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Trauer um ein verstorbenes Kind

Und trotzdem... – Wie ein väterlicher Schmerzpunkt die Sichtweise verändert

«Statt Windeln und Spielzeug kauften wir Taschentücher und zum ersten Mal in unserem Leben einen Grabstein», erinnert sich Oliver Helmers. Er berichtet, wie er in einem schweren Schicksalsschlag am Glauben festhalten konnte.

Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt noch glaube. Im Dezember vor zehn Jahren ist das Schlimmste passiert, was einem Vater passieren kann. Unser erstes Kind starb nur wenige Wochen vor dem erhofften Geburtstermin im Mutterleib. Wir waren für das aktive Elternsein vorbereitet und die Vorfreude war gross, und wie! Ich hatte das Kinderzimmer schon gestrichen, die Elternzeit war beantragt und meinen Kleinwagen hatte ich durch ein Familienauto ersetzt. Aber jetzt kämpften wir Tag für Tag mit den Tränen. Statt Windeln und Spielzeug kauften wir Taschentücher und zum ersten Mal in unserem Leben einen Grabstein. Und bei alldem versuchten wir unser Leben mit Ach und Krach auf die Reihe zu kriegen.

Vom fragenden Kopfschütteln…

Warum gab mir in dieser Zeit mein Glaube eine ungeheure Kraft, die man wohl am ehesten mit Paulus als «Kraft in (ich ergänze: unglaublicher, nie gefühlter) Schwachheit» bezeichnen kann? Weshalb hielt ich an Gott fest, obwohl andere ihn nach einer solchen Erfahrung längst aufgegeben hätten? Wieso verschwendete ich keinen Moment damit, mit Gott zu hadern?

Mit einigem Abstand schaue ich zurück und ahne die Ursache. Natürlich könnte ich jetzt schön fromm formulieren, dass ich in dieser gravierenden Trauerzeit von Gott gehalten war, was sich nicht abstreiten lässt. Ich kann allerdings sagen, dass vor allem eines in dieser Zeit wichtig war: mein Gottesbild, oder anders gesagt die Vorstellung, wie ich über Gott denke und über den Gedanken, dass Gott ein Gott ist, der mich segnet – egal, was in meinem Leben passiert.

Und je mehr ich darüber nachdenke, war mir die Sache mit dem Segen schon immer wichtig. Wenn man andere nach dem Wichtigsten im Gottesdienst fragt, sagen sie manchmal «die Lieder» und oft «die Predigt». Für mich war es seit Kindheitsgedenken der Segen, den einer meiner Pastoren immer im Indikativ sprach: Nicht «Der Herr segne dich», sondern wie man es auch übersetzen kann: «Der Herr segnet dich und behütet dich, der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig, der Herr erhebt sein Angesicht auf dich und gibt dir Frieden!»

Auch wenn ich Gott nicht in allem verstehe: Es ist genau das, was ich glaube. Ich glaube an den Gott der Bibel: An Jesus, der nie zu irgendjemandem gesagt hätte: «Du sollst krank werden», sondern einen nach dem anderen geheilt hat. Ich glaube nicht an einen Gott, der Kinder tötet. Meine Güte, das könnte ich nicht. Mein Gott ist der, der Kinder zu sich ruft, um sie zu segnen.

Mit dieser Perspektive hielt ich in meiner Krisenzeit meine Augen geöffnet für den Segen Gottes und entdeckte ihn Tag für Tag. Ich sah ihn in dem mitfühlenden Chefarzt, der trotz seines Urlaubs mit einer ganzen Armee an Ärzten und Pflegekräften am Krankenhausbett stand, und auch in dem Lichtstrahl, der später, an einem trüben Wintermorgen, bei der Beerdigung auf Emmas Sarg schien. Gott war da in der überwältigenden Zahl an Menschen, die in unserer Trauerzeit ihr Beileid zum Ausdruck brachten und in Scharen an Emmas Beerdigung teilnahmen. Und lach jetzt nicht, aber ich entdeckte Gottes Fürsorge selbst in der selbstgemachten Lasagne, die eine Freundin vorbeibrachte, als wir so gelähmt waren, dass wir nicht einmal die Kraft zum Kochen fanden.

…zum kindlichen Vertrauen

Etwa zwei Monate später fand ich mich auf Mallorca wieder. Mein Mentor hatte uns den Tipp gegeben, eine Auszeit im sonnigen Süden zu nehmen und meine Kollegen waren sofort bereit, mich für eine Woche zu vertreten. Und so stand ich auf einem Felsen, schaute auf das atemberaubende Meer und war überwältigt. Da war es plötzlich wieder: Das Gefühl, dass Gott es immer noch gut mit mir meint und er segnend hinter uns steht.

Ich weiss, ich hätte ganz anders an die Sache herangehen können. Die Frage nach dem Warum und der nie geklärten Todesursache hätte mich zermürben können. Statt mich gesegnet zu fühlen, hätte ich Gott und meinen Glauben verfluchen können. Dass ich mich wie Jakob am Jabbok an Gott und seinen Segen klammerte, mag man psychologisch als «Durchhaltestrategie» bezeichnen. Aber vielleicht war es ja doch Gott, der mich festhielt und seinen segnenden Blick niemals von mir nahm.

Ich weiss gar nicht, warum ich das alles schreibe. Vielleicht gerade, weil ich glaube, dass meine Gottes-Sicht auch anderen helfen kann. Möglicherweise auch dir? Aber es kann auch sein, dass du ganz anders über Gott denkst und deinen eigenen Weg durch die Krisen findest. Ich wünsche dir jedenfalls, dass du in den Tiefpunkten deines Lebens spürst, was ich gefühlt habe: Gottes überwältigenden und durchtragenden Segen.

Unsere kleine Tochter nannten wir übrigens Emma: Ein Name, den man auch von «Emmanuel» ableiten kann. Auf Deutsch: «Gott für uns» und «Gott mit uns». Und ja, das ist der Gott, an den ich glaube. Du vielleicht auch?

Zum Autor:
Oliver Helmers ist Gemeindepfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Aldingen und lebt mit seiner Frau Anne und den vier gemeinsamen Kindern am Fusse der Schwäbischen Alb.

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