Die Eltern hassen? – Es gibt Wichtigeres als die Familie

«Das Wichtigste auf der Welt ist meine Familie» – Millionen würden diesen Satz unterschreiben. Wussten Sie, dass Jesus hier die Stirn runzeln würde? Er hat ein paar Aussagen zum Thema Familie gemacht, die heute völlig quer in der Landschaft stehen.
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Familie (Symbolbild)

«Das Wichtigste auf der Welt ist meine Familie» – Millionen würden diesen Satz unterschreiben. Wussten Sie, dass Jesus hier die Stirn runzeln würde? Er hat ein paar saftige Aussagen zum Thema Familie gemacht, die heute völlig quer in der Landschaft stehen. Wieso eigentlich?

Es gilt als ausgemacht, dass für Christen die Familie das Wichtigste ist. Müssen wir nicht gegen die Zerstörung dieser Keimzelle der Gesellschaft auftreten? In vielen christlichen Gemeinden spielen Familien eine dominierende Rolle – oft mit dem Ergebnis übrigens, dass Singles, Geschiedene, Verwitwete und andere, die keine Familie haben, sich am Rand fühlen.  

Ist die Familie wirklich das Wichtigste auf Erden? Wie so oft, steht Jesus mit seinen Aussagen quer zu traditionellen Ansichten. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat er die biologische Familie deutlich relativiert.

Meine Mutter und meine Brüder

Da standen eines Tages Maria, seine Mutter, und seine Brüder vor der Tür (jawohl, Jesus hatte leibliche Brüder!). Jesus war grad am Predigen, als man ihm meldete, dass seine Familie ihn sprechen wollte (Joseph, der Vater, war wahrscheinlich früh gestorben, denn man hört nichts mehr von ihm). Und was sagt Jesus? Er rennt nicht raus und ruft «Hallo Mami», sondern er erklärt: «Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Die, die den Willen Gottes tun, das ist meine neue Familie» (sinngemäss übersetzt aus Markus, Kapitel 3, Verse 31-35). Jesus löst sich um seinen Auftrags willen von der unmittelbaren Bindung an seine Ursprungsfamilie und sieht im Kreis der Männer und Frauen, die ihm nachfolgen, die neue Familie Gottes.

Hier leuchtet blitzartig auf: Jesus hat eine ganz neue Realität geschaffen, die alle natürlichen Bindungen überwindet. Blut ist nicht das Stärkste. Wir dürfen und sollen sicher dankbar sein für unsere Familie, aber wir sind nicht schicksalhaft für immer in diesen biologischen Kreislauf eingebunden. Familie kann ja auch Belastung sein. Jesus stellt sich mit seinen Nachfolgern in eine neue Ordnung, in der Gott direkt der Vater ist. Wer Christ wird, kriegt neue «Brüder und Schwestern».     

Übrigens: Jesus hat seine Mutter geliebt. Noch am Kreuz hat er es organisiert, dass für sie gesorgt wurde: Mit dem Wort «dies ist deine Mutter» hat er seinen Jünger Johannes beauftragt, für seine Mutter Maria zu sorgen. Ein schönes Beispiel, wie die «neue Familie» funktionieren sollte. Bis heute schaffen Christen immer wieder neue «Familien» und Lebens- und Wohngemeinschaften, die nicht auf Blutsverwandschaft, sondern auf der neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes aufbauen und auch solche einschliessen, die keine natürliche Familie geniessen können.  

«Vater und Mutter hassen»

In einem noch stärkeren Wort macht Jesus mit letzter Deutlichkeit klar, was die wichtigste Zugehörigkeit in unserem Leben ist. «Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter, Frau, Kinder, ja sein eigenes Leben hasst, dann kann er nicht mein Jünger sein» (sinngemäss aus Lukas-Evangelium, Kapitel 14, Vers 26). Ein brutales Wort. Will Jesus, dass wir unsere Familie hassen?

Eine Antwort, die wir leicht nachvollziehen können, ist die, dass übertreibende Sprache anschaulich und ein Mittel der Alltagsrhetorik ist (z.B. sagen wir «als der Lehrer den Vokabeltest ankündigte, wäre ich vor Angst beinahe gestorben»). Wenn wir Jesus kennen, wissen wir, dass er «hassen» nicht wörtlich meinen kann, denn er lehrte, seinen Nächsten zu lieben. 

Wem gehört die letzte Loyalität?

Tatsächlich weist Jesus hier auf eine ganz tiefe Tatsache hin: Die Beziehung zu Gott muss für uns IMMER an allererster Stelle stehen. Wenn wir ständig zwischen allen möglichen Ansprüchen hin- und hergerissen sind, ist Christsein eine mühsame Sache. Es muss einmal klar sein, wem unsere erste Liebe und letzte Loyalität gehört.

Tausende von jungen Menschen werden bis heute aus ihren Familien ausgestossen, wenn sie anfangen, Jesus nachzufolgen. Familie kann auch brutal sein. Hier ist es ein grosser Trost, wenn Gott als der «grosse Vater» erlebt wird, der unser tiefstes Bedürfnis nach Zugehörigkeit stillt.

Gott ist nicht gegen die Familie, das ist klar. Er hat sie geschaffen, und gute Beziehungen in der Familie sind ihm wichtig. Aber die letzte Loyalität in unserem Leben gehört nicht Papa und Mama, sondern Gott. Wer Jesus nachfolgt, ist frei – frei, eine Familie zu haben oder auch ohne zu leben.  

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