Wenn Bibel heute passieren würde – Esther: Warum ausgerechnet ich?

Zivilcourage ist niemandem in die Wiege gelegt und kostet immer Überwindung. Das erfährt die alttestamentliche Königin Esther. Wenn ihre Geschichte heute bei uns stattfinden würde, läse sie sich vielleicht so.
Unsplash/ jeshoots
Manchmal sind Glaube und Zivilcourage nur einen Mausklick entfernt.

«Das glaube ich jetzt nicht!» Anna schaut erschreckt auf den Computerbildschirm. «Das glaube ich einfach nicht.» Niemand reagiert darauf, was auch kein Kunststück ist: Es ist kurz vor Mitternacht und die Doktorandin sitzt allein in ihrem kleinen Büro im zweiten Stock des Uni-Altbaus. Eigentlich ist sie längst fertig mit ihrem heutigen Arbeitspensum, doch sie hat eben das Mailprogramm geöffnet und will nur kurz ihre E-Mails checken. «Noch 148 Mails checken», summt sie vor sich hin, «nur noch kurz die Welt retten…» Da fällt ihr Blick auf eine verstörende Nachricht.

«Ex-Liste» lautet der Betreff, die Mail an sich ist relativ kurz. Sie richtet sich an «liebe Mitstreiter», handelt davon, dass «alles vorbereitet» sei und schliesst mit einer antisemitischen Parole. Eben noch wollte Anna die Mail als Irrläufer löschen, aber jetzt schaut sie doch einmal in die angehängte Liste und fühlt sich dabei, als ob ihr Herz stehenbleibt. Es ist eine Namensliste. 156 Jüdinnen und Juden aus der Region stehen darauf – und zwar mit voller Anschrift und vielen persönlichen Angaben. Als Anna die letzte Spalte sieht, wird ihr schlecht. Unter dem Titel «Schwächen» sind dort Dinge aufgelistet wie: wohnt allein, joggt jeden Morgen am Fluss, trinkt zu viel…

Wo ist sie hier hineingeraten? Und wieso bekommt sie diese Mail? Der Absender ist ihr tatsächlich nur zu gut bekannt: ihr Doktorvater, der Professor, mit dem sie zurzeit am meisten zu tun hat. Wirklich leiden konnte sie ihn noch nie, aber sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass er so unterwegs ist. Die Rundmail hat er an einen verdeckten Verteiler geschickt und dafür seine Büroadresse als Hauptempfänger eingetragen – diese Mails bekommt sie als Assistentin automatisch mit ihm zusammen. Annas erster Impuls ist: Ich muss etwas tun. Das sieht nicht nach harmlosem Geplänkel aus und auch nicht nach einer ordnungsgemässen Demo. Das riecht nach Gewalt. Ihr zweiter Impuls ist: Er darf nicht erfahren, dass ich diese Mail auch bekommen und sogar gelesen habe. Das war auf jeden Fall ein Versehen – und ich will gar nicht wissen, was mit mir geschieht, wenn er es erfährt.

Was tun?

Bis vor zwei Minuten war Anna hundemüde und wollte nur noch nach Hause. Jetzt rotieren ihre Gedanken und sie weiss nicht, was sie als nächstes tun soll. Ich muss mich aus der Schusslinie bringen, denkt sie, und ich muss Beweise sichern. So routiniert, als würde sie das jeden Tag machen, kopiert sie die angehängte Liste, macht einen Screenshot von der Mail und markiert sie anschliessend wieder als «ungelesen». Ob das genügt? Falls der Prof seinen Fehler bemerkt, muss er die Nachricht nur löschen und sie verschwindet aus ihrem gemeinsamen Postfach.

Wie auf der Flucht bricht sie auf, fährt den Rechner herunter, löscht die Lichter, geht durchs leere Gebäude zum Parkplatz, schaut sich in alle Richtungen um – «Werde jetzt nicht paranoid!», sagt sie sich selbst, «niemand kann bis jetzt davon wissen» –, steigt in ihren alten Corsa und fährt heim.

Schlafen tut sie in dieser Nacht nur minutenweise. Immer wieder schreckt sie hoch. Trotzdem steht sie am nächsten Morgen vor dem Weckerklingeln auf und fährt zur Uni. Ihr Chef kommt ihr auf dem Gang entgegen: «Morgen, Frau Stern», begrüsst sie ihr Doktorvater. «Waren Sie gestern noch lange im Büro?» Ist da ein lauernder Unterton in seiner Stimme? Anna antwortet so locker wie möglich: «Nein, ich hatte noch was vor und bin früh heimgefahren.» Er brummt nickend und geht weiter.

An ihrem Schreibtisch fährt sie zuerst den Computer hoch und öffnet das Mailprogramm. Weg. Die Mail ist verschwunden. Hat er sie gelöscht oder hat sie gestern geträumt? Sie umklammert den Stick mit ihrer Kopie und weiss: Das war kein Traum! Dann macht sie sich an die Arbeit – und irgendwie übersteht sie den Tag.

Gerade deswegen an der Uni?

Zu Hause kocht sie sich eine grosse Tasse Tee und überlegt, was sie tun soll. Einen Antisemitismusbeauftragten gibt es noch nicht an der Uni. Reichen ihre Unterlagen für eine Anzeige bei der Polizei? Soll sie zum Rektor der Hochschule gehen? Oder soll sie einfach stillhalten? Vielleicht kommt es ja gar nicht so schlimm? Vielleicht findet man gar nicht heraus, dass sie eigentlich auch auf die Liste gehört: Anna Stern, Jüdin, Schwäche: an der Uni im Nebenzimmer zu finden.

Ihr ist völlig klar: Wenn sie in irgendeiner Form aktiv wird, kann sie ihre Promotion vergessen. Dann ist ihre Karriere vorbei, bevor sie begonnen hat. Anna schluckt. Das kann sie unmöglich riskieren. Gleichzeitig geht ihr ein wilder Gedanke durch den Kopf: Was wäre, wenn sie ausgerechnet wegen dieser Sache an der Uni wäre, sozusagen im Auftrag Gottes für sein Volk?

Sie überlegt hin und her und schätzt, dass ihre Ängste und Bedenken real sind. Das wird sie etwas kosten. Sie summt wieder ihren Ohrwurm aus der Uni: «Muss nur noch kurz die Welt retten…» Dann greift sie zum Telefon.

Die Geschichte von Königin Esther ist in der Bibel im gleichnamigen Buch nachzulesen.

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