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Anna Hofacker

Zwischen Schmerz und Zweifel – «Wo war Gott, als mein Bruder starb?»

Anna Hofacker aus Herrenberg durchlebte eine harte Glaubenskrise und wurde für ihre Mitmenschen zu einer Herausforderung. Bei Gott fand sie schliesslich den Trost, den Menschen nicht geben können.

Anna Hofacker aus Herrenberg durchlebte eine harte Glaubenskrise und wurde für ihre Mitmenschen zu einer Herausforderung. Bei Gott fand sie schliesslich den Trost, den Menschen nicht geben können.

«Dein Bruder, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.» Diese Nachricht veränderte am 21. April 2017 das Leben von Anna Hofacker. Ein paar Tage zuvor hatte sie ihren Bruder Damian, anlässlich ihres 23. Geburtstages, zum letzten Mal gesehen. «Damals rechnete ich nicht damit, ihn nie wieder zu sehen – und ich fand auch wenig Zeit, mich mit ihm zu unterhalten.» Die Gelegenheit hierzu sollte nie wiederkommen.

«Der Tod meines Bruders zog mir den Boden unter den Füssen weg», erzählt sie. Zurückgelassen hat er seine Frau und einen Sohn im Kleinkindalter. Anna, die selbst erst einige Monate zuvor geheiratet hatte, hatte keine Worte, um ihren Zustand zu beschreiben.

Wo war Gott?

Bald begann die Glaubenskrise. Was sollte Anna über einen Gott denken, der verheisst, dass wir den Fuss nicht an einem Stein stossen würden und dann keine Möglichkeit hatte, den Unfall ihres Bruders zu verhindern? Für Anna ergab dies einfach keinen Sinn. Schliesslich war Damian sogar im Dienste des Herrn in der Schweiz unterwegs. Und an den kleinen Sohn durfte sie schon gar nicht denken.

Nein, Anna hatte nicht geglaubt, dass Gott uns immer vor Schwierigkeiten und Leid verschont. Aber der Tod Damians vermochte sie beim besten Willen nicht zu verstehen. Das war zu viel. Irgendwie musste sie mir ihren Fragen klarkommen.

Mit ehrlichem Herzen über Gottes Güte singen

Die erste Zeit war sehr hart. Mit ihrem Schmerz fühlte Anna sich genauso alleine, wie mit ihren quälenden Fragen. Es kam vor, dass sie einen Gottesdienst verliess, weil sie die Lieder über Gottes Liebe und Güte nicht ertrug. Ein anderes Mal ging sie weinend raus, weil jemand das Wort «Leichnam» gesagt hatte.

Mit dem Anspruch, Anteilnahme und Trost zu erfahren, redete sie mit vielen Menschen. Heute ist ihr klar, wie unfair ihre Erwartungen an andere Menschen waren und versteht auch deren teilweise abweisenden Reaktionen. «Da ich mit meiner Trauer nicht umgehen konnte, waren meine Mitmenschen überfordert mit mir. Auch meine junge Ehe wurde stark strapaziert.» Irgendwann verstand Anna, dass sie bei Menschen weder Trost noch Glück erwarten durfte. «Ich wandte mich an Gott und erhielt, wonach ich mich zutiefst in meinem Herzen sehnte.» So wurde sie, trotz ihrer Trauer, wieder fähig, Gottes Güte zu besingen.

Auf Gott zugehen

Weil sie die Stimme ihres Bruders nicht verklingen lassen wollte, begann Anna, die Predigten ihres verstorbenen Bruders niederschreiben, um diese für interessierte Leser zugänglich zu machen. Dadurch kam sie dazu, den Brief des Paulus an die Philipper zu studieren. «Dort stiess ich auf wegweisende Aussagen auf meinem Weg der Trauer. Zum Beispiel wurde mir der Vers wichtig, der besagt, dass Gott sowohl das Wollen, wie auch das Vollbringen bewirkt.» Dieses Wissen gab ihr eine Perspektive.

Um Gottes Handeln zu verstehen, forschte Anna weiter und schrieb weitere Predigten ihres Bruders nieder. Der innere Schmerz liess nicht nach und die Ratschläge ihrer Mitmenschen blieben grösstenteils wirkungslos. Aber Gott selbst begann, an ihrem Herzen zu wirken – langsam aber stetig.

Eine Perspektive der Ewigkeit

Je mehr sich Anna auf Gott und sein Wort einliess, desto mehr wurde sie von einer Perspektive der Ewigkeit erfasst. «Ich hatte schon zuvor an die Ewigkeit geglaubt, doch erst in meiner Krise erhielt dieser Glaube ganz praktische Bedeutung.» Diese Perspektive ermöglichte es Anna, sich trotz ihres Schmerzes an Gottes Güte zu freuen.

Im Laufe der Zeit stellte Anna fest, dass viele unter denselben Fragen und Zweifeln leiden wie sie. Gerade für Menschen, die Schweres erfahren haben, ist es oft unmöglich, an einen liebenden Gott zu glauben. Eine Nachbarin, die ihren Bruder an Krebs verloren hatte, sprach sie einmal an: «Wie kommt es, dass wir dasselbe erlebt haben, du aber tatkräftig wirst, während ich in einem Loch versinke?» Langsam verstand Anna die Kraft, die darin liegt, Gott inmitten von Zweifel und Schmerz zu suchen. Sie sah Menschen, die an Krisen zerbrachen und Kirche und Gott den Rücken kehrten. Für sie war inzwischen klar: «Es lohnt sich, an Gott dranzubleiben!»

Es gibt noch viel zu entdecken

«Die Gesellschaft kann schlecht damit umgehen, wenn es jemandem schlecht geht», schildert Anna ihre Beobachtung. «Und oftmals ist das auch in unseren Kirchen so.» Es wird davon ausgegangen, dass einfach ein Knopf gedrückt werden kann und dann alles in Ordnung ist. Doch diesen Knopf gibt es nicht. «Manchmal brauchen wir Zeit, um Erfahrenes zu verarbeiten.» Zum Überwinden des Leids gibt es weder Abkürzung noch Notausgang.

Anna will keine «Social-media-Christin» sein, welche die Schattenseite des Lebens versteckt. Gleichzeitig möchte sie sich aber auch nicht vom Leid einnehmen lassen, sondern sich nach Gott ausstrecken. «Es geht um einen Glauben, der Gott niemals in Frage stellt, ihm aber Fragen stellt.» Ein Spannungsfeld, welches sie zu weiteren Gedanken anspornt. Inzwischen hat sie ein Theologiestudium bei IGW angefangen, denn es gibt noch sehr viel zu entdecken.

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