Fromme Skepsis? – Christlicher Journalismus und die Werte des Felix E. Müller

Der Chefredaktor der NZZ am Sonntag hat sich bei seinem Abschied über die Werte geoutet, die ihn in seiner Karriere geleitet haben. Davon können sich auch christliche Publizisten ein Stück abschneiden.

Der Chefredaktor der NZZ am Sonntag hat sich bei seinem Abschied über die Werte geoutet, die ihn in seiner Karriere geleitet haben. Davon können sich auch christliche Publizisten ein Stück abschneiden.Skepsis, Mässigung, Unabhängigkeit und Vorsicht hätten ihn auf seiner journalistischen Laufbahn begleitet, schreibt der scheidende Chefredaktor Felix E. Müller in einem persönlichen Kommentar am 1. Oktober in seinem Blatt. Besonders bei Kommentaren habe er sich zuerst von den Fakten leiten lassen, bevor er seine Meinung äusserte. Damit teilt er auch einen Seitenhieb gegen Kollegen aus: «Die Erfahrung zeigt, dass die einen gar nicht so viel vom Geschäft der Faktensuche halten. Zu mühsam ist dieses, zuweilen auch störend, weil die Fakten vielleicht die Hypothesen des Journalisten nicht bestätigen.» Er beobachtet dieses Verhalten vor allem bei Kollegen, die sich von Ideologien oder vom Populismus verführen lassen.

Stückwerk hier und dort

Die Begründung von Felix E. Müller für seinen Wertekatalog tönt fast biblisch: «Viele Erkenntnisse sind zufällig, jeder Erklärungsversuch bleibt Stückwerk, alle Aussagen sind bedingt durch die Umstände, unter denen sie erfolgen.» Der christliche Journalist erinnert sich an die Aussage von Paulus in 1. Korinther, Kapitel 13, Vers 9: «Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk.»

Fakten vor Meinung

Auch wenn sich Paulus damit vor allem an Theologen und an solche, die sich dafür halten, wendet, rät Paulus auch den (christlichen) Journalisten, sich nicht vorschnell auf eine Meinung zu fixieren. Auch Christen sind versucht, die Fakten zusammenzusuchen, die ihre Meinung bestätigen, statt sich zuerst die Fakten zu sammeln und sich erst dann eine Meinung zu bilden. Nicht nur bei Themen der biblischen Dogmatik, sondern auch, wenn es um die «biblische Sicht» zu Wirtschaft, Politik oder Kultur geht. Die Meinungen sind oft sehr schnell gemacht! Oder schon ideologisch vorprogrammiert.

Skepsis und Vorsicht allein wären langweilig

Umgekehrt wäre es falsch, sich einem Relativismus zu öffnen, für den alles gleich gültig ist. Das wäre nicht nur langweilig, sondern würde auch dem Ziel, sich der Wahrheit zu nähern, nicht dienen. Denn letztlich sollen Christen sich dazu bekennen, dass es eine Wahrheit gibt, auch wenn sie selber diese nicht besitzen, sondern sich ihr nähern, indem sich die Person, die diese Wahrheit verkörpert, besser kennenlernen wollen. Und je besser sie diese Wahrheit in Person kennen, können sie auch Ereignisse in Kirche und Welt einordnen.

Die Wahrheit in Liebe

Sinn macht es, wenn christliche Medien eine Kultur des Pro und Kontra zulassen, wie dies etwa idea oder Livenet bei (kirchen-)politischen Themen pflegen. Anspruchsvoll wird es, wenn es um heikle Vorgänge im eigenen religiösen Lager geht. Da kann man sich schon die Finger verbrennen, wie der Autor aus seiner eigenen Geschichte als ehemaliger Chefredaktor von idea schweiz bezeugen kann. Allerdings gilt gerade hier auch die Losung, sich zuerst einen guten Überblick über die Fakten zu schaffen und beteiligte Leute anzuhören, bevor Schlüsse gezogen und Meinungen formuliert werden. Für den christlichen Journalisten gilt darüber hinaus ganz besonders der biblische Grundsatz, die Wahrheit in Liebe zu suchen und zu beschreiben, auch wenn er unter Zeitdruck steht. Manchmal scheinen Wahrheit und Liebe Gegensätze zu sein. Wie sie zusammengebracht werden können, wäre Stoff für spannende Diskussionen.

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