«Digitale Demenz» – Die Gefährdung unserer mentalen und seelischen Gesundheit

Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben die Digitalisierung vor allem anhand digitaler Medien und Geräte. Die Folgen dieses Tuns sind in vielen Studien erforscht, aber noch zu wenig bekannt. Hier einige Schlaglichter.
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Symbolbild Digitalisierung

Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben die Digitalisierung vor allem anhand digitaler Medien und Geräte. Die Folgen dieses Tuns sind in vielen Studien erforscht, aber noch zu wenig bekannt. Hier einige Schlaglichter.

Aus den Studien des Medienforschers und Hochschuldidaktikers Martin Hermida lassen sich zwei Hauptaussagen ableiten. Erstens: Das Internet und seine Inhalte sind unkontrollierbar. Regulierungen sind aussichtslos. Und zweitens: Das Internet spielt eine grosse Rolle im Leben von Jugendlichen, ein erheblicher Teil der Eltern lässt die Kinder in diesem Bereich aber allein. 52 Prozent der Eltern hat laut der Studie nie überprüft, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat. 47 Prozent hat ihr Kind noch nie ermuntert, im Internet selber Dinge auszuprobieren oder zu lernen. Und 31 Prozent hat noch nie mit dem Kind darüber gesprochen, was es tun kann, wenn es im Internet etwas Beunruhigendes oder Erschütterndes erlebt hat.

Paare sind gefährdet

Das omnipräsente digitale Netz zeitigt Auswirkungen, die noch vor wenigen Jahren nicht erahnt werden konnten. Laut dem Zürcher Paarforscher Guy Bodenmann haben sich durch das Internet auch die Paarbeziehungen verändert. An der Tagung «Familie und neue Medien» an der UniversitätZürich im August 2014 sprach er von einer durch die Dating-Plattformen verursachten «digitalen Untreue». Chatrooms, Dating-Plattformen und Internetforen laden zum unverbindlichen Austauschen ein, für viele anfangs nur als Spiel. Diese Begegnungen werden aber in der Regel vor dem Partner verheimlicht und können dann eine Eigendynamik annehmen. Auch wenn sich beide in der eigenen Wohnung aufhalten, kann sich ein Flirt mit einer fremden Person entwickeln. Manchmal gefolgt von konkreten, oft auch sexuellen Kontakten und immer öfter auch von einer Trennung vom Ehepartner.

Allein schon die Dauer des Internetaufenthalts – Männer verbringen im Durchschnitt 10 Prozent und Frauen 6,5 Prozent ihrer Freizeit im Internet – kann auf Kosten der Beziehungspflege gehen. Dating-Plattformen fördern schnelle neue Beziehungen, aber auch deren Auflösung, was auch Folgen für die psychische Gesundheit haben kann. Es gibt zu denken, dass heute 84,2 Prozent der Männer und 15,8 Prozent der Frauen das Internet für sexuelle Aktivitäten nutzen. Bodenmann spricht in diesem Zusammenhang auch von «virtueller Untreue».

Auswirkungen des Medienkonsums auf Kinder

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Cover des aktuellen Magazins INSIST

Die Fachwelt streitet immer wieder darüber, ob der Konsum von Gewalt in digitalen Medien auch Auswirkungen auf die Aggressivität von Kindern und Jugendlichen habe. Martina Zemp, Professorin für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mannheim, zitierte an der erwähnten Tagung in Zürich eine gemeinsame Studie mehrerer Institute in den USA, die zu einem Befund kam, der in einem Satz so zusammengefasst werden kann: «Derzeit zeigen über 1'000 Studien ganz deutlich einen kausalen Zusammenhang zwischen Gewalt in Medien und aggressivem Verhalten in einigen Kindern auf.»

