Sieben Worte vom Kreuz – «Mich dürstet!»

Heute geht es um das vielleicht unscheinbarste Jesus-Wort vom Kreuz. Andrea Adams-Frey schreibt über ihre eigene Erfahrung mit ungestilltem Durst sowie das grosse «Und» ihres Lebens.
Unsplash / Vitor Monthay
Jesus sagte unter Qualen: «Mich dürstet!»

Die letzten Worte, die Jesus am Kreuz spricht, waren für Christen immer schon eine «grosse Sache». Ihre Bedeutung wurde hundertfach aus­gelegt. Es scheint aber eine Art Rangliste unter ihnen zu geben. Ich möchte über das unscheinbarste seiner Worte schreiben. Und beim Nachsinnen und Schreiben darüber merke ich, wie­ viel Gehalt und Relevanz eben doch darin steckt.

Jesus hängt geschunden am Kreuz und sagt: «Mich dürstet». Er hatte furchtbare Schmerzen. Er kämpfte mit dem Ersticken und rang um Atem. Er fühlte die ganze Last der Welt auf seinen Schultern. Und weil er wirk­lich ganz Mensch war, breitete sich wohl auch die Dunkelheit des bevor­ stehenden Todes in seiner Seele aus. Gäbe es in diesem Moment nicht noch etwas Wichtigeres oder Schlimmeres zu sagen? Er sagt: «Mich dürstet» – «Ich habe Durst». Auf den ersten Blick erscheint mir diese Aussage beiläufig. Nicht so sehr bedeutsam?

Mein Durst

Mit Durst kenne ich mich aus. Schon als 13-Jährige verspürte ich einen Durst in meiner Seele, dem ich nicht entrinnen konnte, so sehr ich es auch versuchte. Ein Durst, der mich trieb und zog. Der mich, im Laufe meines Erwachsenwerdens und auch später noch Dinge tun liess, die gefährlich, traurig, erschreckend, zerstörerisch und nicht schön waren. Bereits sehr jung versuchte ich diesen Durst auch mit Alkohol zu löschen. Vergeblich. Er wurde immer grösser.

Ich glaube, Durst ist wohl einer der forderndsten Zustände, die uns antreiben. Ohne Wasser sterben wir in kürzester Zeit. Wir können sehr lange nichts essen. Durch zwei- bis dreiwöchiges Fasten habe ich selbst erlebt, dass man ganz gut eine Weile ohne feste Nahrung auskommt. Umso wichtiger war das Trinken in dieser Zeit. Es ist lebensnotwendig und sorgt dafür, dass wir nicht austrocknen und sterben.

Die Ganzheitlichkeit von Jesus

Wenn ich die Aussage von Jesus auf dieser Grundlage betrachte, erkenne ich, dass sie eine essenzielle Botschaft darstellt. Genau wie die anderen Worte vom Kreuz. Er spricht in seinen Todesstun­den über grundlegende Bedürfnisse unseres Menschseins. Und er voll­bringt einen unglaublichen, alles verändernden, lebensspendenden, göttlichen Auftrag.

Jesus dachte, redete und handelte immer ganzheitlich. Körper, Geist, Seele. Das finde ich erstaunlich. Ist Ganzheitlichkeit nicht eine Denk­weise der postmodernen Welt, die wir gerade erst erkunden? Eigentlich ist es eine Jesus-Denkweise. Eine he­bräische Denkweise. Oder eher eine «Spürweise», weil der Kopf, das Den­ken, nicht vom Rest getrennt wird. Eine tiefe Erkenntnis des Herzens, der Sinne. Allein schon dafür liebe und verehre ich Jesus. Eigentlich ist es der Urzustand, wie wir erschaffen wurden. Die alten Kulturen wussten darum und wir haben es wohl eher immer mehr vergessen.

Wenn das körperliche Trinken so essenziell wichtig ist, dürfen wir davon ausgehen, dass auch das geist­liche und seelische «Wasser» überlebensnotwendig für diese Ebenen unseres Seins ist.

Durst nach echter Liebe

Wir können das deutlich sehen im allgegenwärtigen Schrei unserer Ge­sellschaft nach Erfüllung, nach inne rem Frieden, nach Aufmerksamkeit – letztlich nach Liebe... Wir dürsten nach Liebe in all ihren Facetten. Wir schreien und kämpfen, wir essen zu viel, wir arbeiten zu viel, wir wollen immer mehr, wir sind nie zufrieden, wir leiden und werden krank und Bereiche in uns sterben, wenn wir sie nicht erfahren. Jesus hat sich auch darin solidarisiert mit uns. Wie gütig. Wie wertvoll. Er hat mit uns Durst.

