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Anna und Zmicier Chviedaruk mit Baby

Belarus – Zweimal geflüchtet, jetzt Hoffnungsträger

Eine Mitarbeiterin der Lausanner Bewegung und ihr Mann erzählen ihre Geschichte von der Flucht aus Belarus über die Ukraine – und letztlich der Gründung einer Gemeinde für Flüchtlinge in Polen.

Eine Mitarbeiterin der Lausanner Bewegung und ihr Mann erzählen ihre Geschichte von der Flucht aus Belarus über die Ukraine  – und letztlich der Gründung einer Gemeinde für Flüchtlinge in Polen.

Es ist noch Nacht an jenem Dezembermorgen 2021. Lautes Klopfen an der Tür, Rufe – die Polizei steht vor der Tür von Zmicier und Anna Chviedaruk. Zmicier erzählt: «Es war wie im Film: bewaffnete Männer mit Schilden und Gewehren. 'Hinlegen', schrien sie.» Die Polizisten schlagen ihn, durchwühlen seine Sachen und nehmen ihn mit. Im Auto zwingen sie ihn mit einem Elektroschocker, auf Video zu beteuern, die Polizei verhalte sich korrekt und behandle ihn höflich.

«Er bekam 15 Tage Haft», sagt Anna. «Aber wir waren nicht sicher, ob er da wieder herauskommen würde.» Eine Stunde nach Zmiciers Verhaftung erfuhr Anna, dass sie schwanger war – mit ihrem ersten Kind. So begann der lange und schwere Weg der Familie aus Belarus in die Ukraine – kurz vor Ausbruch des Krieges – und schliesslich nach Polen.                                 

Ein Leben in ständiger Gefahr

Anna und Zmicier stammen aus Belarus, seit 1994 ist hier «Europas letzter Diktator» Alexander Lukaschenko an der Macht. Seit dem umstrittenen erneuten Wahlsieg Lukaschenkos 2020 werden in Belarus Tausende aus politischen Gründen verfolgt und auf der Strasse oder zu Hause verhaftet. «Wenn man in Belarus in den sozialen Medien etwas postet oder irgendwie den Mund aufmacht, lebt man mit der Realität, dass man jederzeit verhaftet werden kann», sagt Anna.

In jenem Jahr war Zmicier schon zwei Mal verhaftet worden; denn er hatte sich zu Wahlbetrug im Wahllokal geäussert. Danach hatte er mit anderen Christen gegen die Gewalt im Land protestiert. Da er sich zuvor in der Oppositionsbewegung engagiert hatte, riskierte er zudem strafrechtliche Ermittlungen.

Zusammenhalt in der Zelle

Zwei lange Wochen sass Zmicier mit zwanzig anderen Männern in einer Zelle für vier Personen. «Im Polizeigewahrsam war es schrecklich, im Prinzip wie im KZ.» Alle zwei Stunden wurden sie geweckt – Foltermethode «Schlafentzug». Aber die Männer in Zmiciers Zelle beschlossen, zusammenzuhalten. Sie hielten Fachvorträge, z.B. über Physik und Geschichte; und sie machten Spiele: «Das half sehr, um zu überleben und mit all dem fertigzuwerden. Wir versuchten, einander zu helfen, wir hatten ja dieselben Werte.»

Zmicier, Pastor und Fernstudent am Evangelisch-Reformierten Seminar der Ukraine, war der einzige Christ in der Zelle. «Ich dachte, die Leute wären so verzweifelt, dass sie vom Christsein nichts hören wollten, aber sie hatten jede Menge Fragen.» So ergaben sich viele Gespräche über den christlichen Glauben. «Wir sind bis heute in Kontakt.»

Auf der Flucht

Gott sei Dank kam Zmicier am 23. Dezember 2021 frei. Leute aus der Gemeinde redeten ihnen gut zu, das Land zu verlassen. Nach allem, was bisher geschehen war, würde das Regime Zmicier nicht in Ruhe lassen.

So flohen sie am Neujahrstag 2022 nach Kiew. Hier, so dachten sie, könnten sie ein paar Monate bleiben und dann wieder nach Hause fahren. Aber dann begann der Ukraine-Krieg, die Situation eskalierte, und weil Anna ein Baby erwartete, beschlossen Zmicier und Anna, nach Warschau zu gehen.

«Es ist schwer, sich als Flüchtling zu bezeichnen – aber wir sind wohl welche», sagt Anna. Das Leben in Polen ist für die Chviedaruks und andere Belarussen und Ukrainer schwierig: Sie kennen die Sprache nicht, das Leben ist teuer, Freunde und Verwandte sind weit weg. Aber auch hier gibt es Glaubensgeschwister, und in der Kirche finden sie Hilfe und Rückhalt.

Humanitäre Krise – eine riesige Chance für Mission

In Warschau halfen Zmicier und Anna zunächst anderen Flüchtlingen aus Belarus und der Ukraine. Um über die Runden zu kommen, arbeitete Zmicier eine Zeit lang als Journalist und berichtete über Osteuropa; aber die Flüchtlinge brauchten eine Kirche. Also widmete er sich der Aufgabe, mit anderen eine Gemeinde und Anlaufstelle für russischsprachige Osteuropäer in Warschau zu gründen. Hier sollte von Anfang an das Evangelium in der Mitte steht. Sie wollten den Flüchtlingen und Umsiedlern dienen; viele haben ja ganz ähnliche Traumata erlebt wie Gefangenschaft, Folter und Verlust.

Noch immer befindet sich diese Gemeindegründung in Warschau in den Anfängen. Klar ist für Zmicier: «Es wird eine russischsprachige Gemeinde sein, Russisch ist die Hauptsprache Osteuropas.» Schwierigkeiten, Chaos und Leid haben viele nichtchristliche Flüchtlinge in Warschau zum Nachdenken gebracht. Diese humanitäre Krise ist eine riesige Chance für Mission.

«In den letzten Monaten habe ich erlebt, welch enorme Ermutigung es ist, Gott zu kennen», sagt Anna. Sie sei offener geworden für Gottes grossen Plan.

Hier geht's zu einem Video der Flüchtlingsgemeinde in Warschau:

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