Finanzen werden überbewertet – Warum Geld nicht die Probleme der Mission löst

Gefühlt gibt es kaum ein Thema, über das Missionare und Missionsgesellschaften so oft reden wie über Geld. Und immer wieder schwingt der Gedanke mit: Hätten wir mehr Geld, dann könnten wir mehr erreichen. Das stimmt auch. Aber nur teilweise.
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Mission ist nur mit entsprechender Finanzierung möglich.

Gefühlt gibt es kaum ein Thema, über das Missionare und Missionsgesellschaften so oft reden wie über Geld. Okay, abgesehen vom Gespräch mit Noch-nicht-Christen über den Glauben, hoffentlich. Und immer wieder schwingt der Gedanke mit: Hätten wir mehr Geld, dann könnten wir mehr erreichen. Das stimmt auch. Aber nur teilweise. Manchmal ist es weiser, kein Geld einzusetzen.

Wer jemals in den armen Teilen der Welt unterwegs war, der kennt die Entwicklung des eigenen Denkens. Ich komme an und ärgere mich darüber, dass viele mich für reich halten: «Das bin ich doch gar nicht. Ich habe maximal ein mittleres Einkommen.» Doch je mehr Kontakte zu wirklich armen Menschen ich habe, desto eher realisiere ich: «Ich bin tatsächlich reich.» Und dann kommt der Moment, wo ich die Nöte um mich herum mit dem Portmonee wahrnehme. «Diese Medikamente kosten nur 20 Euro – ich kaufe sie…»

Craig Greenfield arbeitet sozialmissionarisch in Phnom Penh. Der Neuseeländer unterstreicht deutlich, dass der Einsatz von Geld nicht nur eine Frage der Möglichkeiten ist, sondern auch der Berufung. Denn niemand kann allen helfen. Er illustriert das mit der Geschichte von Bourmey.

Begegnung mit der Not

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Bourmey vor ihrem Haus

Mitarbeiter der «Alongsiders» (eine Jüngerschafts-Organisation, die in Asien und Afrika tätig ist) trafen auf Bourmey (13) und ihre Familie. Der Vater hatte sie schon seit einiger Zeit verlassen. So lebte sie mit zwei grösseren Schwestern, ihrer Mutter und der alten Grossmutter zusammen. Die Mutter und eine Schwester hatten Arbeit und verdienten damit so viel, dass sie pro Kopf zwei Euro zur Verfügung hatten. Im Dschungel wäre das vielleicht fast genug gewesen, doch sie wohnten in der Stadt…

Im Gespräch erfuhren sie, dass Bourmey wohl die Schule abbrechen müsste, weil die Familie dafür nicht länger aufkommen konnte. Sie sollte auch Geld verdienen. Unausgesprochen stand die Frage im Raum: Können die Alongsiders Bourmey nicht mit einem kleinen Betrag unterstützen? Dafür wäre nicht viel nötig: ein paar Euro oder einige Kilogramm Reis. Dann könnte sie weiter die Schule besuchen und alles wäre gut. Doch wäre es das?

Kleiner Einschub: Natürlich kann es gut und sinnvoll sein, Menschen finanziell zu unterstützen. Jesus redete sehr selbstverständlich vom Geben. So beginnt die berühmte Passage in der Bergpredigt mit den Worten: «Wenn du nun Almosen gibst…» (Matthäus, Kapitel 6, Vers 2). Jesus meint hier nicht, «falls», sondern es ist völlig klar, dass man gibt – die Frage ist nur, wie.

Nicht geben als Option

Auch die Alongsiders erhalten Spenden und könnten sie natürlich für Bourmey und viele andere Menschen in Not einsetzen. Sie tun es jedoch nicht in dieser Form. Greenfield erklärt, warum sie so handeln:

1. Wenn Spenden von aussen für die Not vor Ort eingesetzt werden, dann führt dies einheimische Mitarbeitende in die Passivität. Sie fragen sich gar nicht länger, wie sie ihre (deutlich begrenzteren!) Mittel einsetzen sollen. Und sie würden die Möglichkeit verlieren, selbst grosszügig zu sein und dadurch im Glauben zu wachsen.

2. In der familienorientierten asiatischen Kultur würden Mitarbeiter unter Druck geraten, sich zunächst um Verwandte, Freunde und Nachbarn zu kümmern. Eine Auswahl der Hilfsbedürftigen würde immer schwerer.

3. Wenn es selbstverständlich ist, dass die Alongsiders finanziell helfen, wachsen Begehrlichkeiten. Anfragen nehmen zu und Eifersucht entsteht. Es wäre ein aufwendiges Programm nötig, nach dem Geld zugeteilt wird. Damit wären sie nicht länger eine Jüngerschaftsbewegung mit einem fast unbegrenzten Wachstumspotenzial.

Man kann nicht jedem helfen

Das oben bereits erwähnte Bewusstsein, dass sich manche Not mit ein paar Euro lindern lässt, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite macht klar, dass niemand allen helfen kann. Mehr noch. Jeder Helfende hat eigene Schwerpunkte: eine hilft medizinisch, ein anderer evangelisiert, die eine bohrt Brunnen zur Wasserversorgung, der nächste vermittelt Mikro-Kredite.

Alongsiders verstehen sich als Jüngerschaftsbewegung – deshalb sammeln sie keine Spenden für Schulgeld. Das ist sehr einfach, wenn man grundsätzlich über die eigene Berufung nachdenkt. Und es ist sehr schwer, wenn man Menschen wie Bourmey leibhaftig gegenübersteht.

Der Schlüssel ist Vertrauen

Aus der Ferne lässt sich leicht urteilen: «Sie könnten helfen und sie tun es nicht», doch Hilfe hat so viele Gesichter. 2013 untersuchte ein unabhängiges Forschungsteam die Auswirkungen, die die Arbeit der Alongsiders in Phnom Penh haben. Von armen Kindern, die keine Unterstützung hatten, bekamen 38 Prozent Hilfe bei den Hausaufgaben, aber insgesamt besuchten nur 55 Prozent eine Schule. Kinder, die von einheimischen Begleitern unterstützt wurden, bekamen nicht nur zu 97 Prozent Hausaufgabenhilfe, sie besuchten auch zu 99 Prozent eine Schule. Offensichtlich haben Gebet, Beziehungsarbeit und viele andere Faktoren grosse Auswirkungen. Es geht also nicht nur ums Geld.

Craig Greenfield unterstreicht zweierlei: Er will mit seiner Arbeit auch in Zukunft keine Gelder verteilen und vertraut darauf, dass Gott trotzdem vieles möglich machen wird. Andererseits gibt es jede Menge Programme, Patenschaften oder Hilfen, für die es notwendig und sinnvoll ist zu spenden. (Das oben Erzählte soll nicht suggerieren, dass Mission von jetzt an ohne Geld auskommen würde.)

Es mag unbefriedigend sein, dass wir nicht wissen, wie Bourmeys Geschichte endet. Viele Missionsberichte oder Erzählungen aus der humanitären Hilfe schliessen eher märchenhaft: «…und sie lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.» Das kann und will der vorliegende Text nicht leisten. Er ist stattdessen eine Anfrage an uns, wie wir mit unseren Finanzen umgehen, wenn (nicht falls) wir etwas geben. Und er zeigt eine Perspektive des Vertrauens: Bourmey ist geliebt, wird begleitet und ihre Geschichte ist noch längst nicht zu Ende.

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