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Matthias Kleiböhmer

Wenn der Lebenstraum zerbricht – «Wir leben von der Vergebung»

Vor knapp 30 Jahren war Matthias Kleiböhmer noch der Meinung, dass Vergebung keine grosse Rolle spielt im Leben. Inzwischen ist er zu einer anderen Erkenntnis gekommen...

Mitte der 90er-Jahre hat es noch Spass gemacht, sich auszumalen, was die Zukunft bringt. Das Ende der Schulzeit im Rücken und das neue Jahrtausend in Reichweite war ich mir sicher, dass «der Mensch» und die Gesellschaft sich weiter zum Guten entwickeln. Zwangsläufig. Deswegen konnte ich auch diagnostizieren, warum der christliche Glaube immer weniger Menschen etwas bedeutet: Wir fühlen uns nicht mehr schuldig, und deswegen ist die Botschaft Jesu von der Vergebung der Schuld auch nicht mehr attraktiv. Das ist ein Relikt aus der Zeit, als man mehr nach hinten gedacht als nach vorn gelebt hat.

25 Jahre später steht ein aufgewühlter Gesundheitsminister vor einem Mikrofon und prophezeit der von der Pandemie überraschten Bevölkerung: «Wir werden uns viel zu verzeihen haben!» Eine junge Generation prallt mit der Frage «Warum unternehmt ihr nichts gegen den Klimawandel?» weitgehend an der älter werdenden Gesellschaft ab. Wir beginnen zu begreifen, dass Diskriminierung von Menschen Teil unseres Alltags ist, und tun uns schwer damit, dies zu verändern. Der «alte weisse Mann», der ich bald selbst sein werde, wird zum Sinnbild für Unterdrückung und mangelnde Zukunftsorientierung. Es zeigt sich: Schuld ist eines der grossen Themen unserer Zeit. Und es gibt einen Ausweg für uns: die Vergebung.

Auf den Scherben eines Traumes sitzt man schlecht

Bevor ich mir wieder einrede, der Gesellschaft eine vollständige Diagnose stellen zu können und die Therapie zu kennen, zurück zu mir: Ich kam zur Vergebung, weil ich meinen Lebensweg nicht akzeptieren konnte. 15 Jahre lang hatte ich meine Zeit und Energie in die Evangelische Landeskirche investiert in der festen Gewissheit, eines Tages Pfarrer zu werden. Ich sass in Gremien und Arbeitskreisen, leistete tausende Stunden ehrenamtlichen Dienst als Musiker und Jugendleiter, lernte alte Sprachen (was mir nicht liegt) und schaffte es als Erster in der Familie durch ein Hochschulstudium, das mir eigentlich eine Nummer zu gross war. Am Ende dieses Weges stand ich mit einem Brief in der Hand vor den Trümmern meines Lebens. Examen bestanden und trotzdem von der Kirche aussortiert. Heute wirkt es wie eine Entscheidung aus dem letzten Jahrhundert, und es war auch eine. Man hatte Sorge, zu viele Geistliche einzustellen, deswegen bekam die Hälfte des Jahrgangs eine Absage. Die Erkenntnis: Du wirst niemals Pfarrer werden. So ist es bis heute geblieben.

Ein Lebenstraum, den andere Menschen mit ihren Entscheidungen zerstören. Wie lebt man damit? Vor allem, wenn einem eine Institution etwas schuldet, die die Verantwortung in so kleine Teile zerlegt, dass niemand persönlich angeklagt werden kann? In den ersten Jahren lebte ich schlecht damit. Dann war ich im Leben angekommen mit Familie und einer erfüllenden Aufgabe im Beruf. Erst hatte ich von der Musik gelebt, dann als Fundraiser gearbeitet, schliesslich christliche Events organisiert – das «Eigentlich wollte ich...» lag noch immer wie ein Schatten über alledem. Auf den Scherben eines zerbrochenen Lebenstraums kann man es sich nicht gemütlich machen. Was scharfe Kanten hat, kann man nicht ignorieren. So bleibt nur die Wahl zwischen Verbitterung oder innerem Frieden. Und als ich bei Jesus las: «Du musst nicht siebenmal vergeben, sondern siebzigmal siebenmal» (Matthäus Kapitel 18, Vers 22), habe ich mich für den Frieden entschieden.

Weil ich es kann

Man hört einen Vers hundertmal, und dann plötzlich löst er etwas aus. So war es damals. Ich hatte verstanden: Vergebung lernt man nicht nebenbei. Das ist ein Weg, ein Training. Und auf dem Plan stehen Schritte, die man immer wieder neu machen muss: sich in die Lage des «Schuldigen» hineinversetzen. Verstehen, warum er oder sie so entschieden hat. Sich ehrlich fragen, ob man anders gehandelt hätte. Sich noch einmal ehrlich fragen, ob man wirklich anders gehandelt hätte. Den eigenen Anteil und die eigene Schuld akzeptieren. Und dann vergeben, vergeben, vergeben. Ich schrieb eine Pro- und Contra-Liste und erklärte dem inzwischen pensionierten Ausbildungsleiter, die Gründe seien nachvollziehbar gewesen. Ich sprach mit Freunden darüber und versicherte immer wieder, dass ich vergeben will. Ich merkte: Die Verletzung ist noch da, aber der Schmerz lässt nach. Endlich.

Heute schaue ich mir das an wie eine Narbe, deren Geschichte ich nicht mehr im Detail weiss. Ich schaue lieber nach vorn als nach hinten. Und wenn ein Schulterblick nötig ist, tut er nicht mehr weh. Am Ende sass ich als Theologe mit Diplom in einem Kurs für Laienprediger. Da fragte mich jemand: «Warum tust du dir das an?» Und ich konnte sagen: «Weil ich es kann!»

Heute leite ich den pastoralen Dienst in der evangelischen Stiftung Creative Kirche. Pfarrer bin ich aber nicht, und es geht mir gut damit. Wegen der Vergebung, die ich ins Regal der theologischen Tradition stellen wollte. Die Wahrheit ist doch: Wir kommen nicht ohne Schuld durchs Leben. Wir enttäuschen Menschen, treffen Entscheidungen, die Folgen haben. Und Jesus zeigt den Weg aus der Bitterkeit zurück in die Gemeinschaft, aus der Vergangenheit in die Zukunft. «Da hast du dich geirrt», sage ich manchmal leise zu mir, als könnte ich mit meinem 20-jährigen Ich sprechen. «Aber macht nichts – wir leben ja von der Vergebung.»

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