Facebook / Abouna Samaan Ibrahim
Abouna Samaan war für viele ein geistlicher Vater.

Vater Abouna Samaan – Wie die Müllsammler Kairos zu Jesus kamen

Im Oktober 2023 verstarb Abouna («Vater») Samaan mit 81 Jahren. Der koptisch-orthodoxe Priester gründete die berühmte Höhlenkirche in Kairos «Müllstadt» und brachte Tausende zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus.

Es war die vielleicht grösste christliche Trauerfeier in der Geschichte der koptisch-orthodoxen Kirche: Im Kloster St. Simon der Gerber versammelten sich über 40‘000 Menschen. Abouna Samaan war weit über Ägypten hinaus bekannt. Hier seine bemerkenswerte Geschichte:

Der Priester in Schwarz mit dem weissen Bart wurde 1941 geboren als Farahat Ibrahim. Der ägyptische Christ arbeitete als Schriftsetzer in der Druckerei der koptischen St.-Markus-Kathedrale. Durch die «Gesellschaft zur Rettung von Seelen», ein koptisches Evangelisations-Werk, lernte er Jesus persönlich kennen.

Dann führte er den Müllsammler zu Jesus

Im Jahr 1972 führte er Qidees zu Jesus. Quidees sammelte in Farahats Strasse den Müll und karrte ihn 20 km weit in ein Elendsviertel am Fuss der Mokattam-Berge. Dort lebten bitterarme Christen davon, Wertstoffe auszusortieren; die Lebensmittelreste verfütterten sie an Schweine.

Für Muslime sind Schweine unrein, deshalb waren in der Müllstadt die Kopten unter sich, damals etwa 14‘000. Wie Qidees kannten die meisten die Bibel nicht; im Slum gab es weder eine Kirche noch einen Seelsorger, dafür jede Menge Kranke sowie Alkohol- und Drogensüchtige – und die waren mitunter sehr gewalttätig. Der Staat kümmerte sich nicht um das Elend.

Zwei Jahre lang betreute Farahat seinen geistlichen Sohn Qidees und leitete ihn an, Jesus nachzufolgen; da bat Quidees ihn, seine Familie zu besuchen und sie ebenfalls zu Jesus zu führen. Farahat wollte nicht, er fürchtete sich und es ekelte ihn vor der Müllstadt – aber er ging hin!

Nach ein paar Monaten kamen Qidees’ Frau und ihre sieben Kinder zum Glauben und dazu viele Nachbarn. Die Blechhütte mit dem Schilfdach war bald zu klein für die Wochen-Versammlung, aber die Zahl der Gläubigen nahm weiter zu. So bat Farahat die «Gesellschaft zur Rettung von Seelen», eine kleine Kirche zu bauen.

Gebet in der Höhle

«Bitte, sei unser Priester!» Aber Farahat wollte nicht. So zog er sich in eine kleine Höhle oberhalb der Müllstadt zurück und betete dort nächtelang: «Gott, was willst du von mir?» Da wehte ein Fetzen aus einer arabischen Bibel vorbei, herausgerissen aus Apostelgeschichte 18. «Ich bin bei dir!», las er. «Niemand kann dir etwas anhaben; denn ich habe ein grosses Volk in dieser Stadt.» Das war die Antwort: Gott rief ihn, ihr Hirte zu sein!

Bei der Priesterweihe 1978 wählte Farahat den Namen Samaan – «Simon» – nach einem koptischen Heiligen, einem einfachen Gerber in den Mokattam-Bergen. Die ersten Jahre als Priester waren sehr schwer. In Stiefeln und mit Taschenlampe stapfte er über die Müllhaufen, da griff ihn einer mit dem Messer an; ein anderer versteckte sich vor dem Priester im Schweinestall. Aber Abouna Samaan gab nicht auf.

Dann kamen Hunderte zu Jesus und sie erkannten ihre Würde: Sie waren Kinder des Schöpfers der Welt! So veränderte sich die ganze Siedlung. Ja, es stinkt immer noch dort, es ist schmutzig und vermüllt – aber die Müllstadt ist eine einzigartige Insel von Christen im meist muslimischen Kairo.

Sichtbare und geistliche Veränderungen

Die sichtbaren Veränderungen waren bereits einschneidend. Doch die wahre Veränderung geschah in den Herzen der Menschen. Geld wurde nun nicht länger für Alkohol oder Drogen, sondern zum Wohl der Familie ausgegeben. Statt weiter in einstöckigen Hütten gemeinsam mit ihren Nutztieren zu hausen, bauten die Bewohner Wohnblocks, um oberhalb ihrer nun eingezäunten Tiere und dem gesammelten Müll zu wohnen. Viele von ihnen richteten ihr Leben auf die aktive und stetig wachsende Gemeinde aus.

Abouna Samaan hatte die Hoffnung, dass die Kinder der Müllstadt die Bibel kennen lernen und dann ihren Familien daraus vorlesen würden. Ein Bildungsprogramm wurde entwickelt. Abouna Samaan hielt donnerstags einen regelmässigen Abendgottesdienst für die örtliche Gemeinde, vermittelte seine biblischen Werte aber auch in persönlichen Begegnungen und vielen Andachten unter der Woche.

Jüngerschaft, Sozialarbeit, Gebet und Befreiung

Christianitytoday.com
Die Kirche in der Grotte von Kairo

Einmal verlor ein (damals noch) atheistischer Besucher unbemerkt seine Rolex-Armbanduhr. Ein armes Müllsammlerkind gab sie ihm zurück. Fassungslos erklärte ihm der Besucher, was die Uhr wert war und wie das Kind – hätte es sie behalten und verkauft – sein komplettes Leben hätte verändern können. Der Junge erwiderte schlicht, dass das seinem Herrn und Retter Jesus Christus nicht gefallen hätte.

Zusätzlich zur biblischen Lehre und Sozialarbeit hielt Abouna Samaan einmal pro Woche ausserdem einen Heilungsgottesdienst ab. Christen (und auch einige Muslime) kamen in Scharen und suchten Gebet und Befreiung – physisch wie geistlich. «Er hatte vollstes Vertrauen in die geistliche Autorität jedes einzelnen Nachfolgers Jesu über die Werke des Feindes», sagte Paul Williams, Geschäftsführer der britischen Bibelgesellschaft.

Sechs Höhlenkirchen und eine Kathedrale mit 25‘000 Plätzen

Die Arbeit begann 1990, als die erste Höhle in einen Saal für 3‘000 Menschen verwandelt wurde. Alle christlichen Denominationen Ägyptens waren dort willkommen. Mit dem steten Wachstum der Gottesdienste kamen weitere wunderschöne, in Stein gehauene Säle hinzu, sodass die friedliche Oase heute sechs Höhlenkirchen und eine Kathedrale mit 25‘000 Sitzplätzen umfasst. In unmittelbarer Nähe befinden sich ein Behindertenzentrum und ein elfstöckiges, hochmodernes Krankenhaus. Und 130 Kilometer weiter östlich hat Abouna Samaan ein Konferenzzentrum für tausend Gäste im Wadi al-Natroun, auf der Wüstenstrasse zwischen Kairo und Alexandria, eingerichtet.

 «Er war jemand, den man wirklich als Glaubensheld bezeichnen kann», sagte sein enger Freund Sameh Maurice, Pastor der evangelikalen Kasr el-Dobara Gemeinde auf Kairos Tahrir-Platz. «Er hat sein eigenes Leben aufgegeben, um unter den Müllsammlern zu leben und ihnen zu dienen – als einer von ihnen, um Tausende und Abertausende für Christus zu gewinnen.»

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