Wenn Eltern alt werden – Und der Baum war glücklich…

Alternde Menschen sind wie Bäume, die sich ihr Leben lang für andere aufgeopfert haben und dadurch immer mehr Zweige von sich abbrachen. Jetzt im Alter bleibt nicht viel mehr als ein Baumstumpf – ist dieser Stumpf glücklich? Gedanken von Bert Farias.
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Älteres Ehepaar (Symbolbild)

Nur wenig junge Menschen denken daran, dass sie und auch ihre Eltern eines Tages alt werden, vielleicht krank, schwach, gebrechlich, und Pflege brauchen… Der Sprecher und Pastor Bert Farias vergleicht seine Eltern mit starken, schönen Bäumen, die sich ihr Leben lang für andere aufgeopfert haben und dadurch immer mehr Zweige von sich abbrachen. Jetzt im Alter bleibt nicht viel mehr als ein Baumstumpf – ist dieser Stumpf glücklich? Gedanken hierzu von Bert Farias.

Wie so viele Menschen mittleren Alters kümmere ich mich um meine alt gewordenen Eltern. Im vergangenen Jahr durfte ich eine Seite meiner Eltern kennenlernen, die ich zuvor nicht kannte. Ihnen wurde all das im Leben genommen, was ihnen vertraut und was vorhersehbar war. Mein Vater sagte mir mehrmals, dass er sich wie ein Vogel im Käfig fühlt. Sie leben bei meinem Bruder und meiner Schwägern und da sie sich nicht gut alleine fortbewegen können, verbringen sie die meisten Tage im Haus.

Zudem kümmert sich mein Vater um meine Mutter, kocht für sie, kümmert sich darum, dass sie sich viermal täglich Insulin für ihre Diabetes spritzt. Dabei hat er selbst gesundheitliche Probleme. Durch die Pflege ist er im vergangenen Jahr sehr müde geworden und hat kaum noch Appetit.

Früher: Aufopferung als Immigranten

Wenn ich meine Eltern so beobachte, denke ich an ihre früheren Jahre – wie hart sie gearbeitet haben, als sie als Immigranten aus Portugal in die USA kamen. Sie lernten eine neue Kultur kennen, eine neue Sprache, einen völlig neuen Lebensstil, gemeinsam mit ihren zwei Söhnen. Sie haben mir oft von den ersten Jahren voller Probleme und Enttäuschungen erzählt. Mein Vater arbeitete hart, bis zu 16 Stunden am Tag, und trotz der schwierigen finanziellen Lage und Problemen mit den Verwandten, bei denen wir lebten, konnten sich meine Eltern nach einem Jahr bereits ein eigenes Haus kaufen.

Der gebende Baum

Seine Aufopferung erinnert mich an die Geschichte «Der gebende Baum» von Shel Silverstein, in der die Beziehung zwischen einem sprechenden Apfelbaum und einem kleinen Jungen beschrieben wird. Der Baum lässt den Jungen in ihm klettern, lässt ihn Äpfel essen und in den Ästen schaukeln. Als der Junge älter wird und Geld haben möchte, erlaubt der Baum ihm, die Äpfel verkaufen. Als der Junge als junger Mann ein Haus möchte, lässt der Baum ihn die Äste abschneiden, um ein Haus zu bauen. Und als der Mann mittleren Alters ein Boot möchte, überlässt der Baum ihm hierfür den Stamm, so dass zuletzt nur noch ein Stumpf des Apfelbaums übrig bleibt. Jedes Mal steht in der Geschichte: «Und der Baum war glücklich.»

Wenn ich meinen Vater beobachte, ihn manchmal weinen sehe, weiss ich, dass er sich fühlt wie dieser Baum. Ihm wurde alles genommen. Er ist zu einem Stumpf geworden. Er ist der Vogel im Käfig, dem nach und nach die grauen Federn ausfallen. Wie oft habe ich über meinen Eltern gebetet, ich weiss, dass diese Phase nicht einfach für sie ist. Es tut weh, die eigenen Eltern alt werden zu sehen, doch es liegt auch eine Freude und Frieden darin, wenn man dies durch die Augen des himmlischen Vaters sieht.

Heute: Liebe leben

Wenn mein Bruder und seine Frau mal eine Pause brauchen, bleibe ich ein Wochenende oder eine ganze Woche bei meinen Eltern. Ich sitze bei ihnen, unterhalte mich tiefgehend mit ihnen und habe bemerkt, dass sie auf meine Liebe reagieren. Sie schlafen besser, essen besser, fühlen sich emotional fitter. Und damit hat Gott mir etwas Wichtiges gezeigt: Viele unserer Senioren brauchen einfach nur Liebe – gehört zu werden, sich mitteilen zu können, ihre Geschichten zu erzählen, umarmt und geküsst zu werden. Und ich habe gelernt: Leben und Erfolg bestehen nicht aus einer ruhmreichen Arbeit oder Geld, aus zahlreichen Universitätstiteln, unserem sozialen Status oder dem materiellen Eigentum. Nein, unser Leben ist einfach eine Summe daraus, wie sehr wir andere geliebt haben.

Wahre Liebe bedeutet, anderen zu erlauben, die eigenen Äste zu nutzen, die Früchte, die man gebracht hat, zu verkaufen, für das Wohl des anderen zum Baumstumpf zu werden und dennoch in der Lage sein zu sagen: «Und der Baum war glücklich!»

Dieser Artikel wurde von Livenet übersetzt und gekürzt. Der Originalartikel auf englisch findet sich hier.

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