Die Studienautoren unterscheiden dabei zwischen einem aggressiven, antisozialen und gewalttätigen Verhalten als Folge von Gewalt, aggressiven Darstellungen und antisozialen Darstellungen. Zemp kritisiert, dass Gewaltdarstellungen in den Medien in der Regel verherrlichtwerden (40%) oder Gewaltanwendung zumindest nicht bestraft wird (70%). 50% der Gewaltanwendungen in Medien zeigten keinerlei Folgen für die Opfer. 40% der Gewaltdarstellungen wurden als lustig präsentiert. Und: In weniger als 5% der Fälle wurde eine Botschaft vermittelt, die sich gegen Gewalt richtet. Aggressive Medieninhalte zählen für Zemp zu den Risikofaktoren für Delinquenz im Jugendalter.

Sie schildert auch die in Studien festgestellten Symptome für Online- bzw. Internetsucht. Und zeigt auf, dass das Verhältnis zwischen Schulbildung und der Anzahl Stunden vor dem Fernseher pro Woche umgekehrt proportional ist: Am meisten Uni-Abgänger finden sich in der Kategorie der Jugendlichen, die weniger als eine Stunde pro Woche vor dem Fernseher sassen. Kinder, die einen Fernseher und eine Spielkonsole im Zimmer haben, fallen dagegen generell durch unterdurchschnittliche Schulleistungen auf. Sie sind auch stärker suchtgefährdet. Dass die Stunden vor der Konsole bzw. dem Fernseher oder Computer auch auf Kosten der körperlichen Aktivität geht, kommt dazu.

Die Politik ist hilflos oder unwillig

Die Schweizer Politik rechnet mit der Selbstbeschränkung der Produzenten und Vermittler von Gewalt und Pornografie. Verboten sind bislang lediglich Kinderpornografie und extreme Formen von Pornografie. Für die Kontrolle der übrigen Medieninhalte wird immer wieder an die Verantwortung der Eltern appelliert, obwohl Politiker und Behörden nicht entgangen sein dürfte, dass viele Eltern damit überfordert sind. Das zeigt sich etwa darin, dass oft schon Kindergärtler ihr eigenes Smartphone haben.

Vielen Eltern fehlen zudem die technischen Kenntnisse, welche für die Kontrolle der von den Kids konsumierten Inhalte nötig wären. Vielen fehlt auchschlicht das Problembewusstsein, weil sie von den Aufklärungsbemühungen der Fachstellen und Behörden nicht erreicht werden. Anderen, die unter einer beruflich-familiären Doppelbelastung stehen, fehlt es an der Zeit für eine sinnvolle Beschäftigung mit ihren Kindern. Der Bundesrat hat kürzlich die zuständigen Stellen angewiesen, Vorschläge für gesetzliche Leitplanken zu machen. Deren Erarbeitung und Umsetzung wird aber ihre Zeit brauchen.

Ein Medienforscher schlägt Alarm

In seinem Buch mit dem zugespitzten Titel «Digitale Demenz» stellt der Ulmer Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer zusammengefasst fest: Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichenwird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. Spitzer zeigt die besorgniserregende Entwicklung und plädiert vor allem bei Kindern für eine Konsumbeschränkung, um der «digitalen Demenz» entgegenzuwirken. Auf die Frage, ob er damit nicht zu radikal sei, weist Spitzer darauf hin, dass er diese Befunde in seinen Büchern mit mehr als tausend Studien belegen könne.

Entschieden weist Spitzer auch die Lerneffekte zurück, die sich Eltern vom Umgang ihres Nachwuchses mit digitalen Geräten erhoffen. Ebenso das Argument, dass E-Learning die Kinder medienkompetent mache. Spitzer dazu: «Das Gehirn eines Kindes ist auf die reale Realität angewiesen und kann vermittels der virtuellen Realität von Bildschirmen und Lautsprechern wesentlich schlechter lernen als von Dingen und Erlebnissen in der wirklichen Welt. Wer sich als Forscher seriös damit auseinandersetzt, weiss ganz genau, dass eine digitale Dauerberieselung zu kognitiven Folgeschäden führt.» Er führt dazu ein Beispiel an: «Der Spracherwerb kleiner Kinder funktioniert nicht über Bildschirme und Lautsprecher, und sogar wenn ein Fernseher im Hintergrund läuft, ist das schädlich für die Sprachentwicklung.»

Diesen Artikel hat Fritz Imhof für das Magazin INSIST geschrieben.

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