David - König, Hirte, Sohn – Ein Mensch des Gebets

Die grösste Bedeutung für uns heute hat David nicht als König, sondern als Prototyp für Christus, den «Sohn Davids» – und als Beter. Was zeichnet David als Beter aus?

unsplash / Ismael Paramo
Betender, junger Mann

Wir würden David unterschätzen, wenn wir ihn nur als Dichter einzelner Psalmen betrachten würden. Zwar sind 73 Psalmen in der Hebräischen Bibel ihm namentlich zugeordnet. Doch in den biblischen Geschichtsbüchern finden wir noch weitere Gebete von ihm (z. B. 2. Samuel Kapitel 7, Verse 18-29; 1. Chronik Kapitel 29, Verse 10-20). Wichtiger ist aber: David war ein Mensch des Gebets, er hat sein ganzes Leben mit Gebet durchflochten. (Eine Ausnahme sehen manche Ausleger bloss in der Zeit Davids bei den Philistern in Ziklag; 1. Samuel Kapitel 27, Vers 1Kapitel 30, Vers 5).

Das ganze menschliche Leben

Seine Gebete umfassen alle denkbaren Situationen des menschlichen Lebens. David dankte, lobte, jubelte, staunte, klagte, trauerte, schrie seine Angst heraus, verzagte, gewann wieder Stärke – und er belehrte. Allein schon diese grosse Bandbreite kann für uns heute eine grosse Ermutigung zum Gebet sein. Nicht jedes Gebet klingt «geistlich» im strengen Sinne. Er kann auch seinen Gefühlen Raum geben, ohne dabei ausdrücklich Gott anzureden – so zum Beispiel in den Totenklagen um seinen Sohn Absalom oder seinen Feldherrn Abner (2. Samuel Kapitel 3, Verse 33-34; Kapitel 19, Vers 1).

In seinen Gebeten begegnen wir David direkt als Mensch – nicht zuerst als Held, Sieger oder als König. Das zeigt sich auch an einer bemerkenswerten Beobachtung: In 13 Psalmen steht eine Situationsangabe aus Davids Leben. Doch nie bezieht sich das auf David als König, vielmehr verweisen sie auf David als Einzelperson, die in Not geraten ist. Auch so kommt der Beter David uns nahe.

Andere ins Beten mitnehmen

Die Psalmen, die David zugeordnet werden – und darunter auch die eben genannten «situativen» Psalmen – können uns ein wenig irritieren, denn was dort gebetet wird, geht oft über die konkrete Situation und über das Leben Davids hinaus. Hat man ihm diese Psalmen also nachträglich angedichtet? Diese Schlussfolgerung ist nicht für jeden Psalm zwingend. Vielmehr zeigt sich ein Grundzug biblischen Betens: David betet «grösser» als nur für sich. Er stellt sich mitten in Gottes Volk hinein. Er betet so, dass auch andere, die in anderen Lagen sind, mitbeten können – und das funktioniert ja bis heute so. Er betet und nimmt dabei Beter mit.

Der Beter David bringt andere zum Beten. Das ereignete sich auf mindestens zwei Ebenen. Zum einen im kleineren Kreis: Manche Psalmen zeigen, dass David betete, als er in einer Höhle war (z. B. Psalm Kapitel 142, Vers 1). Eine solche Situation sah folgendermassen aus: «Da verliess David Gat und floh in die Höhle Adullam. Als seine Brüder und alle, die zum Haus seines Vaters gehörten, davon erfuhren, schlossen sie sich ihm schon bald an. Und noch weitere kamen: Männer, die in Not waren, sich verschuldet hatten oder verbittert waren. Schliesslich war David der Anführer von etwa 400 Mann» (1. Samuel Kapitel 22, Verse 1-2). Diese Notiz sagt mehr, als dass David hier zum Partisanenführer wurde. Nach dem Ausleger Dieter Schneider war es gerade der angefochtene und betende David, der zerbrochene und belastete Menschen um sich sammelte und mit ihnen Gott suchte.

Darüber hinaus organisierte David aber auch gezielt, dass das Gebet von ihm auf andere übersprang: «Damals, an jenem Tag, trug David zum ersten Mal dem Asaf und seinen Brüdern auf, den Herrn zu preisen» … und dann folgt ein wohl von David vorgegebenes Danklied (1. Chronik Kapitel 16, Verse 7-36). Was für eine Segenswirkung, wenn betende Menschen andere zum Beten anstecken.

Kunstvoll oder wild-ungeordnet

Von der grossen Bandbreite der Psalmen war schon die Rede. Das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form. Einige Psalmen sind sehr kunstvoll gestaltet, zum Beispiel die (im Hebräischen) alphabetischen Psalmen 9/10 und 34. Andere lassen kaum einen sinnvollen oder gar systematischen Aufbau erkennen. Die Gedanken springen hin und her, und wenn David aus der Angst zum Vertrauen gefunden hat, fällt er schnell wieder zurück in die Sorge und den Hilferuf (so z. B. in Psalm Kapitel 31). Auch dies ist eine Ermutigung für heutige Beterinnen und Beter: Wir können uns Zeit nehmen, kunstvolle Worte finden oder sogar zum Gebets-Songwriter werden. Wir können aber auch einfach wild durcheinander mit Gott sprechen. Beides ist Gott willkommen. Vergessen wir nicht, dass das von Jesus gegebene Vaterunser ein auffällig kurzes und formal kunstloses Gebet ist.

«Gebet» sollten wir bei David übrigens nicht ausschliesslich als eine Art Text mit Beginn und Ende verstehen. In den Geschichtsbüchern wird oft erwähnt, dass David den Herrn nach etwas fragte und – oft – eine Antwort bekam. Damit zeigt David ein wesentliches Element des Betens: Gebet als Zwiegespräch, als Dialog.

Prophetisches Beten

Typisch für biblisches Beten ist, dass das Gespräch mit Gott umschlagen kann in prophetische Worte. Das finden wir nicht selten im Neuen Testament (z. B. Lukas Kapitel 1, Verse 67-79; Kapitel 2, Verse 28-32; Apostelgeschichte Kapitel 13, Verse 1-3). Bei David ist es ebenso.

Psalm 110 wird von Jesus selbst prophetisch gedeutet. Und David war sich dessen bewusst, dass der Heilige Geist aus ihm sprach (2. Samuel Kapitel 23, Verse 1-7). Auch dies ist eine Herausforderung für heute: Wie wäre es, wenn wir die prophetische Dimension des Betens wiederentdeckten?

Das Wesentliche beim Beter David war aber wohl, dass er einfach viel betete. Es gelang ihm, alle möglichen Lebenslagen in ein Gebet umzuformen. «Aus den vielen Klageliedern Davids im Psalter kann man schliessen, dass die schrecklichen Jahre der Verfolgung durch Saul für David durch seine Klagegebete und die darauf folgenden Antworten Gottes erträglich wurden» (D. Schneider). «Mach aus allem ein Gebet» ist die Schlusszeile eines alten Liedes von Dora Rappard (1842–1923). Die Zeile taugt auch als Fazit von Davids Leben.

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