Studie zu Erziehung – Wie wachsen Kinder in christlichen Familien heute auf?

Die christliche Familie ist nicht mehr zeitgemäss, behaupten etliche. Sie ist ein Ort des Segens, weil hier der Glaube weitergegeben wird, sagen andere. Tobias Faix und Tobias Künkler schauten in einer Studie hinter die Kulissen frommer Familien.

Die christliche Familie ist nicht mehr zeitgemäss, behaupten etliche. Sie ist ein Ort des Segens, weil hier der Glaube an die nächste Generation weitergegeben wird, sagen andere. Tobias Faix und Tobias Künkler schauten in einer Studie hinter die Kulissen frommer Familien. 1'752 Familienmenschen befragten sie dafür, fassten die Ergebnisse in einer Familienstudie zusammen und gaben ein Buch dazu heraus: «Zwischen Furcht und Freiheit – Das Dilemma der christlichen Erziehung».

Zwei Jahre lang arbeiteten Tobias Faix (47) und Tobias Künkler (37), beide Professoren an der CVJM-Hochschule in Kassel, an ihrer Familienstudie (hier kostenlos herunterzuladen). Die Befragten stammen hauptsächlich aus dem pietistisch-christlichen Umfeld. Und auch das zusammenfassende Buch «Zwischen Furcht und Freiheit» richtet sich schwerpunktmässig an diese Zielgruppe. Die Autoren gehen darin Fragen nach wie: Wie sieht eine speziell christliche Erziehung aus? Wie wandelt sich der Erziehungsstil im Laufe der Zeit? Lässt sich Glaube in der Familie vermitteln? Wie? Welche Rituale eignen sich dafür? Darüber hinaus betrachten die Autoren noch Konfliktfelder wie den Umgang mit (körperlicher) Strafe und den Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität.

Der erste Eindruck… täuscht nicht

Wer das Buch in die Hand nimmt, merkt, dass er es mit einem «schwerwiegenden» Thema zu tun hat, denn die 248 Seiten haben ihr Gewicht. Die Gestaltung ist allerdings freundlich, bebildert, mehrfarbig. Zahlreiche Charts lockern das Ganze auf und machen die Inhalte optisch gut nachvollziehbar. Dem Text merkt man seine Herkunft in der Hochschule noch an, er lässt sich aber ohne Fremdwörterlexikon bewältigen. Alles in allem ist das Buch erfreulich gut lesbar.

Fragen statt Vorwissen

Das Thema Familie ist – nicht nur aus christlicher Sicht – so etwas wie ein Dauerbrenner. Jeder ist Teil einer Familie und jeder erlebt sie anders. Dies ist eine Quelle für zahlreiche kontroverse Diskussionen. Und die gesellschaftlichen Veränderungen erleichtern das Gespräch darüber nicht unbedingt. So beginnt das Buch zunächst mit einer Situationsbeschreibung und der ersten Überraschung: Familie wird von den Teilnehmern an der Studie viel positiver wahrgenommen als sie oft in den Medien, aber auch in Kirchen und Gemeinden dargestellt wird. Sie ist eben kein Auslaufmodell, ist weniger bedroht als viele fürchten und besitzt eine erhebliche Prägekraft. Diese Dinge stellen sich heraus, wenn man einmal über die eigene Wahrnehmung hinausgeht, pauschale Vorurteile beiseite lässt und die Betroffenen direkt fragt.

Freispruch in der Stilfrage

Ähnliches gilt für den Bereich der Erziehungsstile. Natürlich ist hier viel im Wandel und die allgemeine Tendenz geht klar weg von einer Dimension der Strenge und Kontrolle hin zu einer der demokratischen Mitbestimmung. Doch nach wie vor gibt es ein breites Spektrum an Stilen, die in der Erziehung verwendet wurden und werden. Der überraschende Faktor in diesem Abschnitt beschäftigt sich mit dem Thema Unsicherheit. Ja, viele Eltern sind sich unsicher, wie sie den Medienkonsum ihrer Kinder in positive Kanäle lenken können. Aber die meisten sind sich in ihrer Rolle als Vater und Mutter sehr sicher. Ratschläge in Erziehungsfragen holen sie sich bei ihren Partnern (85 Prozent) und Freunden (81 Prozent). Die Bibel dient 39 Prozent als Informationsquelle.

Heisse Eisen im Fokus

Exemplarisch für manche anderen Bereiche beschäftigt sich das Buch auch mit der Sicht zu Gewalt bzw. körperlicher Strafe und der zu Sexualität und Geschlechterrollen. Dies geht bis hin zu konkreten Fragen nach Aufklärung, vorehelicher Sexualität oder Homosexualität. Es tut den Themen sichtlich gut, dass sie zunächst einmal neutral dargestellt werden, einfach anhand der Lebenspraxis von 1'752 Familien. Dass nicht zuerst gefragt wird, was denn jetzt «biblisch» oder was «veraltet» sein soll. Andererseits wird gerade bei diesen heissen Eisen auch deutlich, dass ein Grossteil der Arbeit erst nach dem Lesen der Studie losgeht, denn natürlich lassen sich die Zahlen und Meinungen darin sehr unterschiedlich deuten. Je nach Hintergrund und eigener Anschauung kann man sehr kontroverse Ansichten mit der gleichen Studie begründen oder man kann sich darüber konstruktiv auseinandersetzen und ist damit bei einem der Ziele des Buches angekommen: dem Diskurs.

Start ins Gespräch

«Zwischen Furcht und Freiheit» bietet jede Menge interessante Fragen. Neben den statistischen Angaben kommen immer wieder einzelne zu Wort, die ganz praktisch erzählen, wie sie einen Sachverhalt einschätzen bzw. wie sie etwas in ihrer Familie leben. Das Wichtigste am Buch ist aber das, was nur in Ansätzen darin vorkommt: der unsichtbare Doppelpunkt. Denn offensichtlich geht es den Autoren nicht darum, die aufgeworfenen Fragen allgemeinverbindlich zu beantworten, sondern sich jetzt dem Gespräch zu stellen, in der Familie, der Gemeinde, der Gesellschaft.

Zum Buch:
Tobias Künkler, Tobias Faix: Zwischen Furcht und Freiheit – Das Dilemma der christlichen Erziehung
SCM-Verlag R.Brockhaus
ISBN 978-3-417-26813-3
248 Seiten
EUR 19,95 / CHF 27,90

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