Es kann zutiefst befriedigend sein, etwas abzuschliessen: ein Projekt, eine Aufgabe, eine Arbeit. Doch sehr oft kommen wir zu keinem echten Abschluss. Mit einem Blick in Kunst, Wirtschaft und Bibel kommt Hauke Burgarth zu dem Schluss, dass das völlig in Ordnung sein kann.
«Unfertig» klingt nicht schön. Es hört sich an wie angefangen und aufgegeben, gewollt und nicht gekonnt. Darin schwingt Versagen mit. Manchmal auch die geistliche Haltung: Für Gott ist nur das Beste gut genug – und ich liefere jetzt ein halbes Ergebnis ab…
Nun geht es mir nicht um Menschen, die nichts ansatzweise fertigstellen können, sondern um die Erfahrung, dass vieles offen bleibt und trotzdem gut ist. Die Kunst kennt so manche «Unvollendete» genauso wie die Sucht, alles perfekt machen zu wollen. Zwei Künstler unterstreichen diese gegensätzlichen Haltungen: Franz Schubert und Pierre Bonnard. Vilfredo Pareto und der Apostel Paulus ergänzen ihre Gedanken zu realistischen Erwartungen.
Schubert: Unvollendet und doch genial
Bis heute zählt die Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert (1797–1823) zu seinen meistaufgeführten Werken, obwohl sie nur ein Fragment ist. Zwei Sätze schrieb der Komponist, den dritten begann er, dann legte er das Projekt erst einmal zur Seite. Warum? Darüber streiten die Gelehrten. Er widmete sich erst einmal anderen Kompositionen, hätte aber später durchaus die Zeit gehabt, seine «Unvollendete» zu vollenden. Ob es daran liegt, dass das Werk zwar auf klassische vier Sätze angelegt, aber mit zweien eigentlich in sich abgeschlossen und komplett war? (Hier können Sie einmal hereinhören.) Vieles scheint dafür zu sprechen. Schuberts 7. Sinfonie wurde erst 37 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt. Sie ist bis heute eine der beliebtesten Sinfonien des 19. Jahrhunderts – auch als «Unvollendete».
Bonnard: Vollendet und doch nie fertig

Der Spätimpressionist Pierre Bonnard (1867–1947) war der Alptraum vieler Galeristen und Museumsdirektoren. Er war zwar nie so berühmt wie seine Künstlerkollegen Monet und Matisse, doch er war erfolgreich und verkaufte seine Bilder gut. Er arbeitete lange an den einzelnen Gemälden und wurde im Prinzip nie fertig, denn auch wenn er sie bereits verkauft hatte, stand er manches Mal plötzlich mit Palette und Pinsel bei seinen Kunden in deren Ausstellungen und verbesserte noch schnell ein paar Details an «seinen» Bildern, die ihm gar nicht mehr gehörten – nicht immer zur Freude der neuen Besitzer.
Pareto: 80 Prozent sind genug
Bis heute ist das Paretoprinzip Teil der Managementliteratur. Formuliert hatte es der italienische Ökonom und Soziologe Vilfredo Pareto (1848–1923). Es besagt, dass man bei vielen Arbeiten 80 Prozent der Ergebnisse bereits mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht. Für die restlichen 20 Prozent der Ergebnisse sind dagegen 80 Prozent des Aufwandes nötig.
Natürlich gibt es Aufgaben, bei denen eine 80-prozentige Erledigung nicht ausreicht – denken Sie nur einmal an eine Blinddarmoperation! –, aber Paretos Ansatz hilft Menschen bis heute dabei, sich nicht zu verzetteln bzw. zu überschlagen, wann sie ein Projekt als «fertig» betrachten wollen. Vieles bei der Frage, wann etwas fertig, vollkommen oder abgeschlossen ist, ist auch abhängig von der Persönlichkeit. Schon bei kleinen Kindern wird das deutlich: Eines malt stundenlang akribisch detaillierte Bilder, ein anderes setzt einen schwungvollen Kringel aufs Blatt und verkündet: «Fertig!»
Paulus: Vollendung und Ewigkeit
Der Zeltmacher und Gemeindegründer Paulus (ca. 10 v.Chr.–60 n.Chr.) gibt der Frage, wann fertig denn fertig ist, noch eine ganz andere Dimension. Er wurde als Missionar davon angetrieben, möglichst vielen Menschen die gute Nachricht von Jesus Christus zu verkünden. Und er engagierte sich dafür, selbst im Glauben zu wachsen, und auch anderen dabei zu helfen.
Paulus ist bekannt dafür, keine halben Sachen zu machen, doch er musste nicht krampfhaft alles selbst zu Ende führen. Den Philippern schrieb er einmal: «Ich [bin] davon überzeugt…, dass der, welcher in euch ein gutes Werk angefangen hat, es auch vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi.» So klingt kein Perfektionist. Niemand, der alles selbst abschliessen muss. So klingt ein entspannter Apostel, der um die Dimension der Ewigkeit weiss, und darum, dass Gott selbst die Dinge in der Halt hält. Wir können uns wie Paulus engagieren und dabei wie Schubert die «Unvollendeten» unseres Lebens feiern, weil wir wissen, dass Vollendung erst durch den kommt, der am Kreuz gesagt hat: «Es ist vollbracht!» (Johannes Kapitel 19, Vers 30).







