Die Billy-Graham-Regel – Warum klare Grenzen problematisch sein können

Billy Graham stellte als Regel für sich auf, nie allein Zeit mit einer anderen als seiner eigenen Frau zu verbringen. Mit dieser Regel wollte er jedem Verdacht auf aussereheliche Beziehungen aus dem Weg gehen. Doch die Regel hat auch Schattenseiten.

Der US-Evangelist Billy Graham stellte als Regel für sich auf, nie allein Zeit mit einer anderen als seiner eigenen Frau zu verbringen. Mit dieser «Billy Graham Rule» wollte er jedem Verdacht auf aussereheliche Beziehungen aus dem Weg gehen. Doch die Regel hat durchaus Schattenseiten.Bereits in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellte Billy Graham (99) für sich und Leiter in seinem Umfeld die «Billy-Graham-Regel» auf. Er wollte nie allein mit einer anderen Frau als seiner eigenen in einem Auto, einem Raum oder beim Essen sein. Damit wollte er «jede Situation vermeiden, die auch nur den Anschein hätte, verdächtig oder gefährdend zu sein». Nachdem der jetzige Vizepräsident der USA diese Regel auch für sich entdeckte, ist sie in den Vereinigten Staaten inzwischen auch als «Pence Rule» bekannt.

Gut gemeint…

Keine Frage: Hinter dieser Regel stehen gute Absichten. Deshalb legen viele Kirchen und Missionswerke (besonders in den USA) ähnliche Bestimmungen für ihre Mitarbeiter fest. Männer sollten demnach nie allein mit einer fremden Frau zusammen sein. Je konkreter man das beschreibt, um so klarer wird, dass dies nicht für jeden machbar ist. Lässt ein Taxifahrer seine Kundin stehen? Kündigt ein Angestellter, der sich mit einer Kollegin das Büro teilen soll? Flieht ein Mann, der im Fahrstuhl fährt, wenn eine Frau zusteigt? Die Regel birgt aber noch weitere problematische Seiten.

…aber schlecht gemacht

Die Billy-Graham-Regel ist von Männern für Männer gemacht. Das merkt man. In der Konsequenz führt sie dazu, dass Frauen als Fallstricke behandelt werden. Jede Frau wird damit sexualisiert und zum Objekt bzw. zur Bedrohung gemacht. Als ob sie nur darauf warten würde, eine Affäre zu beginnen. Das ist einfach nicht haltbar. Dazu kommt, dass sich moralische Reinheit nicht mit strikten Regeln erzeugen lässt. Tatsächlich bieten sie Männern viel weniger Schutz als erhofft. Und gleichzeitig entwerten sie Frauen stärker als gedacht.

Und hinter verschlossenen Türen?

Wer sich in der Öffentlichkeit an die Regeln hält, erreicht damit vor allem eins: Er präsentiert sich als «sauber». Das kann der Wirklichkeit entsprechen, muss es aber nicht. Wenn ein Mann nie mit einer Frau zusammen im Büro sitzen würde, kann er trotzdem ein Problem mit Pornografie haben. Wenn niemand zuschaut, missbraucht er Frauen in Filmen zu seiner Befriedigung, im wirklichen Leben geht er ihnen aus dem Weg.

Der Seelsorger Jonathan Trotter sagt in seinem Blog dazu: «Bestrafen Sie Frauen in der Öffentlichkeit doch nicht für Ihre geheimen Sünden. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten.» Und er ergänzt Beispiele aus dem Gemeindealltag, wo oft strikte Regeln herrschen und äusserliche Reinheit gefordert wird. Und in genau diesem Umfeld missbraucht ein Leiter Kinder – und bleibt sogar im Amt. Zum Glück ist dies nicht der Normalzustand, doch es unterstreicht eindrücklich, dass strenge Regeln eben keinen besonderen Schutz geben.

Kein Generalverdacht

Sollte es also gar keine Regeln für den Umgang mit dem anderen Geschlecht geben? Doch, natürlich. Im Buch der Sprüche werden junge Männer eindrücklich vor unmoralischen Frauen gewarnt. Und diese Warnung gilt ebenso für den Umgang mit unmoralischen Männern. Am Ende steht hier die Warnung: «Geh einer solchen Frau aus dem Weg, lass dich nicht einmal in der Nähe ihres Hauses blicken!» (Sprüche, Kapitel 5, Vers 8). Dieser Rat, sich fernzuhalten, gilt nicht für alle Menschen, sondern nur für diejenigen, die nach einer Affäre suchen. Nicht jedes Gegenüber ist gefährlich. Und ein Generalverdacht ist für respektvollen Umgang miteinander wenig hilfreich.

Und falsche Anschuldigungen?

Viele halten sich an die Billy-Graham-Regel, um falsche Beschuldigungen zu vermeiden. Wenn die Anschuldigung erst im Raum steht, man(n) hätte sich übergriffig verhalten, ist sie nur schwer zu entkräften. Da ist sicher etwas dran. Tatsächlich geht es nicht darum, blauäugig durch die Welt zu gehen. Allerdings hatte Jesus erstaunlich wenig Bedenken, seinen guten Ruf zu verlieren. Es werden mehrere Begegnungen von ihm mit Frauen beschrieben, die alles andere als angstbesetzt abliefen. Und selbst als Jesus längere Zeit allein mit einer stadtbekannten Sünderin am Brunnen sass (Johannes, Kapitel 4), wartete er nicht auf Verstärkung, sondern zeigte ihr seine Liebe und Wertschätzung.

Statt Regeln

Jonathan Trotter stellt abschliessend klar: «Es ist einfach, Regeln aufzustellen. Regeln sorgen dafür, dass wir uns sicher fühlen. Regeln sind einfach zu befolgen. Aber Regeln können unmöglich emotional gesunde, innig miteinander verbundene Menschen schaffen.»

Wie wäre es denn, mehr Zeit mit der Partnerin zu verbringen und die Beziehung zu verbessern? Wäre das nicht leichter, als angebliche oder echte Bedrohungen von aussen abzuwehren? Wie wäre es, Vertrauen und Ehrlichkeit aufzubauen? Wäre das nicht konstruktiver, als überall Gefahren zu sehen? Das könnte kompliziert werden. Manchmal beängstigend. Aber auch sehr gut.

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