Maria – viel lebendiger als ihr Bild!

Es steht nicht sehr viel über Maria in der Bibel, aber das, was wir von ihr erfahren, hat es in sich! Völlig zu Recht werden Christen diese Frau auch nach 2'000 Jahren nicht los – ob sie es nun wollen oder nicht.

Unsplash / Jonathan Borba
Maria ist viel lebendiger als ihr Bild

Maria, ich würde dich gern einmal kennenlernen. Also ohne Scheinwerferlicht, Lametta und abseits der Klischees. Ich habe den Eindruck, du warst ein besonderer Mensch und die Begegnung mit dir würde sich lohnen. In der katholischen Kirche gehörst du prominent dazu, wirst geradezu in den Himmel gehoben; in der evangelischen Kirche führst du immer noch ein Schattendasein, wirst jeweils kurz vor Weihnachten wiederentdeckt und mild lächelnd neben die Krippe gesetzt. Beides bist du nicht. Kannst du gar nicht sein. Denn es widerspricht der verwirrten Gläubigen, der taffen Prophetin und der hingegebenen Jüngerin, die in der Bibel immerhin angedeutet wird.

Die verwirrte Gläubige

Wenn in der Antike in Israel irgendetwas vorgezeichnet war, dann der Lebensweg junger Frauen. Selbstverwirklichung stand damals nicht gerade hoch im Kurs, stattdessen war es klar, dass sie jung verheiratet wurden, im Haus ihres Mannes hart arbeiten mussten, vielleicht ein Dutzend Kinder zur Welt brachten, von denen höchstens die Hälfte überleben würde, und entsprechend früh sterben würden. Das war so – und nicht nur in Israel. Aber Marias Leben als gottesfürchtige Jüdin gerät völlig aus den Fugen, als ein Bote Gottes zu ihr kommt, sie anspricht: «Sei gegrüsst, du Begnadigte! Der Herr ist mit dir, du Gesegnete unter den Frauen!» und ihr im gleichen Atemzug verkündet: «Hab keine Angst, Maria«, redete der Engel weiter. »Gott hat dich zu etwas Besonderem auserwählt. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen.» (Lukas, Kapitel 1, Vers 28-31).

Das soll Gnade sein? Das ist eine Katastrophe! In der Bibel steht Marias praktische Rückfrage («Wie soll das geschehen? Ich habe ja noch nie mit einem Mann geschlafen.» – Vers 34) und dann ihre Zustimmung («Ich will mich dem Herrn ganz zur Verfügung stellen.» – Vers 38). Die schriftstellerische Form des inneren Monologs war noch nicht erfunden, aber es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass ihr Weltbild und ihre Pläne innerhalb dieser Minuten zerbrechen. So kämpferisch und selbstbewusst, wie sie später noch auftritt, scheint immerhin eines deutlich: Maria weiss, was an Verleumdungen, Schwierigkeiten und Problemen auf sie zukommen. Sie hat nur eine dunkle Ahnung davon, was Gottes Plan sein würde. Und sie entschliesst sich trotz aller Verwirrung, diese Ahnung im Glauben über die erwartete Realität zu stellen. Immer wieder wird sie auch später so selbstreflektiert und vertrauensvoll beschrieben. «Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen», heisst es dann zum Beispiel.

Die taffe Prophetin

Kurz nach dieser einschneidenden Begegnung ist Maria zu Besuch bei ihrer älteren Cousine Elisabeth und hört auch von ihr Gottes Bestätigung, dass Gott etwas Besonderes mit ihr vorhat. Da nimmt sich Maria die Gitarre und singt ein Lied darüber. Sie dichtet dabei nicht spontan, sondern fasst in eigenen Worten zusammen, was Hagar und Hanna bereits im Alten Testament gesungen hatten – als Antworten auf ihre jeweils besonderen Schwangerschaften. Das Ergebnis ist eines der bekanntesten Lieder im Neuen Testament: das sogenannte «Magnificat». Der Inhalt zeigt, wie besonders Maria ist: Sie lobt Gott. Sie sieht voraus, dass man sie in Zukunft glücklich preisen wird. Und sie schliesst eine klarsichtige Prophetie über den Sieg von Gottes Gerechtigkeit in der Gesellschaft an. So etwas wie eine fromme innerkirchliche Perspektive kommt überhaupt nicht zum Tragen. Maria soll ein naiv-verträumter Teenager gewesen sein? Fehlanzeige! Hier zeichnet sie die grossen Linien von Gottes Heilsgeschichte.

Die hingegebene Jüngerin

Über weite Strecken wird Maria in den Evangelien einfach als jemand erwähnt, die auch bei Jesus war. Im Kontrast zu vielen, die sich über Jesus ärgern und ihm den Rücken kehren, ist das bereits ein Statement. Doch immer wieder kommt sie auch zu Wort – wie bei der Hochzeitsfeier in Kana, wo sie zwar eigene Vorstellungen hat, diese aber hintenanstellt. Maria hat ihren eigenen Kopf, sie hat Durchblick, sie weiss, was sie (und andere) zu gewinnen und zu verlieren haben, aber letztlich unterstellt sie sich auf eine positive Art immer wieder ihrem eigenen Kind, das so viel mehr ist als das. In der Bibel erscheint Maria nie als passive Krippenfigur, die man in Position rückt – hier ist sie eine aktive Nachfolgerin von Jesus.

Das lebendige Vorbild

Im Laufe der Kirchengeschichte haben Christen (und ich verwende hier absichtlich mal nur die männliche Form) aus dieser wunderbaren Frau auf die eine oder andere Weise ein Abziehbildchen gemacht. Während manche Katholiken ihre traditionelle Marienfrömmigkeit betonen, um zu zeigen, wie «ungläubig» manche Evangelischen im Gegensatz dazu sind, stellen manche Protestanten und Freikirchler eher absurde Seiten und Auswüchse der Liebe zu Maria dar, um den «Aberglauben» der Katholiken zu verdeutlichen. Ob Maria so überhöht oder verachtet wird, letztlich wird sie dadurch nicht gesehen. Dabei lohnt es sich, die 142 Verse anzuschauen, in denen von ihr die Rede ist, denn dabei begegnet man einer überraschend vielschichtigen Person. Maria, ich würde dich gern einmal kennenlernen…

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