Finanzierung von Mission – Hat sich Hudson Taylor beim Geld getäuscht?

Wenn es um Mission und Finanzen geht, wird häufig der China-Missionar Hudson Taylor (1832-1905) zitiert. Nach ihm dürfte es keinen finanziellen Mangel geben, wenn man im Dienst Gottes richtig arbeitet. Aber gilt das heute noch?
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Mission ist nur mit entsprechender Finanzierung möglich.

Wenn es um Mission und Finanzen geht, wird häufig der China-Missionar Hudson Taylor (1832-1905) zitiert. Nach ihm dürfte es keinen finanziellen Mangel geben, wenn man im Dienst Gottes richtig arbeitet. Aber gilt das heute noch?

«Gottes Werk, auf Gottes Art getan, wird auch immer Gottes Versorgung haben.» («God's work, done in God's way, will never lack God's supply.») Dieses Zitat von Hudson Taylor dient zahllosen Missionaren und Vollzeit-Mitarbeitern seit über 100 Jahren als Vorbild. Tim Herbert, Leiter einer britischen Missions-Support-Organisation, hat viel mit Fragen von Finanzen und Mission zu tun; er wagt es, von seinen Erfahrungen her diesen beliebten und oft zitierten Satz in Frage zu stellen.

«Im Allgemeinen wird dieses Zitat so ausgelegt, dass das Geld kommen muss, wenn man nur das tut, was Gott will», schreibt Herbert in seinem Blog. «Aber schlimmer als sein Missbrauch und falsche Anwendung ist die Tatsache, dass dieser Vers nie hinterfragt wird. Er hat quasi den Wert eines Bibelzitats. Weil es Hudson Taylor gesagt hat, muss es richtig sein.

Wirklich richtig?

Aber stimmt die Aussage wirklich? Für viele tausend Missionare und Mitarbeiter auf der ganzen Welt, die ständig mit ungenügenden Finanzen kämpfen, stimmt sie offenbar nicht. Wenn wir diesem Vers glauben, haben wir entweder zu wenig Glauben, dass Gott uns versorgt, oder wir machen irgendetwas falsch. Das kann dazu führen, dass wir unsere Berufung anzuzweifeln beginnen oder unsere Spendenmethoden und unsere Stellung gegenüber dem Geld; es kann uns in eine Spirale von Selbstzweifel und eine Glaubenskrise bringen, was wiederum dazu führen kann, dass wir unsere Missionsarbeit vorzeitig abbrechen.

Stimmt meine Berufung?

Sicher, wenn das Geld nicht hereinkommt, müssen wir vielleicht unsere Berufung hinterfragen. Wann hast du dich das letzte Mal hingesetzt und ernsthaft darüber gebetet, was Gott mit deinem Leben vorhat? Wann hast du das zum letzten Mal ernsthaft mit deiner Gemeinde oder den Missionsverantwortlichen durchgesprochen? Weisst du und bist du sicher, dass Gott dich in das, was du jetzt gerade tust, gerufen hat?

Wie viel Geld brauche ich?

Es ist auch wichtig festzulegen, wie viel Geld du wirklich brauchst. Vielleicht kommt das Geld nicht herein, weil wir einen westlichen Standard leben, wo es leicht mit weniger ginge. Zum Beispiel haben wir vielleicht nicht genug Geld, einen klimatisierten 4x4 zu fahren, der uns komfortabel durch den Verkehr in Kairo bringt, aber wir könnten uns ein Busticket leisten, wo wir mit Tausenden von Menschen unterwegs sind und Beziehungen aufbauen könnten. Natürlich müssen wir dann den Reisestress abwägen gegen unsere Fähigkeit, in einer fremden Kultur zu überleben. Was würde Hudson Taylor hier tun?

Wie viel Glauben habe ich?  

In vielen christlichen Kreisen kommt es heute einer Häresie gleich, Aussagen des legendären Hudson Taylor in Frage zu stellen. Aber trotz seiner phänomenalen Rolle in der Mission war er immer noch ein fehlerhaftes menschliches Wesen. Vielleicht nahm er – wie so viele geistliche Riesen – automatisch an, dass das, was er in seiner Beziehung zu Gott erlebte, für alle anderen auch gilt. Ohne Zweifel hatte er eine unglaubliche Gabe des Glaubens, wenn es um Geld, Gebet und Gottes Versorgung ging. Aber nicht alle von uns haben diese Gabe. Es ist gut, wenn wir uns von solchen Beispielen inspirieren lassen, aber es soll uns nicht erdrücken, wenn wir nicht das gleiche Mass des Glaubens haben.

Theorie und Praxis

Wir sollten eins nie vergessen: theoretisch könnte Gott alle unsere Bedürfnisse stillen. Aber seine Liquidität wird ernsthaft dadurch begrenzt, dass all sein Geld in den Taschen seiner Kinder steckt. Wenn diese Kinder nicht gehorsam sind und ihre Taschen für die Weltmission leeren, erleben viele treue Missionsarbeiter vielleicht nicht die ganze Fülle der Versorgung Gottes.

Hudson Taylor war berühmt dafür, dass er nie um Geld bat. Aber D.L. Moody, ein anderer Glaubensriese, rief die Gläubigen explizit dazu auf, ihre Taschen zu leeren, und er wird – trotz seines grossen Erfolges – kaum in finanziellen Fragen zitiert. Vielleicht sollten wir eher ihn als Vorbild nehmen, wenn es um Geld geht, und das berühmte Zitat von Hudson Taylor ergänzen: «…so lange seine Leute treu geben».

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