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Yasmin Kwadwo

Wie man Riesen bekämpft – Yasmin Kwadwo lief der Angst davon

Die Leichtathletin Yasmin Kwadwo durchlebte ein Tief in ihrer Karriere. Ein wichtige Erkenntnis half ihr dabei, nicht aufzugeben und sich wieder zurück an die Spitze zu kämpfen.

Die Leichtathletin Yasmin Kwadwo durchlebte ein Tief in ihrer Karriere. Ein wichtige Erkenntnis half ihr dabei, nicht aufzugeben und sich wieder zurück an die Spitze zu kämpfen. Ihr Beitrag in David Kadel's Buch «Wie man Riesen bekämpft» soll ermutigen, trotz Hürden die eigene Geschwindigkeit zu finden.

Seitdem ich laufen kann, war ich immer recht flink auf meinen beiden Beinen unterwegs. Meine Mutter erzählte mir, dass ich schon als kleines Mädchen ihre Fitness auf die Probe gestellt habe, indem ich in unbeobachteten Momenten meine Beine in die Hand nahm und so schnell rannte, dass es sich für eine Zweijährige fast schon wie Fliegen anfühlen musste. Schon damals war sich meine Mutter sicher, dass ihre Tochter sicherlich Leichtathletin werden wird. Ich bemerkte schon im jungen Alter schnell, dass meine gesamte Familie sehr sportbegeistert war. Wenn Olympische Spiele im Fernsehen liefen, liessen wir – gefühlt – den ganzen Tag die Glotze an.

Sobald Leichtathletik übertragen wurde, stieg in mir pure Begeisterung herauf. Ich war sowohl von der Leichtigkeit als auch von der grazilen Laufbewegung fasziniert. Als mich mein Vater mit circa neun Jahren zu einem Leichtathletik-Sportfest mit internationalen Top-Athleten mitnahm, wurde mir direkt klar, dass ich an diesem Ort richtig war und dass es diese Sportart war, in die ich mich verliebt hatte und die ich so gerne ausüben wollte. Allerdings hatte ich mich bis zu meinem elften Lebensjahr noch für keine spezifische Sportart entschieden.

Unbeschwertheit

In unserem damaligen Wohnumkreis befand sich kein Leichtathletikverein, somit duellierte ich mich mit den Nachbarskindern nach der Schule immer wieder aufs Neue im Fussball, bei meinem Lieblingsspiel «POLO» oder auch im Fangen.

Erst mit dem Umzug nach Bochum-Wattenscheid ergab sich für mich die Möglichkeit, einem Leichtathletikverein, dem TV Wattenscheid 01, beizutreten. Meine sportliche Karriere begann vielversprechend. Ich gewann in der Jugend unzählige deutsche Meistertitel und nahm an internationalen Meisterschaften teil. Den Höhepunkt erreichte ich, als ich in der Altersklasse U20 den Europameistertitel jeweils über 100 m und mit der 4x100m-Staffel gewann. Es hatte sich über die Jahre und durch die vielen Siege eine gewisse Unbeschwertheit und Leichtigkeit entwickelt.

Dieses Gefühl von Sicherheit und einer guten Portion Selbstbewusstsein nahm ich auf meinem weiteren Weg der sportlichen Karriereleiter in die neue Altersklasse mit. Aufgrund dieses Gefühls der Sicherheit und Unbeschwertheit schaffte ich in den darauffolgenden Jahren zwei Teilnahmen bei den Olympischen Spielen: London im Jahr 2012 und vier Jahre später in Rio de Janeiro. Leider nahm diese Unbeschwertheit ein Ende, als ich mich sowohl national als auch international nicht mehr über meine Paradestrecke (100 m) behaupten konnte. Immer wieder plagten mich Schmerzen im unteren Bereich des Rückens und auch an der Oberschenkelrückseite.

«Lass es sein, Yasmin!»

Da ich diese Schmerzen nicht mehr unter Kontrolle bekam, wurden meine sportlichen Leistungen immer schwächer und schlechter. Sponsoren- und Vereinsverträge wurden entweder gekürzt oder ganz aufgelöst, so dass meine finanzielle Sicherheit wegbrach. Darüber hinaus bemerkte ich, dass sich mein Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit, die sonst mein Markenzeichen waren, allmählich veränderten und ins Wanken gerieten.

