Wenn es nicht nach Plan läuft – Jeff Lucas: «Die Bibel ist mit Geschichten der zweiten Wahl gefüllt»

Probleme und Nöte sind nicht das, was man sucht. Doch es können genau die Orte sein, an denen man Sinn und Bedeutung findet. Ein grosser Teil der Bibel wurde von Menschen geschrieben – oder sie handelt von welchen –, die eingesperrt waren.
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Jeff Lucas

Probleme und Nöte sind nicht das, was man sucht. Doch es können genau die Orte sein, an denen man Sinn und Bedeutung findet. Ein grosser Teil der Bibel wurde von Menschen geschrieben – oder sie handelt von welchen –, die eingesperrt waren.

Ein gewisses Mass an Desillusionierung im Leben ist gesund, sagt der Brite Jeff Lucas, Autor des Buches «Singing in Babylon: Finding Purpose in Life's Second Choices» («Singen in Babylon: Sinn finden in der zweiten Wahl des Lebens»).

Jeff ermutigt dazu, sich von Daniels Leben im babylonischen Exil inspirieren zu lassen. Anhand seiner Geschichte sei zu erkennen, dass er durch seine Treue zu Gott in der Lage war, unter eigentlich schwierigen Bedingungen zu gedeihen.

«Wenn wir uns die Menschen in der Bibel anschauen, wie etwa Daniel, dann wurde er irgendwo zwischen dem Alter von 12 und 18 Jahren ins Exil geführt, als er sehr jung war, und er kam aus einem privilegierten Umfeld. Er musste in Babylon leben, einer Stadt, in der er nicht leben wollte, und so verbrachte er im Grunde sein ganzes Leben in der ungewünschten Fremde. Aber letztendlich gedieh er an diesem Ort, und daraus können wir etwas lernen.»

Bibel entstand «hinter Gittern»

Der Redner und Gemeindeleiter erklärt weiter, dass ein grosser Teil der Bibel von Menschen geschrieben wurde oder von solchen handelt, «die eingesperrt waren, sei es Joseph, der einige Zeit im Gefängnis verbrachte, oder der Apostel Paulus, der Briefe schrieb, während er unter Hausarrest stand.»

Wenn gefragt wird, «Wo ist Gott jetzt hin?», sei die Frage verständlich, da wir mit einem Gott rechnen, der eingreift. «Dennoch wurde ein Grossteil der Bibel von Menschen geschrieben, die sehr starke Einschränkungen erlebten.»

Er hoffe nach der Pandemie auf einen Sinneswandel bei christlichen Gemeinden. «Bisher war es möglich, einfach in der Kirche aufzutauchen, ein paar Lieder zu singen, sich durch den Gottesdienst zu arbeiten und irgendwelche Informationen gelöffelt zu erhalten.» Das sei ein lässiger Umgang mit dem Glauben. «Die Pandemie fordert, dass wir selbst geistliche Wurzeln schlagen.»

Träume stimmen nicht

Gerade auch im Umgang mit jungen Menschen sei dies wichtig. Einem seiner Enkel wurde in der High School gesagt: «Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun.» Das sei aber Unsinn. 100'000 Jungen könnten nicht für Real Madrid, Bayern München oder Tottenham spielen – egal wie lange sie davon träumen.

Jeff Lucas bringt einen interessanten Gedanken ein: Nämlich, ob wir uns nicht schuldig machen, wenn wir junge Menschen auf eine Welt der ersten Wahl einstellen und ihnen sagen, dass sie alles erhalten, wenn sie Gott treu bleiben und am Morgen die Bibel lesen. «Denn die Bibel ist mit Geschichten der zweiten Wahl gefüllt.»

Bereits flüchtiger Blick offenbart es

Manchenorts werde davon ausgegangen, dass es einem einfach grundsätzlich gut geht, sobald man Christ wird. «Das ist ein Haufen Unsinn und es ist an der Zeit, dass wir erwachsen werden und erkennen, dass selbst ein flüchtiger Blick in die Bibel uns zeigt, dass jede Erwartung eines Traumlebens einfach nicht auf der Wahrheit beruht.»

Sei man in Bezug auf etwas desillusioniert, würde man dieser Illusion beraubt «und kann anfangen, der Realität ins Auge zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Ob es also um die Kirche geht – die nicht voller perfekter Menschen ist – oder um die Ehe oder die Freundschaft, wir müssen auf gesunde Weise desillusioniert sein und einen Blick auf das Reich Gottes haben und erkennen, dass es nicht ein 'Zauberreich' ist.»

Die wahren Helden

Jeff Lucas spricht von einer Spannung im Glauben. Denn Gott, der das Universum mit dem Wort ins Leben gerufen hat, kann tatsächlich eingreifen und alles verändern; gleichzeitig wünscht er sich auch unsere Loyalität zu ihm, wenn er es nicht tut. «Ich habe das als Seelsorger unzählige Male mit Menschen erlebt, die mit Langzeitbehinderungen zu kämpfen haben. Sie glauben fest daran, dass Gott sie heilen kann, aber sie haben auch die Überzeugung ausgedrückt, dass sie ihren Glauben nicht auf ein bestimmtes Ergebnis setzen werden.»

Diese Haltung sei wichtig und auch kein Mangel an Glauben. «Einige der Leute, die das Glaubens-Wohlstands-Zeug lehren, sagen, dass wir niemals 'wenn es dein Wille ist' beten sollten und dass wir mehr fordern sollten. Aber Jesus betete in Gethsemane: 'Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.' Es geht also darum, dass wir uns unterordnen und sagen: 'Gott, ich glaube wirklich, dass du das tun kannst, aber was auch immer du tun willst, ich werde dir vertrauen.' Die Menschen, die das im Angesicht grosser Schwierigkeiten sagen können, sind die wahren Helden, die wir feiern sollten.»

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