Markus Widenmeyer – «Das Christentum bietet mehr Menschenwürde als der Naturalismus»

In seinem Buch «Welt ohne Gott?» geht Markus Widenmeyer auf den Naturalismus ein. Diese Sichtweise gilt als Ausdruck aufgeklärten und wissenschaftlichen Denkens. Der Naturalismus kann aber sogar zu erheblichen Problemen führen, sagt der Philosoph.

In seinem Buch «Welt ohne Gott?» geht Markus Widenmeyer eingehend auf den Naturalismus ein. Diese Sichtweise gilt als Ausdruck aufgeklärten und wissenschaftlichen Denkens. Der Naturalismus kann aber sogar zu erheblichen Problemen führen, sagt Philosoph und Chemiker Widenmeyer im Gespräch mit Livenet. Zum Beispiel gehe die Würde verloren, wenn verschiedenen Menschengruppe unterschiedlich hohe Klassifizierung zugesprochen werde.«Wenn alles auf den Naturalismus bezogen wird, wenn das die alleinige Linie ist, kann das problematisch werden», sagt Markus Widenmeyer. «Es gibt sehr viele Probleme, wenn es darum geht, die Eckpunkte unserer Realität zu beschreiben: Das Bewusstsein, dass wir geistige Wesen sind und nicht einfach Roboter, die physikalisch-chemisch vor sich hin funktionieren. Die Existenz des Universums und der Naturgesetze, die sehr präzise auf die Möglichkeit organischen Lebens zugeschnitten sind.»

Es gehe um echte moralische, ethische Orientierung für uns Menschen, «die für den Lebenssinn des Einzelnen wichtig ist. Zum Beispiel, wo ich meinem Gewissen folgen möchte, aber auch im Bezug auf menschliche Gemeinschaft. Da muss es auch höhere Regeln geben, damit dieses Zusammenleben adäquat gelingen kann.»

Wenn Werte keinen Platz haben

Im ersten Moment wirkt der Naturalismus so, als würde dabei die Natur geachtet, erklärt Widenmeyer. Bei genauerer Betrachtung kann dies aber zur Lebensverachtung führen. «Es gibt unterschiedliche Naturbegriffe und jener des Naturalismus ist ein abstrakter, physikalisch-chemischer, mechanischer, wo Geist, Bewusstsein und Werte keinen Platz haben, weil alles sich aus einem materiellen-physikalischen Grundzustand erklären lassen soll – letztlich aus dem Urknall, den Naturgesetzen, dem Universum und seinen Regeln.»

«Und da spielen dann echte, objektive, wirklich universell gültige Wertzuschreibungen keine Rolle mehr, weil wir Werte nicht finden, so wie wir Steine oder Moleküle im Universum finden. Sondern Werte scheinen etwas anders zu sein. Etwas, das aus einer geistigen, transzendenten Ebene kommt.»

Wenn man dem Leben in der Ökologie, den Pflanzen und den Tieren einen gewissen Wert zuschreibe, ihm Arten- und Tierschutz beimesse und erst recht uns Menschen Würde zuschreibe, «dann kann das im Naturalismus nicht konsistent gedacht werden. Es gibt dafür keine wirkliche Grundlage ausserhalb der Materie.»

Menschen mit unterschiedlichem Wert

Wird dies weitergedacht, gibt es Personen, die sagen, dass es Menschen von unterschiedlichem Wert gibt. «So wurde beispielsweise bereits gesagt, dass der Sprung vom höchsten zum niedrigsten Menschen grösser ist als der vom tiefsten Menschen zum Tier.»

Das sei problematisch. Anders sei der christliche Ansatz: «Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde damit begonnen, den Menschen mit einer besonderen Würde auszustatten. Als Ebenbild Gottes, weil es die Bibel so gelehrt hat. Das taten die alten Römer und Griechen noch nicht.» Unter diesen habe es noch Sklaverei und Massenkreuzigungen gegeben und Kinder wurden millionenfach nach ihrer Geburt ausgesetzt oder umgebracht, weil man sie nicht haben wollte. «Das war damals normal.»

Die Gegenbewegung

«Jetzt entsteht eine Gegenbewegung, dass diese christliche Sicht durch eine naturalistische Sicht mit Ähnlichkeit zur griechischen, römischen Welt hochhält.» Inspiriert durch die Evolutionslehre kursiert die oben genannte Meinung, dass der Unterschied zwischen dem höchsten und niedrigsten Menschen grösser sei als der vom niedrigsten Menschen zum Tier. «Da gibt es keinen Platz mehr für eine universelle Menschenwürde, weil der Mensch als Kontinuum aus der Tierwelt und letztlich der anorganischen Welt hervorgegangen ist und qualitativ nichts anderes mehr darstellt.»

Moderne Philosophen würden dasselbe sagen. «Sie sagen, dass der Mensch seinen Wert erst durch besondere Bewusstseinszustände bekommt, durch Intelligenz, die erst reifere Menschen haben, also ältere Kinder. Aber Kinder im Alter von zwei, drei Jahren hätten noch kein volles Lebensrecht, weil sie noch kein Selbstinteresse oder so etwas entwickelt haben können, weshalb man sie unter Umständen auch töten darf – und das ist aus meiner christlichen Sicht sehr erschreckend.»

Zurück zur Kreuzigung statt zum Kreuz

Die Formulierung «zurück zur Kreuzigung statt zum Kreuz» stimme ein Stück weit, sagt Markus Widenmeyer. «Die römisch-griechische Welt war extrem grausam. Es waren die Christen, die damit aufgehört haben. Gerade das Kreuz macht deutlich, dass Gott sich soweit erniedrigt, weil der Mensch diese Würde hat.» Weil Gott ihn geschaffen hat.

«Der Mensch ist moralisch begabt. Er kann sündigen, Tiere können das nicht. Er ist es wert, dass Gott sich seiner annimmt. Er ist es würdig, dass Gott seinen Sohn für ihn sterben lässt.»

Christentum bietet mehr Menschenwürde als Naturalismus

Das Christentum bietet mehr Menschenwürde als der Naturalismus. «Die Idee, dass die Würde des Menschen nicht an bestimmte Eigenschaften gebunden ist, wie etwa besondere Intelligenz, Macht und was auch immer, sondern dass sie universell für alle Menschen gilt, egal welche Nationalität, egal wie alt er ist – von der Zeugung bist zum natürlichen Tod –, das war schon immer und fast exklusiv eine jüdisch-christliche Idee. Sie ist durch die Ebenbildlichkeit Gottes im Schöpfungsbericht begründet.»

Letztlich gebe es viele in unserer westlichen Gesellschaft, der säkularen Kultur, die das Gute suchen. «Sie setzen sich ein für Umwelt- und Tierschutz, für Schwache und Benachteiligte. Die Frage ist aber, ob sie mit der moralischen Frage überhaupt konsistent sind, mit ihrem Weltbild, wenn sie sagen, dass alles Materie ist. Wer nach dem Guten sucht, sollte auch nach Gott suchen.»

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