Durst ist eine Signallampe, die an­geht, wenn Wasser fehlt. Wenn wir körperlich Durst verspüren, trinken wir. Das ist eine Selbstverständlich­keit. Und wenn die Seele oder der Geist dürstet, was machen wir dann? Spü­ren wir das überhaupt?

Ich wusste als Mädchen und als junge Frau nicht, was in mir schrie. Warum ich mich betäuben wollte. Nach wem oder wonach ich verzwei­felt suchte. Ich musste einen langen Heilungsweg gehen, um Zusammen­hänge und Verletzungen zu erken­nen und letztlich zu merken, dass ich echte Liebe brauche. Dass ich gesehen werden muss von jemandem, dessen Wesen bedingungslose Liebe und Güte ist. Für mich war und ist das Gott.

Und auch heute ist es für mich wichtig, immer wieder anzuhalten. Bewusst in den Kontakt mit mir zu gehen, um spüren zu können, was ich brauche. Ich muss zur Quelle gehen und davon trinken. Selbst wenn ich um sie weiss und sie vor meinem in­neren Auge sehe, aber nicht von ihr trinke, bleibe ich durstig, werde ich nicht befriedet.

Das lebendige Wasser

Wir finden in der Bibel einiges zum Thema Durst, Quelle und lebendiges Wasser. Wie die Geschichte am Ja­kobsbrunnen aus Johannes 4. Oder aus den Propheten Jesaja und Jeremia, die vom Verlassen der Quelle und ihren Folgen sprechen und uns Bilder zeigen vom Baum, der am Wasser gepflanzt ist und seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Auch in den Psalmen finden wir den Durst und die Sehnsucht nach einer tieferen Erfüllung, der innigen Begegnung mit Gott. «Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus tro­ckenem, dürrem Land, wo kein Was­ser ist.» (Psalm Kapitel 63, Vers 2b)

Warum reicht es mir aber nicht, einmal vom lebendigen Wasser zu nehmen und dann für alle Zeit keinen Durst mehr zu haben? Sagt Jesus das nicht zu der Frau am Jakobsbrunnen? Genauer hingesehen sagt er: «Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.» Es entsteht also beim beständigen Trinken eine Quelle in mir selbst, die mit der ewi­gen Quelle verbunden ist. Ein wunder­schönes Bild.

Früher dachte ich, wenn ich einmal einen bewussten Blick in dieses Reich Gottes werfen durfte, und seine verän­dernde Kraft und Liebe von Jesus er­fahren habe und dort aufgetankt habe, bin ich geheilt und für immer satt. Ich verstand nicht, warum ich jeden Abend wieder losziehen musste in die Kneipen und zu den trüben, schmut­zigen Pfützen, um meinen Durst zu stillen. Ich betete und nahm all meine Willenskraft zusammen – und doch zog ich immer wieder los. Hörte auf und fing wieder an... Meine «Nefesh», was im Hebräischen sowohl Seele und Kehle bedeutet, fing immer wieder an zu schreien. Ich bin und bleibe ein Bedürfniswesen.

Das grosse «Und»

Mir hilft ein Denkmodell, in dem ich mir verschiedene Dimensionen unse­res Seins vorstelle. Die göttliche Di­mension – das Reich Gottes, von dem Jesus immer wieder spricht, und die irdische, menschliche, (kohlen-)stoff­liche Dimension.

Heute verstehe ich die Welt, mei­nen Glauben, mein Menschsein und meine geistlichen  Erfahrungen als ein grosses «Und». Es gibt das Reich Gottes mit seiner Verbundenheit, sei­ner Freude, seinem ewigen Heil und seinem lebendigen Wasser! Und (!) es gibt meine Menschlichkeit, mit ihren Freuden, aber auch mit ihren Verletzungen, ihren Kämpfen, ihrem Gefühl des Getrenntseins, ihren Zweifeln und ihrem Nicht-Verstehen.

Ich weiss, und das entlastet mich ungemein, dass ich Gott und seine un­vorstellbaren Dimensionen letztlich gar nicht verstehen muss. Ich muss nur da sein. Und selbst das muss ich nicht.

Aber ich darf weiter lernen, mich anzuvertrauen und mich seiner Liebe zu überlassen. Das will ich lernen. Einüben. Mir dessen bewusst wer­den. Eintauchen in den Augenblick und ganz da sein. So gut ich es eben vermag. Genau dort erlebe ich immer wieder dieses Reich Gottes, von dem Jesus spricht, mit seinem lebendigen Wasser. Und dann wird in einem Au­genblick mein Durst gestillt.

Mein Artikel ist ein Plädoyer für das «Und»! Wir spüren in aller Wucht und existenziell unseren Durst und (!) wir leben aus der Quelle des lebendigen Wassers unseres dreieinigen Gottes!

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