Gedanken von Judith Luig – Beten, eine sehr intime Angelegenheit

Für Menschen, die es nicht gewohnt sind, ist Beten etwas Sonderbares. Manche sehen darin etwas wie den Ruf nach einer «Supermacht», die einem beistehen soll.
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Frau betet am Bettrand

Für Menschen, die es nicht gewohnt sind, ist Beten etwas Sonderbares. Manche sehen darin etwas wie den Ruf nach einer «Supermacht», die einem beistehen soll.

Sehr persönlich schreibt die Journalistin Judith Luig in einem Beitrag für «Zeit-online» über das Gebet und wie sie nach Jahren wieder dazu fand. Sie sagt über das Gebet: «Beten ist ein intimer Akt, es ist wie Sex: Man spricht viel darüber, wie andere es tun, aber nicht darüber, wie man es selbst macht.» Genau das will sie mit ihrem Beitrag ändern.

Geprägt durch das katholische Elternhaus

Luig kommt aus einer katholischen Familie. Sie kennt das «Vater unser», das Gesangbuch, das Rosenkranzgebet und das Beten um die Fürbitte der Heiligen, und sie hat erlebt, wie ihre Grossmutter jeden Abend vor dem Bett kniete und betete.

Judith Luig schreibt, wie sie nach dem Tod ihres ungeborenen Kindes wieder begann zu beten. Es fing damit an, dass ein katholischer Pfarrer mit ihr betete. «Seit diesem Tag, an dem ich mich von meinem ungeborenen Kind verabschiedet habe, habe ich immer wieder gebetet. Manchmal vergesse ich es, manchmal ist es zu halbherzig. Aber immer wieder finde ich etwas daran.»

Die richtigen Worte finden

Anfangs betete sie Texte von Kirchenliedern. Dann aber fand sie eigene Worte. «Als das Beten nicht mehr ganz so ungewohnt war, ich mich nicht mehr selbst dabei beobachtete, fing ich an, kleine Sätze von mir hinten dranzuhängen. Dinge, die mich bewegten, Hoffnungen, die ich hatte. Aber auch Sachen, für die ich dankbar war. Jeden Abend ein kleines Resümee des Tages. Gerahmt durch das Kreuzzeichen.»

Wie spirituell ist Deutschland?

Luig macht sich auch Gedanken darüber, wie religiös, wie spirituell Deutschland ist. «Einerseits nicht, es ist das Land der Aufklärung. Andererseits gibt es eine tiefe Suche nach Gott, nach Innerlichkeit, wie sie auch zur Romantik gehörte und so werden manche Inhalte auch unnötig überhöht.»

Und weiter meint sie: «Glaube gilt als unaufgeklärt und rückschrittlich. Aber gibt es eigentlich noch irgendjemanden, der nicht an etwas ganz fest glaubt? Ist die Suche nach einem übergeordneten Sinn nicht einfach ein Bedürfnis des Menschen? Egal, welchen Ausdruck es findet?»

Hoffnungen, die beim Beten mitschwingen

Über die Motive, warum Menschen beten, macht sie sich folgende Gedanken: «Beten ist der sehr unprotestantische Wunsch nach Bevorzugung. Dass man aus der Masse herausgehoben werden möge. Dass man bei etwas, das man selber nicht mehr beeinflussen kann, eine Art überirdische Hilfe bekomme. Eine Supermacht, die einem beisteht. Und es ist der kindliche Wunsch nach einem Grösseren, der für einen sorgt. Dass man sich nur einfügen müsse und jemand anderes die Verantwortung mit übernimmt. Beten bedeutet auch Hoffen. Sich nicht mit dem abfinden, was ist.»

Knien und Händefalten – ein Zeichen dafür, sich zurückzunehmen

Judith Luig versucht, eine Form des Gebets zu finden, mit der sie sich wohlfühlt. «Das Sofa ist unpassend. Ich stelle mich ans offene Fenster. Richte meinen inneren Monolog irgendwo dahin. Ich öffne die Hände, bitte um Kraft. Es überzeugt mich nicht. Schon die Wortwahl fällt mir schwer. Kraft. So etwas sage ich sonst nie.»

Mit der Zeit entwickelt sie ihren Gebetsstil, der wohl auch ihrer Prägung entspricht. «Ich knie mich auch hin, wenn ich bete. Meistens. Weil ich hoffe, dass alleine die Haltung mir zu einer anderen Einstellung verhilft. Das ist unpopulär geworden. Weil die Geste als zu demütig empfunden wird. Das ist nicht zeitgemäss. Ebenso wenig, wie die Hände noch zum Gebet gefaltet werden wie bei Dürer. Viele öffnen sie jetzt, strecken die Handflächen von sich weg nach oben. Das ist mir zu prätentiös. Mir gefällt das Knien und das Händefalten als Geste, gerade weil es eine bewusste Zurücknahme ist.»

Ihr Artikel ist eine beeindruckend ehrliche und sehr genaue Selbstbeobachtung. Durch das Reflektieren wahrt Luig dennoch einen Abstand zum Geschehen in sich selbst. Ich wünschte mir, mehr Christen würden so ehrlich über sich sprechen.

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