Kultur des Gebens – Warum der «Zehnte» nicht für alle passt

Für viele Christen ist der «Zehnte» ein wichtiges biblisches Prinzip, nicht nur in den USA. Doch die Idee beim Geben war schon immer eher eine Haltung der Grosszügigkeit als das Erfüllen eines Prinzips.
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Eine Spende

Für viele Christen ist der «Zehnte» ein wichtiges biblisches Prinzip, nicht nur in den USA. Doch die Idee beim Geben war schon immer eher eine Haltung der Grosszügigkeit als das Erfüllen eines Prinzips.

«Pastor, ich habe gerade nichts Bares übrig, aber ich würde gern ein paar Lebensmittel für das nächste Essen für die Obdachlosen beisteuern. Okay?» Mit diesem Beispiel beginnt Craig L. Blomberg, US-Professor und Autor mehrerer Bücher zu den Themen Geld und Besitz, seinen Artikel über den Zehnten.

Kalkulierbarer Segen?

Hätte Blomberg ablehnen sollen? Den Fragenden zum Gehorsam gegenüber dem biblischen Gebot des Zehnten auffordern? Hätte er ihm Maleachi Kapitel 3, Vers 10 vorhalten sollen? «Bringt den Zehnten ganz in das Vorratshaus, damit Speise in meinem Haus sei, und prüft mich doch dadurch, spricht der Herr der Heerscharen, ob ich euch nicht die Fenster des Himmels öffnen und euch Segen in überreicher Fülle herabschütten werde!»

Nein, Blomberg nimmt das Angebot gern an und freut sich darüber. Der Professor ist sich sehr bewusst darüber, dass Reden und Tun im Bereich des Zehnten weit auseinandergehen. Anders als in der Schweiz oder Deutschland, wo die Kirchensteuer oder ein vergleichbarer Betrag als Dauerauftrag an die eigene Freikirche üblich sind, wird «das Prinzip des Zehnten» in den USA hochgehalten. Dabei zeigen bereits ältere Umfragen, dass selbst überzeugte Verfechter deutlich weniger geben als zehn Prozent. Und Blomberg unterstreicht, dass der hohe Stellenwert des «Tithing», wie es in den USA genannt wird, eher auf den Chicagoer Geschäftsmann Thomas Kane zurückgeht als auf die Bibel selbst. Kane hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine Flut von Publikationen zum Thema Geben an Kirchen und Gemeinden verschickt, deren Auswirkungen bis heute nachweisbar sind. Vor allem in der ständig wiederholten Verknüpfung von Geben und Segen.

Der Zehnte ist eigentlich gar nicht der Zehnte

Interessanterweise beträgt selbst der alttestamentliche Zehnte gar nicht zehn Prozent – er ist deutlich umfangreicher. Abgesehen von freiwilligen Opfergaben lag der Umfang des festgelegten Gebens bei 23,33 Prozent. Denn zehn Prozent gingen an die Priester und Leviten, zehn Prozent wurden für die Ausrichtung der religiösen Feste verwendet und alle drei Jahre gingen zehn Prozent an die Armen.

Geben im Neuen Testament

Im Neuen Testament spielt das Geben eine grosse Rolle. Der Zehnte wird dabei stillschweigend vorausgesetzt, bei seiner einzigen konkreten Erwähnung jedoch gerade nicht als Prinzip beschrieben. Sehr kritisch spricht Jesus dabei die Pharisäer an, die pflichtbewusst von absolut allem den zehnten Teil spendeten: «Aber wehe euch Pharisäern, dass ihr die Minze und die Raute und alles Gemüse verzehntet und das Recht und die Liebe Gottes umgeht! Dieses sollte man tun und jenes nicht lassen» (Lukas Kapitel 11, Vers 42). Der neutestamentliche Fokus liegt also stärker auf der Haltung zum Geben als auf dem Prozentsatz. Das zieht sich als roter Faden hindurch. «Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!», heisst es deshalb bei Paulus (2. Korinther Kapitel 9, Vers 7).

Weg von einer «Das ist meins»-Kultur

Blomberg relativiert den Zehnten, so wie ihn viele Christen verstehen: als fixe Grösse, die bestimmt, ob Gott uns segnen kann oder nicht. Aber er lenkt den Blick auf das, was dahinterliegt: zum Beispiel auf Gottes Sicht von Armut – und unsere Möglichkeiten, hier zu helfen. Zum Beispiel auf die Arbeit von Kirchen und Gemeinden – und unsere Verantwortung als Christen, sie mitzutragen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass jemand, der 200'000 im Jahr verdient, davon nur 20'000 geben sollte. Blomberg meint: Da geht viel mehr! Gleichzeitig bedeutet eine Spende von 2'000 bei einem Einkommen von 20'000 unverhältnismässig viel mehr, obwohl es derselbe Prozentsatz ist, aber sie ist und gar nicht unbedingt sinnvoll.

Der Punkt für Blomberg ist es, eine Haltung und Gewohnheit des Gebens zu entwickeln. Nicht davon auszugehen, dass einem alles gehört und maximal den geforderten Betrag wegzugeben, sondern grosszügig zu fragen: Was kann ich denn noch geben? Das kann sich äussern wie bei ihm, der als Gutverdiener über viele Jahre die Hälfte seines Einkommens spenden konnte. Oder es äussert sich wie beim Eingangsbeispiel in jemandem, der gerade nicht flüssig ist, aber fröhlichen Herzens seinen Kühlschrank ausräumt. Craig L. Blomberg hält fest: «Grosszügigkeit lässt sich nicht in Prozenten messen, aber sie gefällt Gott und ist ein Segen für die Kirche.»

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