»

Lohnt sich das Zuhören?

Unter dem Strich bleibt jedes Erzählen – auch das über Glaubensinhalte – ein Versprechen. Das Versprechen, interessant und relevant zu sein. «Ob die Geschichte gehört wird, hängt einzig und allein davon ab, ob sie gut ist. Ich kann noch so sehr von der Botschaft des Evangeliums überzeugt sein, wenn ich davon langweilig, moralisierend oder besserwisserisch erzähle, wird mir niemand zuhören.» Es gibt keine Garantie dafür, dass sich alle Menschen für das interessieren, was Christen zu erzählen haben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass grosse Menschenmengen sich direkt nach dem Erzählen von biblischen Geschichten bekehren. Aber wenn es den Christen weniger darum geht, ihre Botschaft loszuwerden, und mehr darum, anderen das anzubieten, was sie wollen und brauchen, dann ist das ein grosser Schritt in eine gute Richtung.

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