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Benjamin Hall hat die russischen Angriffe überlebt

Mit Prothesen zurück ins Leben – Wie ein Kriegsreporter einen russischen Angriff überlebte

Kriegsreporter Benjamin Hall überlebte 2022 schwer verletzt einen russischen Angriff in der Ukraine. Seine eindrucksvolle Geschichte erzählt von Verlust, Überlebenswillen – und der Kraft, die der Glaube und die Familie gibt.

Benjamin Hall berichtete aus Krisengebieten in Afghanistan, Syrien, Somalia, dem Irak, Libyen und vielen weiteren Ländern. «Geboren wurde ich in London. Meine Mutter war Engländerin, mein Vater Amerikaner. Die beiden waren grundverschieden. Meine Mutter war unglaublich kreativ, voller Abenteuerlust und unbändiger Neugier. Sie liebte es, zu reisen und Menschen kennenzulernen, denen sie im Alltag nie begegnet wäre. So wuchs ich mit Reisen nach Brasilien auf, mit Angelausflügen am Amazonas, Zelten in Afrika oder Aufenthalten bei indigenen Völkern in Venezuela.»

Sein Vater hingegen war ernst, rational – ein Geschäftsmann. «Doch auch seine Kindheitserfahrungen prägten mich stark. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs auf den Philippinen geboren und verbrachte als Achtjähriger einige Zeit in einem japanischen Gefangenenlager. Seine Mutter, Tanten und Grosseltern wurden getötet. Als der Krieg zu Ende ging und amerikanische Soldaten das Land befreiten, war mein Vater zwölf Jahre alt und lebte auf der Strasse. Ihm wurde gesagt: ‘Wenn du überleben willst, finde die Amerikaner – sie werden dich retten.’ Und genau das tat er. Er lief zur amerikanischen Frontlinie, wo ihn ein GI der Nationalgarde aufhob, hinter einen Panzer zog und sagte: ‘Jetzt bist du in Sicherheit.’»

Fast in Ukraine gestorben

Vor drei Jahren berichtete Benjamin Hall über den Ausbruch des Krieges in der Ukraine. «Es war der 14. März, und russische Truppen umzingelten gerade die Hauptstadt Kiew. Nachdem wir die Dreharbeiten beendet hatten, fuhren wir zurück in die Stadt – ich, unser Kameramann Pierre, unser 21-jähriger Helfer Sasha sowie zwei ukrainische Soldaten in einem zivilen Fahrzeug.»

Sie bremsten vor einem verlassenen Checkpoint. Plötzlich schlugen russische Artilleriegeschosse ein. «Die erste Granate detonierte etwa zehn Meter vor uns. Wir versuchten, sofort zurückzusetzen – da traf die zweite das Auto direkt. Ich verlor das Bewusstsein. Splitter verletzten mein Auge, mein Kopf war angeschlagen. Alles wurde schwarz, eine völlige Stille, ein Frieden, wie aus einer anderen Welt.»

«Beweg dich nicht!»

Dann war er wieder bei sich. Um ihn war Chaos, Feuer, Rauch. «Ich tastete nach der Autotür, öffnete sie, stieg aus, und genau in diesem Moment traf eine dritte Granate unser Fahrzeug. Ich wurde durch die Luft geschleudert, kam erneut kurz zu Bewusstsein und merkte: Ich brannte. Mein rechtes Bein war fast vollständig zerstört, ich war am ganzen Körper verletzt. Ich wälzte mich, um die Flammen zu ersticken.» Plötzlich rief Pierre, der es auch aus dem Auto geschafft hatte: «Russische Drohnen – beweg dich nicht!»

Sie blieben still liegen. «Und dann sprach ich ein Gebet: ‘Gott, bitte bring mich irgendwie nach Hause.’ Etwa vierzig Minuten lang lag ich dort. Niemand wusste, wo wir waren. Pierre starb vor meinen Augen. Die anderen drei kamen im Auto ums Leben.»

Waghalsige Rettung

Schliesslich fuhren Spezialeinheiten der Ukraine vorbei, ohne ihn zu bemerken. «Erst als ihr Fahrzeug wegen Motorproblemen kehrtmachte, war ich in der Lage, Steine zu werfen. Sie entdeckten mich und zogen mich ins Auto. In diesem Moment durchfuhr mich der Schmerz, den ich zuvor vor lauter Adrenalin nicht gespürt hatte.»

Er wurde in ein Spital gebracht. Zufällig war genau zu diesem Zeitpunkt der polnische Premierminister auf geheimer Reise in die Ukraine. «Wenn wir es schaffen würden, die nächtliche Ausgangssperre zu durchbrechen, könnte ich mit seinem Zug ausreisen.»

So begann eine nervenaufreibende Fahrt durch Kiew, von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt. «Ukrainer hielten uns mehrfach für russische Eindringlinge, legten uns Waffen an den Kopf und öffneten notdürftig meine Wunden, um unsere Geschichte zu prüfen. Wenige Minuten vor Abfahrt erreichten wir den Zug – ich wurde an Bord gebracht.»

Schmerz, Verlust, Trauer

Es folgte eine zehnstündige Fahrt nach Polen – ohne Schmerzmittel. «Es war die härteste Erfahrung meines Lebens. Ich lag dort, musste Schmerz, Trauer und den Verlust von Pierre und Sasha verkraften.»

Doch genau in dieser Nacht lernte er, wozu der menschliche Geist imstande ist. «Immer, wenn ich dachte: ‘Ich halte das nicht mehr aus’, sagte ich mir: ‘Du musst durchhalten. Du musst nach Hause. Für deine Familie.’»

Er lebe nun für diejenigen, die an jenem Tag starben. «Ich will in ihrem Sinne handeln – so leben, wie Pierre und Sasha es getan hätten.»

«Resilienz steckt in uns allen»

«In jedem von uns steckt Resilienz. Wir Menschen sind Überlebenskünstler. Wenn man seine Gefühle kanalisieren, mit Gott sprechen und innere Stärke finden kann, dann ist alles möglich.» Die Kunst bestehe darin, sie zu nutzen.

Sein Glaube prägte lange Zeit jede seiner Entscheidungen. «Während meiner Arbeit als Kriegsreporter begann ich jedoch, Religion zu hinterfragen. Ich hörte eine Zeit lang auf, zur Kirche zu gehen, zweifelte daran, ob der Glaube überhaupt hilfreich sei. Dann stand ich eines Tages in einer zerstörten Kirche im Nordwesten Iraks. Alles war zerbombt – nur ein Kreuz am Altar war stehen geblieben. Inmitten dieser Trümmer rührte mich dieses Symbol zutiefst. Es war ein Moment der Rückbesinnung, der Beginn einer Rückkehr zum Glauben.»

«Fliehen oder sich öffnen»

Nach dem Angriff in der Ukraine hatte er wieder Fragen an Gott. «Ich sprach mit einem Militärseelsorger über die Rolle des Glaubens. Er zeigte mir: Man hat zwei Möglichkeiten – fliehen oder sich öffnen. Und verstehen: Jeder Glaubensweg ist individuell. Finde das Gute darin. Sprich mit Gott.»

Benjamin Hall verweist auf Psalm 23, wo steht: «Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.» Für ihn ist klar: «Ich glaube, ich bin durch dieses finstere Tal gegangen – und stärker daraus hervorgegangen. Dieser Psalm begleitet mich seither in schwierigen Momenten – er gibt mir Kraft und Hoffnung.»

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