Zum ersten Mal in meiner gesamten Karriere waren die Leidenschaft und Liebe für meinen Sport erloschen. Ich streckte meine Hände nach Unterstützung aus, musste jedoch sehr schnell feststellen, dass das Sportgeschäft schnelllebig ist, und die Menschen, unter denen ich jahrelang höchste Leistung erbracht hatte, mir den Rücken zudrehten. Die Stimmen um mich herum, die sagten «Lass es sein, Yasmin!» oder «Das bringt doch nichts mehr, du bist zu alt!», wurden immer lauter.

Auch in mir begannen sich meine Gedanken um ein potentielles Karriereende zu kreisen. Aber eine ganz leise Stimme in mir sprach mir Mut zu, und aus einem unerklärlichem Grund war ich der festen Überzeugung, dass meine sportliche Karriere noch nicht vorbei sei. Der Schlüssel: Ich akzeptierte meine schwierige Situation.

Positive Gedanken durch Akzeptanz

Diese Akzeptanz half mir, positive Gedanken zu entwickeln und das Beste aus meiner Situation zu machen. Wenn ich zurückblicke, ist es fast schon unerklärlich, wie viel Gottvertrauen ich in mir hatte, aber aus der heutigen Perspektive bin ich stolz, wie ich diese Durststrecke überwinden konnte.

Mit diesem neugewonnen Gefühl der Akzeptanz und der positiven Einstellung kamen die grossen Gefühle für meine erste Liebe zurück. Dies bedeutete für mich, dass ich meine Situation als eine Art Lebensphase verstand, die bald vorbei sein würde.

Dadurch war es mir möglich, mich an besonders «regnerischen Tagen» auf die positiven Aspekte in meinem Leben zu fokussieren und so zu verhindern, dass meine Emotionen einen klaren Blick unmöglich machten. Ich schaffte es, einen gesunden Körper zu trainieren und mich im Kopf neu zu fokussieren. Nach zwei Jahren Abstinenz auf der internationalen Bühne schaffte ich es 2019 zurück in den Bundeskader, rannte eine neue persönliche Bestzeit über 100 m (11,25 sec) und qualifizierte mich für die Weltmeisterschaften in Doha, Qatar. Dort belegte ich den 5. Platz mit der 4x100 m- Staffel. In dieser Saison kamen einige Personen aus dem Sport auf mich zu, die sich für mich freuten, aber auch einige, die mir offen und ehrlich sagten, dass sie niemals daran geglaubt hatten, dass ich jemals zu alter, wenn nicht sogar zu neuer Stärke zurückfinden würde.

Die richtige Geschwindigkeit erreichen

So, wie ich es Dir nun sage, sagte ich jenen, dass man niemals aufhören darf, an sich zu glauben. Im Leben werden einem mitunter sehr hohe Hürden in den Weg gestellt, und man hat das Gefühl, dass man diese Hürden nicht überwinden kann, egal wie viel Anlauf man nimmt. Aber bei dem einen klappt es schneller, und bei dem anderen dauert es ein wenig, bis er die richtige Geschwindigkeit zum Überwinden des Hindernisses erreicht hat. Ich glaube, dass Gottvertrauen und Fleiss die perfekte Mischung dafür sind, die «richtige Geschwindigkeit» im Leben zu erreichen.

Zur Person

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Buchcover «Wie man Riesen bekämpft»

Yasmin Kwadwo ist in Recklinghausen geboren und in Bochum Wattenscheid aufgewachsen. Seit ihrer Jugend betreibt sie Leichtathletik und konnte dort mehrfache deutsche Meistertitel auf den Sprintstrecken gewinnen. 2012 und 2016 nahm sie dann mit dem DLV an den Olympischen Spielen teil. Neben dem Sport absolviert sie eine Ausbildung zur Gymnasiallehrerin in den Fächern Geschichte und Englisch.

Zum Buch:
«Wie man Riesen bekämpft» beim Fontis-Shop bestellen oder als E-Book zum Download verfügbar auf der Webseite www.wiemanriesenbekaempft.de

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