«Dies ist noch nicht das Ende» – Gott lieben als psychisch kranker Mensch

Glaube ist die feste Zuversicht in Gott. Kein Wunder, dass «erfolgreiche» Gläubige in unseren Augen daher oft stark, unangreifbar oder furchtlos sind. Allerdings sieht Glaube für die wenigsten Christinnen und Christen so aus.
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Glaube ist die feste Zuversicht in Gott. Kein Wunder, dass «erfolgreiche» Gläubige in unseren Augen daher oft stark, unangreifbar oder furchtlos sind. Allerdings sieht Glaube für die wenigsten Christinnen und Christen so aus. Besonders dann nicht, wenn sie unter einer psychischen Störung leiden.

«Für etliche von uns sieht Glaube anders aus. Mehr nach Tränen und geschwollenen Augen, nach einem rasenden Puls, nach krampfhaftem Festhalten und der Hoffnung, dass der Sturm bald vorüber ist.» So beschreibt die US-amerikanische Kinder- und Jugendpsychologin Alie Bernard die Wirklichkeit, der sie in ihrem beruflichen Alltag immer wieder begegnet: Menschen lieben Gott von Herzen und kämpfen trotzdem mit ihren psychischen Störungen.

Was sind überhaupt solche psychischen Krankheiten? Und hat Gott nicht versprochen, seine Kinder gesund zu machen?

Psychische Störungen – mehr als ein bisschen traurig

Jeder Mensch kennt die Erfahrung, über einen kürzeren oder längeren Zeitraum «durchzuhängen», emotional zu schwanken oder einfach deprimiert zu sein. Wer in dieser Situation zu einer Liste greift, auf der die Krankheitsbilder von psychischen Störungen aufgezählt sind, könnte bei vielen davon einen Haken setzen. Der Hauptunterschied zu einer psychischen Störung ist deren Dauer und Intensität. Wikipedia beschreibt sie als «eine krankhafte Beeinträchtigung der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Verhaltens oder der sozialen Beziehungen. Auch das Selbstbild (Ich-Erleben), die Erlebnisverarbeitung und die Willensstärke können betroffen sein. Es gehört daher gerade zum Wesen dieser Störungen, dass sie durch Selbstdisziplin kaum oder gar nicht mehr zu beeinflussen sind».

Relativ häufige seelische Störungen sind Alkoholabhängigkeit, Depression, Essstörungen, Angststörungen und Schizophrenie. All diese Krankheitsbilder betreffen Christen wie Nichtchristen und zwar in grossem Umfang! Doch ein wichtiges Problem dabei bleibt, dass man diese Krankheiten nicht direkt wahrnimmt. Wer sein Bein bricht, bekommt einen Gips. Jeder sieht solch eine Einschränkung, bemitleidet und schont die betroffene Person und es kommt nie (!) zur Diskussion darüber, ob das Gegenüber wirklich krank ist. Genau das sieht bei psychischen Krankheiten anders aus. Hier ist der Weg der Kranken gepflastert mit Unverständnis, guten Ratschlägen und – im christlichen Kontext – mit Gebetsangeboten. Wo beim Beinbruch der Arztbesuch an erster Stelle steht, heisst es bei psychischen Störungen oft, dass Seelsorge und Gebet «das schon richten werden».

Unterwegs im «finsteren Tal»

Die klassischen Ansätze von Ursache und Wirkung («Du bist krank, weil du etwas getan hast oder weil Gott dir etwas zeigen will…») greifen allerdings meistens zu kurz. Scham und Schuldgefühle sind typische Begleiter von psychischen Störungen. Und nicht nur im christlichen Umfeld. Aber gerade Christinnen und Christen, die meinen, die Möglichkeit zu haben, ihr Leben in Ordnung zu bringen, sind anfällig für Stimmen, wie sie Alie Bernard beschreibt: «Reiss dich zusammen.» – «Lächle. Du solltest doch voll Freude sein.» – «Was ist nur verkehrt bei dir? Hast du nicht in der Bibel gelesen: Fürchte dich nicht?».

Inzwischen weiss die christliche Psychologin, dass sich Gottes Stimme eher so anhört: «Das ist wirklich schwer. Es ist okay, daran zu zerbrechen.» – «Finde Ruhe in mir mit deinem Schmerz, deinen Sorgen und deiner Freude.» – «Ich bin derjenige, der alles heilen kann. Komm zu meinem Thron und empfange meine Gnade.» Gottes Zuspruch ist real, allerdings holt er uns nicht automatisch oder direkt aus unserer Lebenssituation heraus, die David in Psalm 23 als «finsteres Tal» beschreibt. Sprich: Er nimmt uns in Krankheit und Schwäche an, aber nimmt diese Krankheit und Schwäche nicht unbedingt weg.

Und was ist mit Heilung?

Schwierig dabei zu verstehen ist es, dass Gott, der sich selbst als Heiland vorstellt, nicht eingreift. Und global gesehen tut er das nicht. Denn auf eine Person, die berichtet, dass Gott in ihrem Leben wunderbar eingegriffen hat, kommt ein ganzes psychiatrisches Krankenhaus voller Menschen, die dasselbe nicht erleben. Wer jetzt meint, dass die eine Person eben «richtig geglaubt» oder ihr Seelsorger «vollmächtig gebetet» hätte, der ist zynisch. Viele psychische Störungen sind genetisch bedingt. Wir haben sie geerbt wie unsere blauen Augen, unsere X-Beine oder unsere Veranlagung zur Glatzenbildung. Und sie werden uns auch als Christen weiter begleiten und das Leben schwer machen. Aber – und dies ist ein grosses Aber – Gott ist trotzdem da. Er lässt uns nicht allein, weder mit noch ohne psychische Störungen. Er nimmt uns an der Hand. Und unsere jetzige Situation ist noch nicht das Ende.

Alie Bernard fasst dies so zusammen: «Manchmal bedeutet Jesusnachfolge nicht, dass du Blumen pflückst, von einem Ohr zum anderen lächelst und vor Freude tanzt. Manchmal bedeutet sie, dass du durchs finstere Tal gehst, 40 Tage in der Wüste fastest oder über das hinaus versucht wirst, was du ertragen kannst, aber mit deinen roten Augen, verweinten Wangen und schmerzenden Knochen hebst du dein Gesicht zum Himmel und sagst: Herr, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Ich vertraue dir. Es geht mir jetzt nicht gut, aber dies ist noch nicht das Ende der Geschichte…»

Einen ersten Überblick über das Thema, viele hilfreiche Tipps und den klaren Appell, sich professionelle Hilfe zu suchen, enthält zum Beispiel die Broschüre «Seele aus der Balance» des Deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

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