Begegnung mit Jesus – Vom Alltag eingeholt

Viele suchen die Begegnung mit Jesus in vollmächtigen Predigten und besonderen Events. Das geschieht auch. Doch immer wieder begegnet Jesus seinen Menschen mitten in ihrem Alltag.

Henry Lai
Jesus im Alltag sehen

«Morgen. Morgen kommt der grosse Graue.» Dann macht mein Gegenüber eine bedeutungsschwere Pause, bevor er weiterfährt: «…der grosse graue Alltag.» Sprüche wie diese hört man oft am Schluss von christlichen Konferenzen oder besonderen Highlights. Dabei muss Alltag weder grau noch schrecklich sein. In der Bibel ist erstaunlich viel Raum für Alltägliches. Eine typische Begebenheit im Leben der Freunde von Jesus findet zwischen dem Alptraum der Kreuzigung und dem Wunder von Himmelfahrt und Pfingsten statt. Überfordert von den Ereignissen sagt Petrus: «Ich gehe fischen!» und die anderen kommen mit in ihren ehemaligen Alltag. Johannes erzählt in Kapitel 21, Vers 1-14, was sie dabei erleben – und wie Jesus in diesen Alltag hineinkommt, in ihr Arbeiten, Essen und Reden.

Arbeiten

Zu jedem Alltag gehört Arbeit. Die Freunde von Jesus beschliessen, in ihrer alten Heimat am See Tiberias zu fischen. Haben sie damit ihre Berufung verlassen? Das Besondere gegen das Normale vertauscht? Vielleicht. In erster Linie nehmen sie aber ihre Verantwortung wahr, arbeiten und versorgen ihre Familien, wie sie es auch während der Zeit mit Jesus immer wieder getan haben. In diesem Fall bleiben die Netze allerdings leer: Fischeralltag. Doch nun erleben sie eine Überraschung. Jesus lässt sie nicht einfach machen, sondern er zeigt sich ihnen. Er beordert sie nicht zurück, sondern kommt in ihren Alltag hinein. 

Manche Ausleger sparen hier nicht mit Kritik – erfolglos wären die Jünger, denn «getrennt von mir könnt ihr nichts tun» –, dabei ist der Kern des Ganzen, dass Jesus kommt und seinen Freunden mitten bei der Arbeit begegnet. Auf heute übertragen nicht nur im Gottesdienst, sondern am Schreibtisch, beim Müll-Rausbringen, beim Schwitzen, beim Verhandeln. Und dabei schreit er ziemlich herum, denn seine Frage «Habt ihr nichts zu essen?» stellt er aus 100 Metern Entfernung. Als er ihnen wie zu Beginn ihres Miteinanders sagt, dass sie das Netz wieder auswerfen sollen, fällt bei den Jüngern der Groschen: Jesus ist derselbe wie damals. Petrus und die Jünger sind dieselben. Und er steht mitten in ihrem Arbeitsalltag da und begegnet ihnen – und die Netze füllen sich mit Fischen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jesus begegnet uns immer noch gern bei der Arbeit mitten im Alltag.

Essen

Die Fischer stehen nur in Unterkleidung im Boot – nicht nackt, wie manche übersetzen, aber maximal beweglich. Alle sehen den Rufenden am Ufer, aber Johannes fasst es zuerst in Worte: «Es ist der Herr!» (Vers 7) Jetzt macht sich jeder in seinem Tempo und auf seine Art auf den Weg ans Ufer. Petrus springt einfach ins Wasser. Die übrigen Jünger verdrehen die Augen und meinen: «Typisch. Und wir können sehen, wie wir mit den vollen Netzen klarkommen.» Als endlich alle an Land sind, geschieht eine dieser typischen Jesusaktionen. Er bittet sie um ein paar Fische, doch das Feuer brennt längst und Brot und Fisch stehen schon bereit: Alles ist fertig – der Tisch ist gedeckt. Und wieder einmal geht es nicht darum, selbst etwas zu tun, eine Predigt anzuhören oder eine Zurechtweisung, sondern Zeit miteinander zu verbringen, Leben zu teilen und gemeinsam zu essen.

Zu den 153 Fischen, die die Jünger gefangen haben, gibt es die tollsten Erklärungen. Der Kirchenvater Hieronymus (348–420) meinte, dass man damals insgesamt 153 Fischarten kannte und die Anzahl unterstreiche, dass Menschen aller Art vom Verderben gerettet würden. Cyrill von Alexandria (375–444) erklärte, dass 100 für die Fülle der Heiden stände, 50 für den geretteten Rest Israels und 3 für den dreieinigen Gott. Vielleicht waren die Jünger auch nur so begeistert von ihrem Fang, dass sie die Fische zählten. Es hätten dann auch 167 sein können – waren es aber nicht. Viel wichtiger als die Zahl der gefangenen Fische ist sowieso, dass bereits welche auf dem Grill liegen. Und dass sie für ein opulentes Frühstück mit Jesus reichen. Es scheint typisch, dass sich Jünger und Kirchenväter um 1000 Dinge Gedanken machen, während Jesus uns einfach den Tisch deckt und sagt: «Kommt zum Frühstück!» (Vers 12) Manchmal ist es genau das, was wir brauchen: etwas essen mit jemandem, der uns so annimmt wie Jesus.

Reden und Schweigen

Im Bibeltext heisst es danach: «Aber keiner der Jünger wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.» (Vers 12) Das bedeutet nicht, dass betretenes Schweigen herrscht, es spricht nur niemand übers Offensichtliche: das Jesus plötzlich da ist und es sie wundert, freut und herausfordert. Das Reden mit Jesus ist ja immer so eine Sache. Was soll man ihm erzählen, was er noch nicht weiss…? So geht das Treffen völlig normal weiter – mit Reden und Schweigen. Auch ohne festes Programm und einen klaren Ablauf.

Jesus ist bis heute dabei

Die Freunde von Jesus erleben zwischen den herausragenden Hochs und Tiefs ihres Glaubens, dass er Anteil an ihrer Arbeit nimmt und mitten hineinkommt. Das gilt bis heute. Er segnet und begegnet Menschen in Erfolg und Misserfolg – und macht eine Berufung aus ihrem Beruf (ein Wort, das Luther erst beim Bibelübersetzen erfunden hat). Jesus verbringt Zeit mit seinen Leuten. Besondere Zeiten wie im Abendmahl. Gewöhnliche Zeiten wie beim Essen mit Familie, Freunden oder auch allein. Er will nicht nur die Highlights teilen, sondern den absoluten Alltag – nicht nur gebratenes Steinbuttfilet mit Petersilie und Salzkapern, sondern auch die Fischstäbchen. Und er ist und bleibt dabei, wenn es bei Tisch so zugeht, wie es eben zugeht: laut, lustig, streitend, engagiert, traurig oder auch voll motiviert. Jesus redet und schweigt mit seinen Freunden. Er muss nicht unterhalten oder bespasst werden. Man muss ihn nicht einmal «in unserer Mitte begrüssen» – er ist und bleibt einfach da. Mitten im Alltag.

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