Tränen in der Bibel – «Jesus weinte; seine Anhänger tun das nicht»

Es gibt elf verschiedene Arten von Tränen in der Bibel. Doch die Christen von heute verdrängen Trauer oder vermeiden die Klage ganz. Chris Goswami ist der Meinung, dass Kirchen Orte sein müssen, an denen die Menschen ihre Gefühle ausdrücken können.
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Jesus weint

Es gibt elf verschiedene Arten von Tränen in der Bibel. Doch die Christen von heute verdrängen Trauer oder vermeiden die Klage ganz. Chris Goswami ist der Meinung, dass Kirchen Orte sein müssen, an denen die Menschen ihre Gefühle ausdrücken können.

«Es ist faszinierend, wenn jemand ein Thema aus der Bibel aufgreift, es durch die Bücher der Bibel verfolgt und dann darüber nachdenkt, wie es sich auf unser heutiges Leben auswirkt», sagt Pastor, Blogger und Ex-Hindu Chris Goswami. «Genau das tut Jeannie Kendall in ihrem neuen Buch. Darin weist sie darauf hin, dass in der Heiligen Schrift die Tränen oft und reichlich fliessen. Und das ist nicht nur eine Sache der Frauen. In 1. Mose hält Joseph den Rekord für das häufigste Weinen: insgesamt sieben Mal.»

Und auch Jesus scheut sich nicht, in der Öffentlichkeit Tränen zu vergiessen: «Er weint über Jerusalem, am Grab seines Freundes Lazarus und im Garten Gethsemane. Wenn es für Jesus in Ordnung ist, zu weinen, ist es dann nicht auch für uns in Ordnung?»

Elf verschiedene Arten der Tränen

In der Bibel kommen elf verschiedene Arten von Tränen vor. Dazu gehören Tränen der Freude, des Verlusts, des Abschieds (Naomi und Ruth) und der Freundschaft (David und Jonathan). Es gibt Tränen der Wut (Jesus am Grab des Lazarus) und Tränen des Stresses (Paulus' ständige Sorge um die Kirche).

Es gibt auch Tränen des Bedauerns. Chris Goswami: «Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte von Esau und seinem Zwillingsbruder Jakob in 1. Mose Kapitel 25 und 27. Esau ist der ältere Bruder – wenn auch nur um Sekunden – und sollte nach der israelitischen Kultur das Geburtsrecht erben, das dem ältesten Bruder zusteht. Doch eines Tages kehrt Esau erschöpft und ausgehungert von der Jagd zurück und findet Jakob vor, der einen köstlichen Eintopf kocht.

Als der Duft Esau erreicht, bekommt er Heisshunger. «Gib mir etwas davon – ich sterbe vor Hunger», sagt er zu Jakob. Jakob bietet ihm eine Schüssel an und tauscht dafür sein Recht als erstgeborener Sohn ein. Esau, der nicht darüber nachdenkt, stimmt zu – und vergisst die ganze Sache dann ziemlich schnell. Ein paar Seiten später jedoch sehen wir Esaus Tränen des Bedauerns, als er sich seinem neuen Leben als zweitgeborener Sohn stellt.»

Späte Reue

Chris Goswami bilanziert: «Wie töricht von Esau, sein Geburtsrecht gegen einen Teller Suppe einzutauschen! Aber das Buch erinnert uns daran, dass auch wir manchmal vom Appetit überwältigt werden. Viele von uns haben für einen Moment des Vergnügens Dinge getan, die wir später bereut haben. Gefangen im Augenblick können auch wir zu ungeduldig, hungrig oder erregt sein, um innezuhalten und die Folgen unseres Handelns zu durchdenken.»

Kurzfristig bereuen wir in der Regel Dinge, die wir getan haben, schreibt die Autorin Jeannie Kendall. Vielleicht haben wir uns zu viele Gedanken darüber gemacht, was andere Leute denken könnten, oder einfach nur Zeit verschwendet. Langfristig bereuen wir dagegen eher Dinge, die wir nicht getan haben, wie etwa verpasste Chancen, die wir zu ergreifen fürchteten, oder dass wir uns nicht mit jemandem versöhnt haben, bevor er starb, oder uns nicht zu Wort gemeldet haben, als wir die Gelegenheit dazu hatten.

Wann ist es gut, nicht zu weinen?

«Dieses Buch spinnt einen aufschlussreichen Faden durch die Heilige Schrift und das Leben», bilanziert Chris Goswami. «Auf dem Weg dorthin wirft es einige sehr praktische Fragen auf. Verpassen wir zum Beispiel bei christlichen Beerdigungen irgendwie die Tiefe der emotionalen Erfahrung – das Bedürfnis zu klagen –, indem wir sofort zu einer 'Feier des Lebens' übergehen? Blenden wir authentische und therapeutische Trauer mit wohlmeinenden Kommentaren aus wie: 'Sie sind jetzt beim Herrn... (lasst uns weitergehen)'? Ja, sie sind beim Herrn, schreibt die Autorin, aber sie sind nicht mehr bei Ihnen. Und es ist in Ordnung, eine Weile darüber zu weinen.»

Wir leben in einer Kultur, in der öffentliche Tränen oft nicht erwünscht sind. «Aber manchmal ist es gut, nicht zu weinen, oder im Privaten zu weinen. Für viele Menschen ist der Verlust ihrer Würde, den sie beim Weinen in der Öffentlichkeit empfinden, selbst schmerzhaft. Es kann einen Unterschied zwischen öffentlicher und privater Trauer geben, und wir müssen den Menschen Raum geben, das zu tun, was für sie richtig ist. Kirchen müssen Orte sein, an denen die Menschen sich frei fühlen, zu weinen, und sich frei fühlen, es zu unterlassen, zu weinen. Es gibt Zeiten, in denen wir uns aufgerufen fühlen, uns zusammenzureissen und unsere Trauer um anderer willen zu bewältigen.»

Die Autorin hält fest: «Eines der wunderbaren Dinge am christlichen Glauben ist, dass Gott unsere Menschlichkeit sowohl ehrt als auch nutzt.» Und dazu gehören auch unsere Tränen.

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